Industriestrompreis: Risiko für Wettbewerb und Effizienz

Stromrabatt für die Großen – Druck für den Rest der Industrie?

Die Bundesregierung plant einen Industriestrompreis für Großbetriebe – eine ZWE-Studie warnt vor Verzerrungen im Markt.

Bild: iStock, NeoLeo
09.03.2026

Die Bundesregierung möchte energieintensive Branchen mit einem Industriestrompreis entlasten. Dieser soll den Stromverbrauch von Großbetrieben für drei Jahre auf 50 Prozent deckeln und bei 50 Prozent des Großhandelspreises liegen, wobei der Mindestpreis bei 50 Euro pro MWh liegt. Eine Studie des ZEW warnt jedoch vor Verzerrungen im Wettbewerb.

Die Entlastung der Großbetriebe soll zu einer spürbaren Senkung der Stromkosten der begünstigten Unternehmen führen. Es drohen jedoch Wettbewerbsverzerrungen, welche die Energieeffizienz und Produktivität der Industrie schwächen können. Zudem zahlen Unternehmen mit geringem Strombedarf im Schnitt bereits heute deutlich mehr für Strom als Unternehmen mit großem Strombedarf, wie eine neue Studie des ZEW Mannheim zeigt.

Industriestrompreis: Hilfe jetzt, Schaden später?

„Der Industriestrompreis wirkt kurzfristig entlastend, kann aber Unternehmen, die im selben Markt aktiv sind, sehr ungleich behandeln und damit den Wettbewerb verzerren“, sagt Joscha Krug, Ökonom am ZEW Mannheim, Ko-Autor der Studie und Wissenschaftler am Forschungsbereich „Umwelt- und Klimaökonomik“.

Prof. Kathrine von Graevenitz, PhD, Ko-Autorin der Studie und stellvertretende Leiterin des Forschungsbereichs, ergänzt: „Wenn vor allem Großverbraucher geschützt werden, sinkt der Anreiz für diese Unternehmen, effizienter zu werden. Langfristig besteht das Risiko, dass Innovation gebremst und die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland geschwächt wird. Junge und mittelständische Unternehmen haben es schwerer, sich ohne Subventionen zu behaupten.“

Standortbedingungen in der Breite verbessern

Statt eines Industriestrompreises schlägt Krug vor, dass: „Maßnahmen ergriffen werden, die die Standortbedingungen in der Breite verbessern, wie Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung, sowie Bürokratieabbau. Außerdem sollte der Strommarkt an die heutigen Gegebenheiten mit einem hohen erneuerbaren Anteil und steigender dezentraler Energieerzeugung angepasst werden.“

Auch ohne Industriestrompreis gingen die Preise 2024 für Kleinverbraucher mit rund 272 Euro/MWh gegenüber 155 Euro/MWh für Großverbraucher deutlich auseinander. „Die Preisdifferenz von 117 Euro pro MWh entstand vor allem aufgrund von Netzentgelten, Steuern und Abgaben, die circa 63 Prozent des Unterschieds ausmachen“, so Krug.

Selektive Entlastungen können Wettbewerb schädigen

Wenn die Energiepreise steigen, reagieren Unternehmen ohne Vergünstigungen stärker mit Effizienzmaßnahmen oder sie verlieren Marktanteile. Begünstigte Unternehmen können hingegen trotz hoher Preise zu geringeren Kosten produzieren, Marktanteile ausbauen und somit die Struktur ganzer Industriezweige verändern. Weil diese Unternehmen im Schnitt weniger Anreize haben, Strom zu sparen, kann die Energieeffizienz energieintensiver Branchen insgesamt sinken.

Tatsächlich zeigt die ZEW-Studie für Phasen steigender Energiepreise, dass Produzenten mit höheren effektiven Energiepreisen häufiger aus Märkten austraten, während Produzenten mit niedrigeren Energiepreisen überdurchschnittlich oft expandierten oder in neue Märkte eintraten.

Über die Studie: Die Studie stützt sich auf aktuelle Strompreisdaten, Daten zu Entlastungsinstrumenten sowie modellbasierte Berechnungen, die zeigen, wie Preisunterschiede zwischen Firmen die Marktanteile und Energieeffizienz in mehreren energieintensiven Industrien beeinflussen können. Die Befunde wurden zudem in den Kontext bestehender und vergangener Entlastungsinstrumente wie Netzentgeltvergünstigungen, Strompreiskompensation und frühere EEG-Umlage-Entlastungen eingeordnet.

Verwandte Artikel