Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland unter Druck

Mittelstand am Limit: Sieben Bremsen für den Standort

Deindustrialisierung in Deutschland? Diese sieben Belastungen setzen dem deutschen Mittelstand zu.

Bild: Gemini, publish-industry
15.04.2026

„Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich“, erklärte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. „Diese Entwicklung erlebe ich bei meinen Einsätzen im Mittelstand beinahe täglich“, bestätigt Jane Enny van Lambalgen, CEO der Beratungs- und Managementfirma Planet Industrial Excellence. Allerdings sei dafür nicht allein die von Reiche vorgebrachte Energiekrise verantwortlich, sondern „ein ganzes Bündel an Bürden, das den weiteren wirtschaftlichen Erfolg der mittelständischen Wirtschaft gefährdet.“

Die Kombination aus Bürokratie, Energiepreisen, Fachkräftemangel, Digitalisierungskosten, KI-Risiken, globalen Unsicherheiten und weiter zunehmender Regulierung führe zu einer spürbaren Erosion der Wettbewerbsfähigkeit. „Alle diese Belastungsfaktoren überlagern und verstärken sich gegenseitig“, sagt van Lambalgen und sieht dunkle Wolken über der Industrienation Deutschland aufziehen.

Um die Zukunft ist ihr bange: „Solange die Wirtschaftsministerin vom Kanzler gerügt wird, weil sie die offensichtliche Wahrheit ausspricht, um den Koalitionsfrieden zu wahren, sind in Deutschland keine Strukturreformen zu erwarten, die diesen Namen verdienen.“

Bürokratie wirkt als systemischer Kostenblock

„Seit Jahrzehnten spricht die Politik von Bürokratieabbau, doch tatsächlich hat die Bürokratielast in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, sagt Jane Enny van Lambalgen und verweist dabei auf entsprechende Untersuchungen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamts belaufen sich die jährlichen Bürokratiekosten für Unternehmen in Deutschland auf rund 65 Milliarden Euro. „Für die Unternehmen ist das keine abstrakte Zahl, sondern Arbeitszeit, die auf Dokumentations-, Nachweis- und Meldepflichten verschwendet wird, statt sich um Kunden zu kümmern, neue Produkte zu entwickeln, Dienstleistungen zu erbringen, neue Märkte anzugehen oder mit sonstigen produktiven Tätigkeiten Geld zu verdienen“, sagt die CEO von Planet Industrial Excellence.

Mit deutlichen Worten verurteilt sie die „Symbolpolitik“ der Bundesregierung: „Angesichts des Kriegs im Nahen Osten wird der Spritpreis an der Tankstelle zum politischen Zankapfel, um entschlossenes Handeln zu demonstrieren. Doch schon lange vorher sind in Deutschland täglich mehr als 300 Arbeitsplätze verloren gegangen, weil die Industrie Standorte dichtmacht und Produktionen ins Ausland verlagert. Diesem Absturz durch eine wirtschaftsfreundliche Energiepolitik entgegenzuwirken, wäre den Einsatz der Bundesregierung wert, statt Zeit und Energie auf symbolträchtigen Nebenschauplätzen zu verschwenden.“

Energiepreise und Fachkräfte: Doppelter Wettbewerbsdruck

Die hohen Energiepreise hätten sich schon lange vor dem Nahost-Krieg als Problemfall für die deutsche Wirtschaft erwiesen. Van Lambalgen erinnert an Umfragen der Deutschen Industrie- und Handelskammer aus dem Jahr 2025, denen zufolge rund die Hälfte der Unternehmen von deutlich gestiegenen Energiepreisen betroffen war und über 60 Prozent der Industriebetriebe ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit dadurch beeinträchtigt sahen. Beinahe ebenso viele hatten laut DIHK bereits 2025 Produktionskürzungen geplant oder schon vorgenommen. „Es ist Augenwischerei, den Krieg im Nahen Osten als Grund für eine Energiekrise in Deutschland vorzuschieben”, findet Jane Enny van Lambalgen deutliche Worte.

Ein weiterer Problemkreis ist der anhaltende Fachkräftemangel. Laut Erhebungen der KfW sehen rund 45 Prozent der mittelständischen Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften beeinträchtigt. „Man muss nicht über prophetische Fähigkeiten verfügen, um zu wissen, dass sich diese Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen wird“, sagt Jane Enny van Lambalgen und fügt hinzu, ein Blick auf die OECD-Statistik genüge. Demnach werden bis 2036 rund 20 Millionen Erwerbstätige in den Ruhestand gehen, während nur circa 12,5 Millionen neue Personen auf den Arbeitsmarkt nachströmen werden.

„Seit Jahren stehen die überbordende Bürokratie, die Energiefrage und der demografische Faktor mit allen ihren absehbaren Folgen im Raum, aber ein Gegensteuern ist nicht zu erkennen“, wirft Jane Enny van Lambalgen der Politik Tatenlosigkeit vor. Sie zieht einen Vergleich: „Mir kommt das so vor, als ob man einem Patienten, der einen Herzinfarkt erleidet, ein paar Pflaster verpasst, in der vagen Hoffnung, dass das schon irgendwie helfen werde.“

Investitionen: Kapital wird teurer und knapper

Für Mittelständler, die trotz der widrigen Umstände in Deutschland investieren wollen, wird es immer schwieriger, an das dazu notwendige Kapital zu kommen, benennt die CEO von Planet Industrial Excellence eine weitere Ursache für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes. Ein Grund dafür sind neben den gestiegenen Finanzierungskosten aufgrund der Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank vor allem die von der EU verhängten schärferen Eigenkapitalanforderungen und Kreditvergabestandards, die an Banken bei der Finanzierung mittelständischer Unternehmen gestellt werden.

