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Virtuelle Kraftwerke-Umfrage Zu jeder Zeit erneuerbarer Strom

29.01.2018

Ist das Thema Virtuelle Kraftwerke momentan nur heiße Luft oder der richtige Weg zur Energiewende? Wie gehen virtuelle Kraftwerke mit den engen Grenzen, gesetzt durch die Liberalisierung des Strommarktes, um? Energy 4.0 fragte bei Experten der Branche nach.

Jan Aengenvoort, Next Kraftwerke: Es ist der richtige Weg. Schon heute passt sich vor allem die Stromproduktion zu großen Teilen der verfügbaren Strommenge aus Wind- und Solarenergie an. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken. Da Sonne und Wind aber nicht immer perfekt vorhersehbar Strom produzieren, brauchen wir schon heute Energieproduzenten und zunehmend auch Stromverbraucher, die flexibel auf die vorhandenen Mengen und zu erwartenden Rampen reagieren können. Das ist genau das, was wir als Virtuelles Kraftwerk schon heute tun. Dabei vernetzen wir fast ausschließlich Produzenten Erneuerbarer Energien und flexible Stromverbraucher. Hinzu kommt, dass diese Einheiten alleine oftmals zu klein wären, um am Markt teilzunehmen. Über uns vernetzt übernehmen sie jedoch gemeinsam die Rolle von konventionellen Großkraftwerken. Zum Vergleich: Unser Virtuelles Kraftwerk ist mittlerweile so groß, dass es gut zwei Kohlekraftwerke ersetzen könnte. Wir begrüßen den hohen Standard an Anforderungen, den der Gesetzgeber an Virtuelle Kraftwerke stellt, zum Beispiel in puncto IT- und Daten-Sicherheit. Wir sehen es als Qualitätssiegel für unser Virtuelles Kraftwerk und als Garant für eine verlässliche Stromversorgung in Deutschland. Die Liberalisierung des Strommarkts ist die Voraussetzung für den Betrieb eines unabhängigen Virtuellen Kraftwerks, da der diskriminierungsfreie Marktzugang für neue Marktakteure – in unserem Fall für Aggregatoren – erst mit der Liberalisierung geschaffen wurde. Mit unserem Virtuellen Kraftwerk können wir sehr schnell auf Schwankungen am Strommarkt und im Stromnetz reagieren. Wir können Strom einspeisen, wenn es zum Beispiel eine Windflaute gibt, und wir sind in der Lage, über Stromverbrauch sehr schnell Strom aus dem Netz zu nehmen, wenn etwa ein Sturm große Mengen an Windenergie bringt. Wir können das, weil wir Anlagen vernetzen, die flexibel sind, wann sie Strom verbrauchen oder produzieren. Dies hat zwei Vorteile: Zum einen lohnt es sich wirtschaftlich für die Anlagenbetreiber und Stromverbraucher, ihre Produktion oder ihren Konsum in Zeiten zu verschieben, wenn es entweder zu viel oder zu wenig Strom gibt. Zum anderen helfen sie so auch dabei, das System effizient zu halten, weil sie produzieren oder konsumieren, wenn es für das System sinnvoll ist. So setzen wir mit unserem Virtuellen Kraftwerk schon heute eine neue, wirtschaftliche und zuverlässige Energielandschaft in die Wirklichkeit um.

Christoph Schlenzig, Seven2One: Virtuelle Kraftwerke sind aus unserer Sicht keine heiße Luft, sondern ein Weg zur Energiewende. Wir verstehen unter einem Virtuellen Werk die Bündelung von Erzeuger, Verbraucher und Speicher (Pooling) mit Gesamt-Optimierung unter Berücksichtigung der Marktpreise (Regelenergiemarkt, Spotmarkt). Reguliert ist eigentlich nur das Netz. Die Regulierung der Netze stellt aus unserer Sicht keine Einschränkung für die Virtuellen Kraftwerke dar. Bei der Regelenergievermarktung sind bestimmte Anforderungen zu erfüllen, um am Regelenergiemarkt teilzunehmen. Das sehen wir jedoch nicht als Regularie.

