Der Windenergie- und Wasserstoffverband WAB betrachtet die anhaltenden Niedrigwasserstände auf Deutschlands Flüssen als deutliches Warnsignal, da sie keine Ausnahmeerscheinung mehr darstellen. Sie beeinträchtigen die Schifffahrt, belasten die Lieferketten der Industrie und erschweren die Kühlung konventioneller Kraftwerke. Sowohl Kohle- als auch Kernkraftwerke sind auf ausreichend Kühlwasser angewiesen. Fehlt dieses oder erwärmt es sich zu stark, müssen die Kraftwerke ihre Leistung drosseln oder werden zeitweise vom Netz genommen. Damit können die Folgen des Klimawandels zunehmend auch in der Energieversorgung und bei der Wettbewerbsfähigkeit unseres Industriestandorts sichtbar werden.
Kern- und Kohlekraftwerke in Europa unter Druck
Wie real diese Abhängigkeit von ausreichenden Wasserständen ist, zeigen derzeit Beispiele aus Europa. Die Donau führt in diesem Sommer nur etwa ein Drittel der für diese Jahreszeit üblichen Wassermenge. In Rumänien und Ungarn mussten Kernkraftwerke ihre Leistung daher drastisch reduzieren oder wurden zeitweise gar vollständig vom Netz genommen. In Frankreich stehen derzeit mehrere Atomreaktoren aufgrund der hohen Temperaturen und niedriger beziehungsweise zu warmer Flusspegel still.
Auch Kohlekraftwerke sind von niedrigen Wasserständen betroffen. Sie benötigen große Mengen Kühlwasser und sind zugleich auf leistungsfähige und ausreichend tief befahrbare Wasserstraßen angewiesen, über die Brennstoffe zu den Kraftwerksstandorten transportiert werden. Niedrigwasser kann somit mehrere Glieder der konventionellen Energieversorgung unter Druck setzen. Ein Szenario, das auch in Deutschland, etwa aufgrund der niedrigen Wasserstände des Rheins, nicht unrealistisch ist.
Resilienteres Energiesystem statt Kernkraft-Comeback
„Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir handeln müssen, sondern wie. Deutschland braucht ein Energiesystem, das auch unter den Bedingungen des Klimawandels zuverlässig funktioniert. Die Antwort kann nicht darin bestehen, über ein Comeback der Kernenergie in Deutschland zu diskutieren. Wer angesichts der heutigen Herausforderungen auf diese Option setzt, verliert wertvolle Zeit“, so Markus Nölke, Geschäftsführer von WAB.
Neue Kernkraftwerke würden frühestens in vielen Jahren zur Verfügung stehen, wären mit enormen Kosten verbunden und blieben bei entsprechendem Standort ebenfalls von den Auswirkungen des Klimawandels auf die Verfügbarkeit von Kühlwasser abhängig. Hinzu kommen die weiterhin ungelösten Fragen der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Auch das Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes ist zwar ein wichtiger Baustein für dringend notwendige Investitionen, entfaltet seine Wirkung aber nicht kurzfristig. Für die aktuellen Herausforderungen der Energieversorgung können wir uns daher nicht allein darauf verlassen.
Windenergie als Fundament einer resilienten Energieversorgung
Deutschland braucht stattdessen einen konsequenten und beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien – allen voran der Windenergie an Land und auf See. Windenergie benötigt im Betrieb kein Kühlwasser und kann somit einen wichtigen Beitrag zu einem resilienteren Energiesystem leisten. Gemeinsam mit Netzausbau, Speichern, Flexibilitätsoptionen und einem modernen Strommarktdesign bildet sie das Fundament einer resilienten Energieversorgung.
Es ist gut, dass nun endlich ein Entwurf des Windenergie-auf-See-Gesetzes vorliegt, um ab dem Jahr 2027 wieder einen verlässlichen Ausschreibungspfad für Offshore-Windparks sicherzustellen. Die WAB wird den Entwurf prüfen und sich entsprechend konstruktiv gegenüber dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einbringen.
Erneuerbare Energien bereits bei 57 Prozent
Der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch lag im ersten Halbjahr 2026 bereits bei rund 57 Prozent. Die erneuerbaren Energien sind damit im wahrsten Sinne des Wortes im Fluss. Umso unverständlicher wäre es, den weiteren Ausbau jetzt zu bremsen oder notwendige Entscheidungen weiter zu verzögern. Gerade angesichts der zunehmenden Klimafolgen brauchen wir mehr Tempo statt neuer Verzögerungen.
Da die Zuständigkeiten für Energie, Infrastruktur, Verkehr, Umwelt und weitere für die Energiewende relevante Bereiche auf verschiedene Ressorts verteilt sind, braucht es eine klare politische Koordinierung. Bundeskanzler Friedrich Merz muss die Energie- und Klimapolitik zur Chefsache machen, fordert die WAB. Die deutsche Wirtschaft ist durch die globalen Verwerfungen bereits erheblich unter Druck. Deutschland kann sich zusätzliche hausgemachte Probleme bei Energieversorgung, Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit nicht leisten.
„Die Klimafolgen zeigen eindeutig: Die Energiewende ist längst nicht mehr nur ein Instrument des Klimaschutzes. Sie ist eine zentrale Voraussetzung für die wirtschaftliche Resilienz Deutschlands. Wer Versorgungssicherheit, Industriestandort und Klimaschutz gleichermaßen stärken will, muss den Ausbau der Windenergie jetzt mit höchster Priorität vorantreiben – statt wertvolle Zeit in Debatten über Technologien zu verlieren, die weder kurzfristig verfügbar noch eine Antwort auf die zunehmenden Klimarisiken unseres Energiesystems sind“, macht Markus Nölke deutlich.
Mehr Tempo beim Ausbau der Windenergie
Die Realität auf unseren Flüssen zeigt: Die Zeit für energiepolitische Träumereien ist vorbei. Jetzt braucht es Tempo beim Ausbau der Windenergie und der gesamten erneuerbaren Energien, um ein klimafestes, wettbewerbsfähiges und unabhängigeres Energiesystem zu erreichen.