Dr. Ralf Sauter Wo findet der Exodus statt?

Dr. Ralf Sauter ist Partner der internationalen Managementberatung Horváth und verantwortet den Bereich Industrial Goods & High Tech. Der Industrie- und Transformationsexperte ist seit 1996 im Unternehmen, stand 2001-2004 der USA-Landesgesellschaft vor und stieg 2008 in die Partnerschaft auf. Sauter leitet die Studienreihe Horváth CxO Priorities.

Bild: Horváth
23.10.2023

Die Lage ist ernst. Für die Industrie im Westen Europas. Teures und fehlendes Personal sowie mangelnde politische Anreize treiben die Unternehmen in andere Weltregionen. Dorthin, wo sich gute Produktionsbedingungen und attraktives Absatzpotenzial vereinen lassen. Doch wohin? Und welche weiteren Themen stehen auf der Managementagenda?

Innerhalb der nächsten fünf Jahre plant jedes dritte produzierende Unternehmen, Kapazitäten oder gar ganze Standorte in West- und Südeuropa zu reduzieren. Das macht die Horváth-Studie „CxO Priorities“ deutlich, für die weltweit mehr als 430 Vorstandsmitglieder internationaler Unternehmen befragt wurden. Was sind die Gründe für diesen Exodus? Und wohin treibt es die Unternehmen?

Primär geben die Befragten zu hohe Personalkosten als entscheidenden Faktor an. Die Lohnkosten auf dem „alten Kontinent“ steigen. Allein in diesem Jahr gehen die Topmanager von einer fast achtprozentigen Steigerung aus – weltweit. Regional könnte diese noch höher ausfallen. Zweitwichtigstes Motiv ist, Produktion und Absatz im Sinne des „local-for-local“-Ansatzes regional zu bündeln, aus regulatorischen sowie Kostengründen, aber auch um nahe am Kunden zu sein. Drittwichtigster Verlagerungsgrund sind fehlende Arbeitskräfte. Es geht nicht mehr nur darum, zu welchem Preis Personal zur Verfügung steht – sondern ob überhaupt.

Somit verbleiben wenige Argumente für den Westen Europas, wo insbesondere in Deutschland der demografische Wandel zuschlägt. Zudem mangelt es an politischen und regulatorischen Anreizen. Kein Wunder, dass immer mehr Unternehmen die vom Inflation Reduction Act begünstigten Produktionsbedingungen in den USA präferieren – fatalerweise auch gerade in Zukunftssektoren, etwa erneuerbarer Energien. Auch Indien gewinnt als Produktions-, Entwicklungs- und Absatzmarkt. In weiteren asiatischen Ländern wird ebenfalls kräftig expandiert.

Ist Europa komplett abgeschrieben? Nicht ganz. In Osteuropa werden aufgrund der günstigen Personalkosten bei gleichzeitiger Personalverfügbarkeit weiterhin Chancen gesehen. Zumindest plant eine Mehrheit hier einen Kapazitätsausbau. Das Problem: Die Relokationen lassen sich nicht einfach rückgängig machen, selbst wenn sich die Bedingungen verbessern. Für einen parallelen Ausbau im Westen Europas fehlt es gerade in der aktuellen konjunkturell eingetrübten Lage an positiven Rahmenbedingungen. Auch wenn die Industrie von einem weiteren weltweiten Wachstum ausgeht – es wird dort investiert, wo die Parameter auch langfristig stimmen. Dieses Bild zeichnet sich für jedes Unternehmen anders.

Ausgerechnet jetzt kumulieren sich Spannungsfelder und Managementprioritäten in nie dagewesener Dichte – wir befinden uns in einer multipolaren Wirtschaftswelt. Megatrends haben sich zu drängenden bis hin zu existenziellen Problemen entwickelt, von Nachhaltigkeit über Fachkräftemangel bis hin zur Digitalisierung. Parallel steigt der Kostendruck, die Inflation bleibt gemeinsam mit dem Zinsniveau hoch. Da gewinnen Performance Management, Kostenreduktion und Liquidität enorm an Bedeutung. Letztere ist in unserer Befragung im Prioritätenranking bei Industrieunternehmen um vier Plätze nach vorn auf den sechsten Platz gerutscht. Kostenoptimierungen stehen nach Cyber Security und personalbezogenen Themen in diesem Jahr bereits an dritter Stelle. Die Luft wird dünner. Analysieren Sie die Lage und verschaffen Sie sich Handlungs- und vor allem Transformationsspielraum!

Firmen zu diesem Artikel
Verwandte Artikel