Dr. Ludwig Einhellig, Deloitte: Virtuelle Kraftwerke sind Verbünde von dezentralen Stromerzeugungsanlagen, die beispielsweise über einen Aggregator verwaltet/gesteuert werden, welcher dann den Strom an den unterschiedlichsten Märkten verkauft. Die Besonderheit dabei ist, im Gegensatz zum früheren Großkraftwerk, dass die Anlagen bundesweit verstreut sein können und eben über eine Kommunikationsverbindung (künftig Smart Meter Gateway) zusammengefasst werden. Das ist gängige Praxis. Zum Teil müssen für besondere Märkte (wie Regelenergie) Präqualifikationsanforderungen erfüllt werden, aber auch das ist gängige Praxis. Firmen, die landläufig als Virtuelle Kraftwerke bekannt sind, wären zum Beispiel Next Kraftwerke/Pool oder die Einheiten von E.on oder EnBW. Das Grundprinzip ist, „Flexibilität (beispielsweise mit einer parallelen Einbindung von Speicheranlagen) zur Verfügung zu stellen“. Gerade diese Flexibilität ist im Rahmen der Transformation des Energiesystems in Deutschland notwendig und sicherlich der richtige Weg. Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Strommarkt liberalisiert. Da es aufgrund der natürlichen Monopolsituation in den Bereichen der Energieinfrastruktur notwendig ist, eben jene Monopole diskriminierungsfrei allen Marktteilnehmern zur Verfügung zu stellen, ist die leitungsgebundene Energieversorgung reguliert. Seit dem Jahr 2016 gibt es das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende und das darin enthaltene Messstellenbetriebsgesetz rollt in Deutschland flächendeckend moderne Messeinrichtungen und (in Bezug auf Virtuelle Kraftwerke wichtiger) sogenannte Smart Meter Gateways aus. Diese Gateways können über eine sichere Kommunikationsverbindung alle technischen und für die Energiewende notwendigen Daten sternförmig an die Datenumgangsberechtigten der jeweiligen Marktrollen verteilen.

Hanno Balz, Vattenfall: Virtuelle Kraftwerke als übergreifende Steuerung von vielen dezentralen Erzeugungseinheiten und Verbrauchern zur Erbringung von Systemdienstleistungen werden zur Verwirklichung der Energiewende gebraucht. Auch in einer Welt ohne Atomkraft und Kohle ist es erforderlich die Stromerzeugung bedarfsgerecht zu steuern. Bei einer dezentralen Erzeugungsstruktur kann dies nur über Virtuelle Kraftwerke geschehen. Momentan gibt es noch eine erhebliche Kapazität an zentralen steuerbaren Einheiten, so dass der Preis für Systemdienstleistungen entsprechend niedrig ist. Dies wird sich aber mit dem Ausscheiden insbesondere der Kohlekraftwerke aus dem Markt ändern. Natürlich ist es technisch verlockend alle Einheiten unter einen Regler oder Lastverteiler zu stellen. Allerdings ist eine solche monopolistische Struktur nicht geeignet, Innovationen anzuregen und wirtschaftlich umzusetzen. Diese werden aber dringend gebraucht, um das Konzept Virtuelles Kraftwerk weiterzuentwickeln. Insofern müssen wir mit der Trennung zwischen dem natürlichen Monopol Stromnetz und dem wettbewerblich geprägten Markt für Systemdienstleistungen leben.

Bildergalerie

  • Jan Aengenvoort, Leiter Unternehmenskommunikation bei Next Kraftwerke

    Bild: Next Kraftwerke

  • Dr. Ludwig Einhellig, Leiter Smart Grid bei Deloitte

    Bild: Deloitte

  • Christoph Schlenzig, Geschäftsführer von Seven2one

    Bild: Seven2one

  • Hanno Balzer, Geschäftsführer bei Vattenfall

    Bild: Vattenfall

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