Der deutsche Markt für Power Purchase Agreements (PPAs) erlebt eine ausgeprägte Schwächephase. Laut der PPA-Marktanalyse 2024 der Deutschen Energie-Agentur (dena) und des Analysehauses Pexapark sank das Vertragsvolumen nach dem Rekordjahr 2023 bereits um 44 Prozent – von 3,8 auf 2,1 GW. Im ersten Halbjahr 2025 kam es in Deutschland nur noch zu Verträgen mit einer Gesamtleistung von rund 200 MW.
Die Ursachen sind struktureller Natur: Negative Börsenstrompreise häufen sich – im Jahr 2024 wurden über 18 Prozent der deutschen PV-Produktion in Phasen negativer Preise erzeugt. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten rund um Netzentgelte und Fördermodelle sowie ein Preisverfall von rund 20 Prozent gegenüber 2023. Wer im Großmarkt agiert, braucht heute mehr denn je Qualität, Timing und Risikomanagement.
Während der große Corporate-PPA-Markt ins Stocken gerät, rückt ein anderes Segment in den Blickpunkt: On-Site-PPAs im kommunalen Umfeld. Hier zählt statt potenziell auftretender Risiken die direkte, planbare Wirtschaftlichkeit: Solarstrom vom eigenen Dach, direkt verbraucht und automatisiert abgerechnet.
On-Site-PPA trifft kommunale Dachfläche
Mittlerweile erkennen immer mehr Kommunen ihre Dachflächen als strategische Ressource – nicht für Volleinspeisungsanlagen, sondern für die Direktversorgung eigener Liegenschaften über langfristige Abnahmeverträge.
Das Modell: Ein spezialisierter PV-Anlagenbetreiber (externer Contractor oder lokales Stadtwerk) pachtet die Dachflächen kommunaler Gebäude, errichtet PV-Anlagen auf eigene Kosten und liefert den erzeugten Strom über ein On-Site-PPA direkt an die Kommune. Der vor Ort verbrauchte Solarstrom unterliegt keinen Netzentgelten, was im Vergleich zur Volleinspeisung mit Rückbezug eine deutlich bessere Wirtschaftlichkeit ermöglicht. Überschussmengen werden ins Netz eingespeist und vergütet. Die Kommune profitiert von günstigem Solarstrom, ohne Investitionen zu tätigen. Der Betreiber sichert sich planbare Erlöse über die Vertragslaufzeit.
Das klingt einfach, ist in der operativen Umsetzung jedoch komplex. Denn die automatisierte Abrechnung mehrerer Anlagen, Verbrauchsstellen und Messzähler an mehreren Liegenschaften stellt hohe Anforderungen an die Datenqualität, die Prozesssicherheit und die Skalierbarkeit.
Waghäusel: Neun Anlagen, ein System, ein Abrechnungspartner
Wie sich diese Komplexität beherrschen lässt, zeigt das Projekt der Stadt Waghäusel in Baden-Württemberg. Die Stadt stellte die Dächer von neun öffentlichen Gebäuden – darunter Schulen, Feuerwehren und Kindergärten – für PV-Anlagen im Pachtmodell zur Verfügung. Die Umsetzung übernahm Wirsol, eines der führenden Unternehmen für Planung, Entwicklung und Installation von Photovoltaikanlagen mit über 17.000 installierten Anlagen und mehr als 1.600 MW Gesamtleistung.
Für den Betrieb der neun Anlagen gründete Wirsol eine eigene Projektgesellschaft. Die technischen Eckdaten: 9 PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von über 600 kWp, jeweils kombiniert mit einem 24-kWh-Batteriespeicher. Die Stromvermarktung erfolgt über On-Site-PPA-Verträge direkt an die Stadt Waghäusel.
