Über 170 Fahrgeschäfte, 38 Festzelte und viele kleine Buden: Das größte Volksfest der Welt steigert jährlich nicht nur seine Besucherzahl, sondern auch seinen Strombedarf. Doch die vorhandene Netzinfrastruktur vor Ort stößt an ihre Grenzen und so kam es im letzten Jahr in den Festzelten zu mehreren Stromausfällen. Die Stadtwerke München (SWM) könnten die Leistung auf Mittelspannungsebene nur mit unverhältnismäßig hohen Kosten weiter erhöhen. Deshalb sichert Elektromeister Matthias Poeting den diesjährigen Betrieb der großen Festzelte von Pschorr-Bräurosl und Löwenbräu mit drei Batteriegroßspeichern des Wittenberger Anbieters Tesvolt ab.
Physikalische Grenzen der Netzinfrastruktur
Die Gefahr von Stromausfällen ist auf dem Oktoberfest real. Ein großes Festzelt bekommt von den SWM eine Anschlussleistung von rund 420 kW zur Verfügung gestellt, der reale Bedarf schießt in den Spitzenzeiten aber auf weit über 500 kW hoch. In diesen Momenten läuft der Netzanschluss permanent in der Überlast. Im vergangenen Jahr ging im Löwenbräu-Zelt zweimal das Licht komplett aus, im Pschorr-Bräurosl-Zelt traf es die Wirte einmal mitten im laufenden Betrieb.
„Ein Stromausfall im voll besetzten Zelt ist der absolute Albtraum für jeden Wirt. Bisher konnten wir bei einer Überlastung des Netzanschlusses innerhalb von fünf Minuten kaum so reagieren, dass das Zelt nicht ausfällt“, erklärt Matthias Poeting, Geschäftsführer von MP Elektrotechnik München, er ist seit Jahren für die Elektrik mehrerer großer Wiesnzelte verantwortlich. „Dieses Jahr haben wir durch die Batteriespeicher einen Puffer von zwei Stunden. Das gibt mir jetzt einfach ein bisschen Luft, ich kann mit den Leuten in der Küche sprechen, wir können Geräte gezielt runterfahren und die Last reduzieren – das ist ein wahnsinniger Vorteil für die Betriebssicherheit.“
Ukrainekrieg und Abgasvorgaben treiben den Elektro-Boom
Der Strombedarf auf der Theresienwiese in München hat sich in kurzer Zeit vervielfacht. Neben dem seit dem Ukrainekrieg geltenden Verzicht auf Gas treiben auch neue, strenge Abgasvorgaben der Stadt den Umstieg auf Elektroantriebe voran. Da selbst kleine Buden mittlerweile aufwendige Regelungen bei der Nutzung von Gas befolgen müssen, sparen Wirte durch den Wechsel zu einer rein elektrischen Küche Kosten bei der Installation von teuren Abgasführungen und Messstrecken. Gleichzeitig steigt der Komfort: Allein die Heizstrahler in den Außenbereichen benötigen teilweise bis zu 150 kW pro Zelt. Gerade bei kühlerem Wetter steigen die Lastspitzen stark an, da die Heizpilze dann sehr viel Strom benötigen. Dieser Strom kommt nun dezentral aus Batteriespeichersystemen und entlastet so den Netzanschluss der Zelte.
Wirtschaftlicher als Netzausbau
Die Zelt-Wirte sehen die Stadt in der Pflicht, für ausreichend Strom zu sorgen, doch die physikalischen Grenzen des Netzes sind erreicht. Ein klassischer Ausbau der Netzinfrastruktur ist auf dem Festgelände kaum realisierbar. Die umliegenden Trafostationen arbeiten während der Wiesn am Limit und eine Erweiterung der Mittelspannung sowie der Niederspannungshauptverteiler (NSHV) stünde in keinem wirtschaftlichen und logistischen Verhältnis.
„Die Investition in die Batteriespeicher ist vom Umfang her deutlich geringer als ein tiefgreifender Umbau der Trafostationen und der Netze vor Ort“, erklärt Poeting. „Ein solcher Speicher amortisiert sich in der Praxis voraussichtlich schon nach zwei bis drei Jahren. Außerdem nehmen die Systeme wenig Platz weg – und wenn die Last in den kommenden Jahren noch größer wird, dann erweitern wir das Batteriesystem einfach und fertig.“
Spielraum für Energiezukunft der Wiesn
„Das Oktoberfest ist für jede Technologie ein absoluter Stresstest unter Extrembedingungen. Genau dafür haben wir unsere Tesvolt-FORTON-Großspeicher geliefert“, berichtet Daniel Hannemann, Mitgründer und Aufsichtsratsmitglied von Tesvolt. „In diesen Systemen setzen wir auf modernste Hochtemperaturzellen. Sie machen die Speicher sehr belastbar und langlebig. Ein weiterer Vorteil auf dem engen Festgelände ist, dass die Technologie ohne Flüssigkeitskühlung auskommt. Das spart Platz und verzichtet auch vollständig auf umweltgefährdende Kühlstoffe. Das passt auch zum nachhaltigen Anspruch der Wiesn.“
„Niemand kann genau sagen, wie die Energie-Infrastruktur der Wiesn in fünf oder zehn Jahren aussieht. Es wäre doch ziemlich klug, auch die Abwärme der Zelte zu nutzen oder den Wind und vielleicht gibt es ja mal Solarmodulfolien auf den Zeltdächern“, so Poeting. „Warum sollten wir also das Netz mit gigantischem Aufwand ausbauen, wenn intelligente Speichertechnologie die viel preiswertere Lösung bietet und total flexibel auf die künftige Energiesituation reagieren kann. Auch die Wiesnwirte sind sehr offen für intelligente, grüne Energiesysteme.“