Durch strengere Eigenkapitalregeln müssen Banken für Unternehmenskredite mehr eigenes Kapital vorhalten, Risiken konservativer bewerten und höhere Sicherheiten sowie detailliertere Bonitätsprüfungen verlangen. Gleichzeitig führen strengere Vergabestandards, zusätzliche Auflagen wie Governance- und ESG-Kriterien sowie kürzere Laufzeiten dazu, dass Kredite für den Mittelstand insgesamt schwerer zugänglich und teurer werden.

„Dem entsprechend ist die Investitionsbereitschaft im Mittelstand rückläufig“, so die CEO von Planet Industrial Excellence. Laut KfW-Mittelstandspanel investieren nur noch rund 40 Prozent der Unternehmen regelmäßig – ein Niveau nahe historischer Tiefstände.

KI im Mittelstand: Digitale Transformation unter Compliance-Druck

„Die digitale Transformation, die im Mittelstand ohnehin nicht an erster Stelle steht, ist durch Künstliche Intelligenz zu einem Eiertanz geworden“, sagt Jane Enny van Lambalgen. Sie berichtet aus der Betriebspraxis: „Viele mittelständische Unternehmen halten sich bei KI-Innovationen zurück aus Angst vor ungewollten Datenschutzverletzungen und Governance-Verstößen. Hinzu kommt die oftmals unklare Einordnung von KI-Anwendungen auf der Risikoskala des EU AI Act.“

Ein konkretes Beispiel ist die automatische Analyse und Priorisierung von E-Mails mit Bereitstellung von Antwortvorschlägen. Da E-Mails in der Regel personenbezogene Angaben enthalten und alle gängigen KI-Systeme als US-amerikanische Clouddienste bereitgestellt werden, gerate bereits diese im Grunde einfache KI-Anwendung zum Problemfall. Weitere nach geltendem Recht hochproblematische Einsatzfälle sind das KI-gestützte Recruiting, die Kundenanalyse und das Profiling im Marketing, die Video- oder Leistungsüberwachung mit KI-Auswertung, die Dokumentenanalyse durch KI sowie die automatische Erstellung und Aufbereitung von Gesprächsprotokollen.

„Man muss wohl sagen, dass die meisten KI-Anwendungsbiete, die etwa in den USA längst zur Selbstverständlichkeit geworden sind, in der EU als rechtlich problematisch gelten“, fasst Jane Enny van Lambalgen zusammen. Sie fügt hinzu: „Konzerne mit eigenen Compliance-Abteilungen können diese Hürden überwinden, aber für weite Teile des Mittelstands wird Künstliche Intelligenz aufgrund der strikten Regulatorik hierzulande zum Spiel mit dem Feuer, weil der damit verbundene rechtliche Aufwand unverhältnismäßig hoch ist.“

Globale Konflikte, fragile Lieferketten

Die geopolitischen Risiken und Konflikte mit direkten Auswirkungen auf Lieferketten und Absatzmärkte belasten den Mittelstand ebenfalls stark, räumt Jane Enny van Lambalgen ein. Sie legt jedoch nach: „Die Kernprobleme für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind hausgemacht. Der Verweis auf Trumps Zolleskapaden oder die Sperrung der Straße von Hormus wirkt oftmals wie eine Ausrede, um nicht über die wahren Ursachen sprechen zu müssen.“

Ein Beispiel hierfür ist die zunehmende Knappheit bei Speicherchips, die vor allem durch den großflächigen Bau von KI-Rechenzentren in den USA verursacht wird. Die Managerin blickt in die Zukunft: „Die Versorgungslücke für die deutsche Industrie ist absehbar, weil heutzutage in praktisch jedem Gerät und jeder Maschine Speicherbausteine stecken. Der politische Ruf nach europäischer Souveränität bei Halbleitern wird erneut kommen – und wohl ebenso klanglos verhallen wie alle bisherigen Versuche zum Aufbau einer eigenen Chipversorgung.“

Abgabenlast frisst Investitionskraft

„Die im internationalen Vergleich viel zu hohe Steuer- und Abgabenlast gehört ebenso zu den Dauerbrennern, ohne dass Besserung in Sicht ist“, führt Jane Enny van Lambalgen weiter aus. Für den Mittelstand bedeute dies geringere Spielräume für Investitionen und Innovationen. Besonders arbeitsintensive Unternehmen sind durch hohe Lohnnebenkosten belastet. „Das deutsche Steuer- und Abgabensystem lädt geradezu dazu ein, menschliche Arbeitskraft durch KI und Roboter zu ersetzen, wobei dabei wiederum der Mittelstand im Nachteil ist“, erklärt sie.

Wenn Bremsen sich verstärken

„Alle diese Entwicklungen kumulieren zu einer strukturellen Mehrbelastung enormen Ausmaßes“, sagt Jane Enny van Lambalgen und zeigt die Zusammenhänge auf. Sie führt aus: Die Bürokratie reduziere die Produktivität, hohe Energiepreise erhöhten die Kostenbasis, der Fachkräftemangel begrenze das Wachstum, die Digitalisierung erzwinge zusätzliche Investitionen und die KI als Lösung für einige dieser Probleme scheitere an regulatorischen Hürden. Van Lambalgen ergänzt: „In Summe entsteht ein struktureller Druck, der weit über konjunkturelle Schwankungen hinausgeht. Wenn sich nichts Wesentliches ändert, wird sich die mittelständische Wirtschaft in Deutschland nie mehr erholen.“

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