PV-Module sind zu wertvoll für die Tonne

Solarmodule am Ende ihres Lebens

Ein Experteninterview mit einem Recyclingunternehmen zeigt, dass schwer lösbare Verbindungen und giftige Materialien die Kreislaufprozesse bei Photovoltaikmodulen erschweren.

Bild: ChatGPT, publish-industry
04.07.2026

Die Solarbranche gilt als grüne Vorzeigetechnologie – doch ihre Module landen am Ende als Sondermüll. Katharina Schnatmann vom Institut für Technische Energie-Systeme (ITES) der Hochschule Bielefeld hat untersucht, warum selbst zertifizierte Kreislaufprodukte diesem Anspruch kaum gerecht werden. Die Erkenntnisse zwingen die PV-Industrie zum Umdenken.

Der Klimawandel und die zunehmende Ressourcenknappheit sind bedeutende Herausforderungen für die Gesellschaft. Dabei spielt die Photovoltaik (PV) eine Schlüsselrolle in der Energiewende. Katharina Schnatmann forscht an der Hochschule Bielefeld (HSBI) über eine mögliche zirkuläre Nutzung von PV-Modulen: „Bislang stehen beim Design von PV-Modulen kreislaufschließende Prozesse, wie die Reparatur und das Recycling, jedoch in der Regel noch nicht im Fokus.“ Im Gegenteil: Die Photovoltaikindustrie ist durch lineare Wirtschaftsstrukturen, energieintensive Produktion, Downcycling und geringe Nachhaltigkeit geprägt.

Einen Ansatzpunkt für nachhaltige Technologien bietet die zirkuläre Wertschöpfung beziehungsweise die Circular Economy mit ihren Prinzipien des zirkulären Designs. An dieser Stelle will Katharina Schnatmann mit ihrem Forschungsprojekt ansetzen. In Experteninterviews mit Recyclingunternehmen konnte sie spezifische Herausforderungen im Moduldesign identifizieren, darunter schwer lösbare Verbindungen und der Einsatz giftiger Materialien. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurden Handlungsempfehlungen für ein nachhaltiges Design abgeleitet.

PV-Industrie am Scheideweg

Die Ergebnisse zeigen, dass es bereits kreislauffähige Alternativen gibt, deren Implementierung in der PV-Industrie jedoch weiterer Untersuchungen bedarf. Prof. Dr. Eva Schwenzfeier-Hellkamp weist zudem auf einen rechtlichen Aspekt hin: „Angesichts der sich weiterentwickelnden EU-Ökodesign-Anforderungen wird das Design kreislauffähiger Produkte immer wichtiger. Die Arbeit von Katharina Schnatmann legt daher das Fundament für weiterführende Untersuchungen in diesem Bereich.“

Katharina Schnatmann sagt: „2020 bin ich mit einer Untersuchung von cradle-to-cradle zertifizierten PV-Modulen im Rahmen eines Bachelorprojektes das erste Mal mit dem Thema in Berührung gekommen.“ Cradle-to-cradle, also von der Wiege zur Wiege, oder kurz: C2C, ist ein Ansatz für eine zirkuläre Wertschöpfung, der Abfall eliminiert, indem Produkte so designt werden, dass sie nach der Nutzung vollständig in biologische oder technische Kreisläufe zurückfließen. „Ich habe mich mit kristallinen PV-Modulen beschäftigt und geschaut, wie nachhaltig die nach dem cradle-to-cradle Prinzip zertifizierten Module wirklich sind“, erklärt Katharina Schnatmann.

