Transformation läuft, aber nicht überall

E-Mobilität weiter als gedacht – wie steht es um die Automobilindustrie?

Bei der E-Mobilitäts-Transformation sind viele Unternehmen bereits weit fortgeschritten. Diese lehnen jedoch lockerere CO2-Flottengrenzwerte und den Ausstieg aus dem Verbrenner ab.

Bild: iStock, gorodenkoff
05.05.2026

Viele Unternehmen der deutschen Autobranche sind bei der Transformation zur E-Mobilität weit fortgeschritten. Vorreiter lehnen Lockerungen beim Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und bei den CO2-Flottengrenzwerten ab. Sie verlangen stabile Regeln und Maßnahmen zur Steigerung der Nachfrage nach E-Autos.

Die Transformation der deutschen Automobilindustrie hin zur Elektromobilität ist weiter fortgeschritten als häufig angenommen. Das geht aus einem Strategiepapier hervor, das auf einer Befragung von Führungskräften in der Autobranche basiert. Zugleich ist die Branche in Vorreiter und Nachzügler gespalten. Unternehmen, die bereits stark in die Elektrifizierung investiert haben, sprechen sich insbesondere gegen eine Lockerung des Verbrenner-Aus und der CO2-Flottengrenzwerte aus. Sie wünschen sich stattdessen verlässliche Rahmenbedingungen, um ihre Planungssicherheit zu erhöhen, sowie zusätzliche Maßnahmen, um die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen zu stärken.

E‑Mobilität ist in der Branche vielerorts Realität

Die Ende 2025 abgeschlossene Umfrage zeigt, dass viele deutsche Unternehmen die Neuausrichtung ihres Automobilgeschäfts in Richtung Elektromobilität nicht nur bereits begonnen haben, sondern dass ein Großteil von ihnen damit schon sehr weit fortgeschritten ist: Über 20 Prozent der befragten Unternehmen berichteten, bereits vollständig auf E-Mobilität ausgerichtet zu sein, und weitere knapp 40 Prozent gaben einen fortgeschrittenen Transformationsstatus an. Diese Mehrheit der Unternehmen wird von den Forschenden als „Vorreiter“ bezeichnet. Die restlichen Unternehmen sind die „Nachzügler“: Ungefähr jedes vierte Unternehmen hat bereits mit der Transformation begonnen, steht laut Selbsteinschätzung aber noch am Anfang. Jedes achte befragte Unternehmen hat noch keine Neuausrichtung zur Elektromobilität vorgenommen.

Die Befragung liefert auch Einblicke in die technologischen Bereiche, in die die Unternehmen investieren – Verbrenner oder E-Antrieb. Insgesamt berichten über drei Viertel der Befragten, dass sie in den letzten drei Jahren Innovationsaktivitäten durchgeführt haben. Der Schwerpunkt lag dabei auf Elektromobilität und Digitalisierung. Gleichzeitig geben mehr als ein Drittel der Unternehmen an, Innovationsaktivitäten im Bereich Verbrennertechnologie durchzuführen.

Was die Branche fordert

Die Unternehmen wurden auf Basis der Koalitionsvereinbarung der aktuellen Bundesregierung nach ihren Präferenzen für verschiedene politische Maßnahmen zur Unterstützung der Transformation in Richtung Elektromobilität befragt. Bei der Verwendung knapper Mittel sind sich die Unternehmen einig: Über 80 Prozent der befragten Unternehmen wünschen sich stärkere staatliche Investitionen in Bildung, Forschung und Fortschritt. Ebenso sprachen sich 80 Prozent für geringere Strompreise aus – und zwar für alle, nicht nur für die Industrie.

Am wenigsten beliebt war hingegen die Lockerung der CO2-Flottengrenzwerte: Rund drei Fünftel der Unternehmen stehen diesem Vorschlag skeptisch gegenüber. Zudem wünschen sich über 80 Prozent der Unternehmen die Einführung flankierender politischer Maßnahmen zur Unterstützung der Transformation der Automobilindustrie.