Automatisierte Abrechnung als Skalierungshebel
Für die Abrechnung der langfristigen PPA-Verträge mit der Stadt Waghäusl suchte Wirsol nach einer Lösung, die nicht nur korrekt abrechnet, sondern auch revisionssicher, skalierbar und wartungsarm ist. Die Entscheidung fiel auf die Softwareplattform von Solarize Energy Solutions, einem auf dezentrale Energiesysteme spezialisierten SaaS-Anbieter aus Stuttgart.
Solarize automatisiert die Abrechnung komplexer Energieversorgungsmodelle: von klassischem Mieterstrom über gemeinschaftliche Gebäudeversorgung bis hin zu On-Site-PPAs im gewerblichen, wohnwirtschaftlichen und kommunalen Segment. Die Plattform übernimmt Messdatenverarbeitung, Verbrauchsallokation und Rechnungsstellung für beliebig viele Zähler und Anlagen – vollautomatisch und revisionskonform. Im Projekt Waghäusel bedeutet das: Alle 27 Zähler der neun Liegenschaften werden durch das System kontinuierlich ausgelesen, die vor Ort verbrauchten PV-Strommengen werden transparent bilanziert und revisionssicher gegenüber der Stadt Waghäusel abgerechnet. Wirsol muss diese Prozesse nicht manuell steuern – das System arbeitet im Hintergrund.
Warum das Modell Schule macht
Das Projekt Waghäusel demonstriert ein Modell mit hoher Replizierbarkeit – besonders für Kommunen, die ihren Energiebezug dekarbonisieren, aber keine eigenen Investitionen tätigen können oder wollen. Die Kombination aus Pachtmodell, On-Site-PPA und automatisierter Abrechnung ermöglicht es selbst kleinen Kommunen, professionell strukturierte Solarstromversorgung umzusetzen. WIRSOL plant, die in Waghäusel gewonnenen Erfahrungen auf ähnliche Projekte in anderen Kommunen zu übertragen.
Regulatorisches Umfeld: Chancen und offene Fragen
Das EuGH-Urteil vom 28. November 2024 zur Einordnung von Kundenanlagen hat im Markt für Mieterstrom und On-Site-PPAs für Unsicherheit gesorgt. Der Gerichtshof stellte fest, dass die bisherige Definition von Kundenanlagen im deutschen Energiewirtschaftsgesetz nicht mit EU-Recht vereinbar ist. Der deutsche Gesetzgeber ist nun gefordert, einen neuen Rechtsrahmen zu schaffen. Branchenexperten sehen Projekte auf Gebäudeebene, insbesondere On-Site-PPAs im gewerblichen und kommunalen Segment, jedoch als nicht gefährdet.
Fazit
Das Projekt Waghäusel belegt: On-Site-PPAs auf kommunalen Liegenschaften funktionieren – wirtschaftlich, operativ und regulatorisch. Der Schlüssel liegt nicht nur in der technischen Qualität der PV-Anlage, sondern in der Beherrschbarkeit der Abrechnung über mehrere Standorte hinweg. Automatisierte Abrechnungsplattformen wie die von Solarize sind dabei eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit für jeden Betreiber, der kommunale PPA-Projekte skalieren will. Kommunen als Abnehmer, Solarspezialisten als Betreiber, SaaS-Plattformen als Abrechnungsinfrastruktur – das Zusammenspiel dieser drei Elemente definiert einen PPA-Markt der Zukunft, der weniger auf Gigawatt-Deals, aber dafür auf nachhaltige Wirtschaftlichkeit im Kleinen setzt.
Projekt Waghäusel auf einen Blick
▶ 9 PV-Anlagen auf kommunalen Liegenschaften (Schulen, Feuerwehren, Kindergärten)
▶ Gesamtleistung: über 600 kWp, je Anlage 24 kWh Batteriespeicher
▶ 27 Messzähler, vollautomatisch abgerechnet über die Solarize-Plattform
▶ Vertragsmodell: On-Site-PPA direkt an die Stadt Waghäuse
▶ Betreiber: Wirsol Aufdach (Projektgesellschaft)
▶ Ergebnis: Solarstromversorgung ohne kommunale Investitionen