Die Entscheidungsträger in Europa sollten eine gründliche Realitätsprüfung durchführen. Das grenzenlose Versprechen der Künstlichen Intelligenz kollidiert nämlich mit den sehr realen physikalischen Grenzen der Stromnetze. Die 30 bis 80 Jahre alten Stromnetze in ganz Europa sind lediglich darauf ausgelegt, die Lasten des 20. Jahrhunderts zu bewältigen. Markus Grau, Enterprise Architect im CTO-Office bei Everpure (ehemals Pure Storage), erläutert aktuelle Lösungsansätze.
Wenn KI das Netz an die Grenze bringt
Stromnetze sind ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Technologien. Je nach Lage der tatsächlichen Energiequelle können sie heutzutage eine Länge von 1.500 bis 2.500 km erreichen. Sie sind jedoch schlichtweg nicht für die heute geforderten Lasten ausgelegt. Ebenso sind die Netze zunehmend grenzüberschreitend miteinander verbunden, da Länder je nach Schwankungen des lokalen Bedarfs Strom kaufen und verkaufen wollen.
Wenn es um die Technologie geht, die den aktuellen Strombedarf in die Höhe treibt, steht KI ganz oben auf der Liste. Es geht nicht nur um Algorithmen: KI benötigt Strom und verursacht Kosten. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) verbraucht eine einzige moderne GPU täglich so viel Energie wie ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt in vielen Teilen der Welt. Der Betrieb einer einzigen GPU über ein Jahr kann somit bereits den gesamten jährlichen Stromverbrauch eines durchschnittlichen Haushalts übersteigen. Multipliziert man diesen Wert mit den Hunderttausenden von Einheiten, die weltweit im Einsatz sind, ist dieser Bedarf kein theoretisches ESG-Problem mehr, sondern eine kritische geschäftliche Schwachstelle.
KI treibt Lasten – Netze geraten unter Druck
Die wirtschaftlichen und ökologischen Belastungen des KI-Infrastrukturbooms werden immer sichtbarer. Zudem sind die Menschen sich der Einschränkungen bewusst, die die physischen Gebäude für die lokale Stromversorgung mit sich bringen. Baugenehmigungen und Bauvorhaben verzögern sich, da den Kommunalverwaltungen oft ein Plan fehlt, um sowohl die Expansion von Rechenzentren als auch die Stromversorgung für Haushalte und lokale Unternehmen zu bewältigen.
Wenn es zu einem Wettbewerb zwischen Unternehmens-IT und Haushaltsstrom kommt, sind weitreichende Folgen zu befürchten. Netzbetreiber müssen zunehmend einsehen, dass die Infrastruktur und das Netz, die für das letzte Jahrhundert gebaut wurden, den Anforderungen des KI-Zeitalters einfach nicht gewachsen sind.
Wind und Sonne lösen nicht allein das Effizienzproblem
Einige Länder erwägen die Nutzung alternativer Energien im industriellen Maßstab. In Japan errichten beispielsweise Toyota Tsusho und Eurus Energy in Hokkaido das landesweit erste Rechenzentrum, das ausschließlich mit „reinem Ökostrom“ betrieben wird. Durch den direkten Anschluss an einen benachbarten Windpark umgehen sie die Einschränkungen des Übertragungsnetzes vollständig.
Die reichlich vorhandene erneuerbare Wind- und Solarenergie zu nutzen, ist zweifellos innovativ. Es birgt jedoch eine gefährliche Fehlannahme. Erneuerbare Energie ist kein Freifahrtschein für ineffiziente Technologie. Der Betrieb veralteter, stromfressender mechanischer Festplatten in der Nähe eines Windparks verlagert die Verschwendung lediglich. Dies gilt insbesondere, wenn man bedenkt, dass herkömmliche Festplatten 5- bis 10-mal mehr Strom verbrauchen können als moderne, hochdichte Solid-State-Alternativen.
Der Gesetzgeber muss daher den Energieverbrauch prüfen und Unternehmen zur Rechenschaft ziehen. „Terabyte pro Watt“ (TB/W) entwickelt sich zu einem neuen Standard zur Quantifizierung der Speichereffizienz und ersetzt die reine Speicherkapazität als maßgeblichen Indikator. Im Gegensatz zu veralteten Messgrößen, die vorübergehende Leistungsspitzen in den Vordergrund stellen, bietet TB/W einen transparenten Überblick über Dichte und Nutzen. Wie viele tatsächliche Daten werden pro verbrauchter Energieeinheit gespeichert?
Durch die Quantifizierung der Speicherdichte im Verhältnis zum Stromverbrauch sollte TB/W zum neuen Maßstab für Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der KI werden. Dies würde beweisen, dass eine intelligentere Dateninfrastruktur und nicht nur mehr Leistung die Grundlage für nachhaltiges Wachstum ist.
Effizienz braucht Modernisierung – und neue Beschaffung
Echte Effizienz erfordert die Modernisierung der Kerninfrastruktur mit energieeffizienten Lösungen sowie eine grundlegende Neugestaltung der IT-Beschaffung. In einer Zeit, die von unvorhersehbaren Lieferketten, Hardwareknappheit und ausufernden Komponentenpreisen geprägt ist, erweist sich der traditionelle Reflex der IT-Abteilungen, „für die Zukunft einzukaufen“, um künftige Preissteigerungen zu vermeiden, als völlig fehlgeleitet.
Eine Überdimensionierung der Infrastruktur zur Absicherung gegen Verfügbarkeitsprobleme bindet nicht nur wertvolles Kapital, sondern belastet Unternehmen auch mit dem Energieverbrauch einer „Geister“-Infrastruktur. Das sind Anlagen, die ungenutzt herumstehen, Strom und Kühlung verbrauchen, während ihr Wert sinkt. Diese Überkapazität bringt keinerlei betrieblichen Nutzen, bleibt aber ein unerbittlicher Verbraucher und trägt zu einer Zunahme von Elektroschrott bei. Dessen Menge wächst bereits fünfmal schneller als alle Recyclingbemühungen und dreimal schneller als die Weltbevölkerung.
Der wirksamste Hebel zur Minderung dieses doppelten wirtschaftlichen und ökologischen Risikos ist der flexible Einsatz moderner, effizienter Technologie. Dieser Wandel durchbricht den traditionellen drei- bis fünfjährigen „Forklift“-Erneuerungszyklus, bei dem Hardware wie Wegwerfware behandelt wird und tonnenweise giftige Geräte vorzeitig auf Deponien landen. Er ermöglicht es Unternehmen, entsprechend ihren unmittelbaren Bedürfnissen zu skalieren, anstatt übermäßig in abschreibungsfähige Investitionen zu tätigen, um zukünftige Preissteigerungen zu vermeiden.
Resilienz im KI-Zeitalter: Energieeffizienz wird Kriterium
Stromengpässe drohen bereits jetzt, den Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen zu unterbrechen. Eine abwartende Haltung ist daher nicht mehr tragbar. IT-Investitionen müssen für Führungskräfte in der Wirtschaft nun nicht mehr nur anhand ihrer technologischen Fähigkeiten, sondern auch anhand ihrer Energieeffizienz, Anpassungsfähigkeit und wirtschaftlichen Resilienz bewertet werden. Flexibler Verbrauch und hohe Energieeffizienz sind keine operativen Nebensächlichkeiten mehr. Sie sind strategische Anker, die es Unternehmen ermöglichen, in einer Welt mit begrenzten Ressourcen nachhaltig zu skalieren.