Standortindex fällt auf historischen Tiefstand

Industriestandort Deutschland auf dem Prüfstand

Energiepreis-Eskalationen, Zollkonflikte, ein Import-Boom aus China und ein starker Euro verschärfen die Standortwahl – Deutschland im Standortindex ab.

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29.04.2026

Die Stimmung internationaler Unternehmen in Deutschland kippt. Mehr als die Hälfte von ihnen bewertet die Lage als schlecht oder sehr schlecht. Das sind die Vor- und Nachteile des Standorts Deutschland.

Die CFOs internationaler Unternehmen in Deutschland bewerten die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands deutlich kritischer. Dies geschieht in einer Phase, in der Energiepreis-Eskalationen durch den Iran-Krieg, Zollkonflikte, der Import-Boom aus China und der starke Euro die globale Standortwahl weiter massiv verschärfen. Das zeigt der KPMG-Standortindex, eine Detailanalyse von 24 zentralen Standortfaktoren, die im EU-Vergleich einen historischen Tiefstand erreicht hat.

Standortindex: Deutschland nur noch knapp über EU‑Schnitt

Zugleich beurteilen 52 Prozent der CFOs die wirtschaftliche Lage ihrer deutschen Tochtergesellschaften als „schlecht“ oder „sehr schlecht”. Dies ist eine Verdreifachung gegenüber 2023. Für die Studie „Business Destination Germany“ hat KPMG 400 CFOs der größten deutschen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne aus den acht wichtigsten Investorenländern Deutschlands befragt. Die Erhebung erscheint seit 2017 alle zwei Jahre.

„Unser fünfter Standortindex dokumentiert einen Kipppunkt: Deutschland steckt nicht in einer Konjunkturdelle, sondern in einem strukturellen Problem. Die Folgen: Immer mehr internationale Investoren überprüfen ihre Engagements hierzulande kritisch“, sagt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG. „Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht gegensteuern und die versprochenen Reformen zeitnah umsetzen, verlagern internationale Konzerne Investitionen, Beschäftigung und Wertschöpfung in andere Länder. Dies hätte massive Folgen für Wachstum, Innovation und Steuereinnahmen.“

Der Standortindex zeigt einen kontinuierlichen Rückgang: Seit der Erstauflage der Studie im Jahr 2017 ist der Wert von +3,1 Punkten über +2,6 (2019), +2,4 (2021) und +1,2 (2023) sukzessive auf +0,2 gefallen. Damit liegt Deutschland nur noch knapp über dem EU-Durchschnitt. „Der niedrige Wert ist das Ergebnis von acht Jahren schleichender Erosion des Standorts bei Energiekosten, Digitalisierung, Regulierung, Steuern, Infrastruktur und Fachkräften“, fasst Andreas Glunz (KPMG) weiter zusammen. „Für immer mehr CFOs internationaler Konzerne wird Deutschland vom Ankerstandort zum Prüfstandort.“

Stimmung kippt: Lageurteile und Investitionspläne rutschen ab

Die Stimmung internationaler Unternehmen in Deutschland hat sich deutlich verschlechtert. Im Jahr 2023 bewertete knapp jedes fünfte Unternehmen (18 Prozent) die Lage seiner deutschen Tochtergesellschaft als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ (2021 waren es nur 8 Prozent). In der aktuellen Erhebung ist es mehr als jedes zweite Unternehmen (52 Prozent). Nur noch 23 Prozent bewerten ihre aktuelle Situation als „gut“ oder „sehr gut“. Das sind 28 Prozentpunkte weniger als 2023 und 43 Prozentpunkte weniger als 2021.

Die schwächeren Erwartungen spiegeln sich in den Investitionsplänen wider. Knapp jedes vierte Unternehmen (23 Prozent) will in Deutschland weniger investieren. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor zwei Jahren (elf Prozent). Besonders ausgeprägt ist dieser Trend bei Unternehmen aus Südostasien: 71 Prozent von ihnen wollen ihre Investitionen zurückfahren. Bei Investoren aus Mittel- und Osteuropa liegt der Anteil bei 47 Prozent. Von den Unternehmen, die kürzen, planen 26 Prozent Einschnitte von mehr als 30 Prozent. Zwar will knapp jedes dritte Unternehmen (31 Prozent) in Deutschland mehr investieren, doch 42 Prozent von ihnen peilen lediglich Zuwächse von weniger als 10 Prozent an.

