Studie bilanziert Emissionen entlang globaler Lieferkette

Der digitale CO2‑Fußabdruck ist höher als gedacht

Ein Forschungs-Team hat die Emissionen digitaler Technologien von 2010 bis 2021 berechnet – inklusive Lieferketten: 77 bis 87 Prozent davon entstehen vor der Nutzung.

Bild: Gemini, publish-industry
25.02.2026

Die Emissionen der Digitalisierung entstehen bereits lange bevor die Geräte überhaupt eingeschaltet werden. Ein internationales Team hat sie entlang globaler Lieferketten berechnet: 77 bis 87 Prozent davon fallen bereits in der Herstellung und den Vorstufen an.

Digitale Technologien gelten als Treiber von Effizienz, Wachstum und Fortschritt. Ihr Beitrag zum Klimawandel ist jedoch deutlich größer als bisher angenommen. Ein internationales Forschungsteam hat die Emissionen entlang der globalen Lieferketten digitaler Technologien systematisch berechnet. Berücksichtigt wurden Hardware, IT-Dienstleistungen sowie Kommunikationsinfrastruktur. Die Analyse basiert auf Daten aus dem Zeitraum von 2010 bis 2021 und erfasst neben den direkten Emissionen auch die Emissionen der vor- und nachgelagerten Produktionsstufen.

Regulierungslücke in der Bilanzierung: Warum Scope 3 oft fehlt

Zwischen 77 und 87 Prozent der Emissionen entstehen bereits vor der Nutzung oder Bereitstellung einer digitalen Technologie, hauptsächlich in deren Herstellung entlang globaler Lieferketten. Diese vorgelagerten Emissionen sind häufig nicht Teil der Berichterstattung in Unternehmen.

„Das liegt an einer Regulierungslücke in der Bilanzierung“, erläutert Ko-Autorin Stefanie Kunkel vom RIFS. „Das Greenhouse Gas Protocol, ein internationaler Standard, unterscheidet drei Bereiche: Scope 1 umfasst direkte Emissionen des Unternehmens, etwa durch den Einsatz von Chemikalien oder eigene Energieerzeugung. Scope 2 erfasst indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom. Scope 3 schließlich umfasst alle weiteren indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, etwa aus Rohstoffförderung, Transport oder der späteren Nutzung der Produkte. Problematisch ist, dass die Erfassung von Scope-3-Emissionen freiwillig ist und deshalb von vielen Unternehmen nur unzureichend vorgenommen wird.“ Auch in den nationalen Klimastatistiken werden Emissionen meist produktionsbasiert erfasst, also dort, wo sie entstehen, und nicht dort, wo die entsprechenden Güter und Dienstleistungen konsumiert werden.

Laut der Studie werden zudem 42 Prozent der digitalen Emissionen nicht den Digitalindustrien selbst, sondern anderen Wirtschaftssektoren wie dem Automobilbau, dem Maschinenbau oder den Finanzdienstleistungen zugerechnet. „Es ist eine Frage der Zuordnung der Emissionen in der Klimastatistik, ob diese Emissionen, die bei der Herstellung digitaler Technologien entstehen, als ‚digitale Emissionen‘ ausgewiesen werden oder den Klimabilanzen anderer Branchen zugerechnet werden“, erläutert Kunkel. Derzeit würden digitale Emissionen häufig in den Fußabdrücken anderer Sektoren verborgen.

Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten reduzieren

Während die Emissionen der klassischen Hardwareproduktion zuletzt leicht zurückgingen, weisen die Forschenden auf einen deutlichen Anstieg der Emissionen im Bereich der IT-Dienstleistungen hin. Die Nachfrage nach Cloud-Anwendungen, Rechenleistung und datenintensiven Services hat die Emissionen dieses Sektors seit 2010 um mehr als 60 Prozent steigen lassen. Dieser Trend dürfte sich durch den rasanten Ausbau von Anwendungen Künstlicher Intelligenz weiter verstärken.

Regional zeigen sich starke Ungleichgewichte. China ist der größte Produzent digital bedingter Emissionen und zugleich ein zentraler Exporteur. Europa und die USA importieren hingegen einen erheblichen Teil ihres digitalen CO2-Fußabdrucks über globale Lieferketten. Die Autorinnen und Autoren plädieren daher dafür, die Emissionen, die durch den Konsum von Gütern auch außerhalb der produzierenden Länder verursacht werden, stärker in der Klimapolitik zu berücksichtigen.

Der Klimafußabdruck der Digitalisierung lasse sich nicht allein durch effizientere Rechenzentren oder einen geringeren Stromverbrauch senken. Vielmehr sei es entscheidend, die Emissionen digitaler Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungsketten zu reduzieren – also auch dort, wo sie als Bestandteile in anderen Produkten und Dienstleistungen stecken. Dafür braucht es mehr Transparenz, klare Verantwortlichkeiten sowie eine Zusammenarbeit zwischen Firmen und Regierungen in globalen Lieferketten. Ein Beispiel hierfür ist der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der EU, mit dem sich Umwelteinflüsse grenzübergreifend unter fairen Wettbewerbsbedingungen adressieren lassen. Auch Fortschritte bei langlebiger und wiederverwendbarer Hardware sowie ein umweltbewussterer Umgang mit digitalen Anwendungen können helfen, digitale Emissionen zu reduzieren.

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