Die Erkenntnisse aus dem Projekt: selbst die C2C-zertifizierten Module haben im Grunde nicht viel mit einer Circular Economy zu tun, wie Schnatmann weiter erklärt: „Es findet auch bei diesen Modulen primär Downcycling statt, das heißt die ursprünglichen Materialien werden zu minderwertigeren weiterverarbeitet. Die Qualität und Eigenschaften des Ausgangsmaterials gehen dabei verloren. Echte Kreislaufprozesse in der Nutzung, wie Reparatur und strukturierte Wiederverwendung spielen keine große Rolle. Zudem ist die Modulherstellung sehr ressourcenintensiv.“

Diese Ausgangssituation war für sie der Aufhänger für viele weitere Arbeiten im Bachelor Regenerative Energien und ihrem anschließenden Master Elektrotechnik, darunter eine erste Untersuchung von Second-Life Modulen im Rahmen der Masterarbeit. Second-Life bedeutet, gebrauchten Modulen ein zweites Leben – „second Life“ – zu schenken. Geeignete Module, beispielsweise vom Recycler, werden im Idealfall gesäubert, professionell geprüft und rezertifiziert sowie im Anschluss wieder verkauft und installiert.

Zirkuläre Design-Ansätze für kristalline Photovoltaikmodule

Aus all diesen Arbeiten ist inzwischen ihr Promotionsthema entstanden, das sie seit Januar 2025 offiziell am Promotionskolleg NRW bearbeitet: „Entwicklung von zirkulären Design-Ansätzen für kristalline Photovoltaikmodule auf Grundlage einer integrativen Potenzialanalyse der R-Prinzipien“. Die R-Prinzipien sind Leitlinien der Circular Economy. Sie sollen den Ressourcenverbrauch minimieren und Abfälle durch gezielte Maßnahmen über den gesamten Produktlebenszyklus vermeiden. Sie reichen von „Refuse“ (Vermeidung) über „Reduce“ (Reduzierung) bis hin zu „Recycle“ (stoffliche Verwertung). Das Ziel ist eine nachhaltige, zirkuläre Wertschöpfung.

Im Exposé für ihre Arbeit heißt es: „Im Rahmen dieser Promotion sollen zirkuläre Design-Ansätze für kristalline Photovoltaikmodule entwickelt und somit für eine essenzielle Technologie der Energiewende eine ressourcenschonende und ganzheitlich nachhaltige Lösung geschaffen werden. Hierfür wird eine umfassende Potentialanalyse der R-Prinzipien auf Grundlage von interdisziplinären Untersuchungsmethoden durchgeführt, zudem werden neue Designansätze für eine zirkuläre Nutzung evaluiert.“

Das Projekt gliedert sich in zwei Arbeitspakete: Im ersten Schritt analysiert Schnatmann aktuelle Designs und leitet Handlungsempfehlungen für ein neues Produktdesign ab. Im zweiten Arbeitspaket soll basierend auf diesen Empfehlungen ein kleines modulares Modul gebaut und getestet werden. Die Umsetzung erfolgt schrittweise: Zunächst entstehen mit 3D-Druck erste Ansätze, zudem soll die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Reiling Glas Recycling Kontinuität geben.

Neuer PV-Modultester soll Modulprototyp evaluieren

Ein neues Großgerät, das das ITES bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben hat, spielt im Kontext von Schnatmanns Arbeit eine große Rolle: der PV-Modultester. „Das ist ein Prüfgerät, mit dem elektrische Kennlinien unter Laborbedingungen aufgezeichnet werden können. Ein LED-Flasher simuliert das Sonnenlicht. So kann die Leistung eines Moduls schnell beurteilt werden. Darüber hinaus kann das Gerät Defekte und Alterungsvorgänge analysieren, die Dioden prüfen, die elektrische Sicherheit checken und Zelldefekte visualisieren.“ Aktuell prüft der Tester Alt- beziehungsweise Bestandsmodule auf ihr Wiederverwendungspotenzial. Ziel ist es, zum Abschluss der Arbeit den zirkulären Modulprototyp mit dem Prüfgerät zu evaluieren.

Bildergalerie

  • Im Rahmen ihrer Promotion möchte Katharina Schnatmann zirkuläre Designansätze für kristalline Photovoltaikmodule entwickeln.

    Im Rahmen ihrer Promotion möchte Katharina Schnatmann zirkuläre Designansätze für kristalline Photovoltaikmodule entwickeln.

    Bild: P. Pollmeier/HSBI

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