Bei genauerer Betrachtung der Unternehmensangaben zeigt sich: Die Vorreiter bevorzugen die Beibehaltung des EU-weiten Verbrenner-Aus ab 2035. Es sind auch diese fortschrittlichen Unternehmen, die eine Lockerung der CO2-Flottengrenzwerte für Neuwagen besonders stark ablehnen. Nachzügler bevorzugen dagegen eine Verlangsamung der Transformation und stufen die Beibehaltung des Verbrenner-Aus als wenig attraktiv ein. Durch eine Auflockerung des Verbrenner-Ausstiegs setzt sich die Bundesregierung auf EU-Ebene also vor allem für die Nachzügler ein – zum Nachteil der innovativen Vorreiter. In ihrem Strategiepapier beschreiben die Forschenden die Gefahr, dass die Innovationsdynamik der Branche durch die Position der Bundesregierung ausgebremst werden könnte. Damit würde die Chance verspielt, dass die deutsche Automobilindustrie eine Führungsposition im globalen Innovationsrennen hin zur Elektromobilität einnimmt.

Glaubwürdigkeit politischer Maßnahmen als Schlüsselfaktor

Die Forschenden identifizieren die Glaubwürdigkeit des Politik-Mixes für die Transformation zur Elektromobilität als entscheidenden Faktor für die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Der politische Wille zur Transformation hin zur Elektromobilität wurde zuletzt zum Zeitpunkt der Eröffnung der „Gigafactory“ von Tesla in Berlin-Brandenburg im März 2022 als besonders stark wahrgenommen. Ein starker Einbruch des wahrgenommenen politischen Willens der deutschen Regierung zur Unterstützung der Transformation der Automobilindustrie zeigte sich aus Sicht der Unternehmen im November 2023, als die verfassungsbedingte Haushaltskrise zu abrupten Kürzungen bei der Förderung von E-Mobilität führte. Seither stieg die Glaubwürdigkeit nur langsam wieder an und verharrt auf einem niedrigen Niveau. Laut den Forschenden besteht dadurch die Gefahr, dass politische Maßnahmen nicht ihr volles Potenzial entfalten und Unternehmen bei der Transformation zögern.

Handlungsempfehlungen: Politik‑Mix stabilisieren und ergänzen

Das Forschungsteam hat die Ergebnisse der Umfrage in einem Policy Brief veröffentlicht. In diesem werden die Befunde der Unternehmensbefragung in den aktuellen industrie- und klimapolitischen Kontext eingeordnet und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Eine Abschwächung bestehender Ausstiegsvorgaben würde vor allem jene Unternehmen benachteiligen, die bereits frühzeitig und umfangreich in Elektromobilität investiert haben. Anstelle häufiger Nachjustierungen empfehlen die Autorinnen und Autoren, den bestehenden Politik-Mix zu stabilisieren und gezielt zu ergänzen, beispielsweise durch Maßnahmen zur Stärkung der Nachfrage nach Elektrofahrzeugen sowie durch verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen entlang der Wertschöpfungskette.

„Gerade jetzt, wo in Deutschland und auf EU-Ebene über Flottengrenzwerte und den Ausstiegspfad aus der Verbrennertechnologie diskutiert wird, sollte Deutschland nicht nur auf die Stimmen der Nachzügler hören, sondern auch die Unternehmen ernst nehmen, die bereits in die Elektromobilität investiert haben“, sagt Projektleiterin Prof. Dr. Karoline Rogge, Professorin an der Universität Sussex sowie stellvertretende Leiterin der Abteilung Politik und Gesellschaft am Fraunhofer ISI. „Denn genau das sind die Unternehmen, die Deutschland im globalen Innovationsrennen wieder nach vorne bringen können und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie stärken. Unsere Ergebnisse zeigen: Ein Zickzackkurs schwächt die Planungssicherheit und die deutsche Innovationsstärke in Zukunftstechnologien. Nur mit glaubwürdiger und verlässlicher politischer Unterstützung kann die Transformation der deutschen Automobilindustrie gelingen.“

Hintergrund zur Unternehmensbefragung und zum Strategiepapier:

Die Ergebnisse der Unternehmensbefragung stammen aus einer Pilotstudie im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Forschungsprojekts EMPOCI an der Universität Sussex. Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI durchgeführt. Grundlage sind 74 Telefon- und Online-Interviews mit Führungskräften von Fahrzeugherstellern, Zulieferern und weiteren Unternehmen aus dem automobilen Ökosystem. Die Datenerhebung lief von August bis November 2025. Rund zwei Drittel der befragten Unternehmen sind Zulieferer und gut drei Viertel sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Etwa die Hälfte der Unternehmen hat ihren Hauptsitz in Baden-Württemberg. An der Erstellung des Strategiepapiers waren Forschende der Universität Sussex, des Fraunhofer ISI, der Universität Oldenburg, des Deutschen Instituts für Entwicklung und Nachhaltigkeit IDOS und der Universität Wien beteiligt.

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