Bürokratie als Hauptnachteil – Energieversorgung fällt durch

Bürokratie gilt als größter Standortnachteil. 70 Prozent sehen Deutschland bei der Regulierung unter den fünf schwächsten EU-Ländern, 29 Prozent sogar als Schlusslicht. Dieser Wert verzeichnet den stärksten Rückgang aller Faktoren. 32 Prozent fordern daher einen Bürokratieabbau, doch nur 19 Prozent erwarten in den nächsten fünf Jahren Fortschritte.

Noch kritischer fällt das Urteil beim Thema Energie aus. Die Sicherheit der Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen wurde erstmals separat abgefragt und landet auf dem letzten Platz aller 24 Kriterien. 43 Prozent sehen Deutschland als den schwächsten Standort der EU, weitere 26 Prozent als einen der fünf schwächsten.

„Kurzfristige Entlastungen bei den Strompreisen greifen zu kurz: Nicht zuletzt der Iran-Krieg treibt Energiepreise und erhöht die Unsicherheit der Versorgung. Gleichzeitig steigt mit Automatisierung und Digitalisierung der Energiebedarf – und macht Energiekosten zu einem zentralen Faktor bei internationalen Standortentscheidungen. Das schwächt die Attraktivität des Standorts“, erläutert KPMG-Experte Glunz.

Standortfaktor Infrastruktur rutscht im EU‑Vergleich ab

69 Prozent sehen die digitale Infrastruktur Deutschlands unter den fünf schwächsten in Europa, 33 Prozent sogar auf dem letzten Platz. Bei der physischen Infrastruktur zählt Deutschland nur noch für 29 Prozent zu den Top 5 (2017: 77 Prozent; 2023: 44 Prozent). Steuern bleiben ein Nachteil. 47 Prozent ordnen Deutschland den fünf Ländern mit den höchsten Steuern und der größten Komplexität zu (+12 Prozentpunkte gegenüber 2023) und 19 Prozent sehen Deutschland als Schlusslicht. Auch die Einwanderungspolitik wird kritischer bewertet. Nur 24 Prozent sehen Deutschland als führend an (2023: 44 Prozent), während 45 Prozent Deutschland zu den fünf schwächsten Ländern zählen (2023: 17 Prozent).

Wo Deutschland weiter punktet

60 Prozent der internationalen Unternehmen nutzen Deutschland als Europazentrale. 63 Prozent steuern von hier aus auch Aktivitäten außerhalb Europas. Vor allem institutionelle Faktoren schneiden gut ab: 66 Prozent der internationalen Finanzchefs zählen die öffentliche Sicherheit und 65 Prozent die politische Stabilität Deutschlands zu den fünf besten in der EU. Dies sind die höchsten Bewertungen im gesamten Ranking.

Auch bei zentralen Markt- und Innovationsfaktoren bleibt Deutschland in der Spitzengruppe: 57 Prozent nennen die Größe und Kaufkraft des Marktes, 52 Prozent die Forschungslandschaft und 54 Prozent das innovationsfreundliche Umfeld und die Technologieoffenheit. 51 Prozent sehen Deutschland bei Lebensqualität und Lebensstandard unter den Top 5 – deutlich weniger als 2023 (74 Prozent).

„Deutschland bleibt für internationale Unternehmen ein Schlüsselstandort, aber die Geduld der Investoren ist begrenzt. Ob Reformen greifen oder sich die schleichende Deindustrialisierung fortsetzt, entscheidet sich jetzt“, resümiert Andreas Glunz von KPMG.

Chancen für profitables Wachstum

Die Reformagenda der Bundesregierung hat einen größeren Einfluss auf die Investitionsentscheidungen internationaler Unternehmen, als es die aktuelle Stimmung vermuten lässt. Für rund jedes fünfte Unternehmen (19 Prozent) gehört sie zu den drei wichtigsten Gründen, in den kommenden fünf Jahren in Deutschland zu investieren. 17 Prozent sehen Chancen in den großen Transformationsaufgaben des Landes, insbesondere in den Bereichen Energiewende, Klimaneutralität, Digitalisierung, Demografie und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Weitere 17 Prozent führen das neue Infrastruktur- und Verteidigungspaket als Investitionsanreiz an.

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