Norafin entwickelt und produziert im sächsischen Mildenau technische Spezial-Vliesstoffe und Composites, die etwa im öffentlichen Verkehr und in der Ballastik vor Gewalt und Vandalismus schützen, auf dem Bau zur Abdichtung oder zur Pflanzbewässerung dienen, in der Industrie als Walzenbezüge eingesetzt werden oder in der Kosmetik als Gesichtsmasken und in der Pflege zur Wundervsorgung gute Dienste leisten – und vieles mehr.
Im Durchschnitt benötigt Norafin eine Gigawattstunde Strom pro Monat und ist damit ein energieintensives Unternehmen. Doch das breite Portfolio mit über 3.000 sehr unterschiedlichen Produkten sorgt für einen stark schwankenden, kaum planbaren Stromverbrauch. Gleichzeitig verfolgt Norafin eine ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie. Sie umfasst unter anderem ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 zur kontinuierlichen Verbesserung der Energieeffizienz, eine aufwändige Aufbereitung des Prozesswassers zur Reduzierung des Trinkwasserverbrauchs sowie den Einsatz nachwachsender Rohstoffe.
Während der Energiekrise im Jahr 2022 kündigte der damalige Energieversorger den Vertrag mit Norafin und es gestaltete sich schwierig, einen neuen Anbieter zu finden. Schließlich stieß der Einkauf auf das Mannheimer Energieunternehmen MVV. „Wir schlossen zuerst einen Vertrag über ein Jahr für Strombezug über den Spotmarkt – das ging zu der Zeit nicht anders“, berichtet Philipp Seidenglanz, Business Controller und Prokurist bei Norafin. Doch MVV brachte bereits die Idee eines PPA ins Spiel. „Wir fanden das ganz cool. Denn es war ohnehin unser Ziel, die Strombeschaffung zu diversifizieren, sodass wir die Chancen am Strommarkt besser nutzen können. Der PPA konnte hierfür ein Baustein sein – und auch für unsere Nachhaltigkeitsstrategie“, so Seidenglanz.
Weniger Risiko und mehr Nachhaltigkeit
Zudem spielte die Besondere Ausgleichsregelung (BesAR) eine Rolle. Damit können stromkostenintensive Unternehmen bestimmte Umlagen auf den Strompreis erheblich reduzieren, wenn sie gewisse Anforderungen erfüllen. Zum Beispiel müssen sie 30 Prozent des Stromverbrauchs durch ungeförderten Erneuerbare-Energien-Strom decken. Dazu trägt der Grünstrom aus dem PPA bei Norafin einen großen Teil bei.
Der Strom aus dem PPA kommt außerdem mit den hochwertigsten Herkunftsnachweisen (HKN). Auch wenn umgangssprachlich vieles als Grünstrom oder Ökostrom bezeichnet wird, ist das aus regulatorischer und energiewirtschaftlicher Sicht differenziert zu betrachten: Echter Grünstrom ist es nur, wenn die HKN eindeutig einer erzeugten Megawattstunde zugeordnet und entwertet werden.
Mit den hochwertigen HKN erfüllt der Strom aus dem PPA die regulatorischen Vorgaben und erhält in Nachhaltigkeitsbewertungen und Lieferantenscores die besten Bewertungen. „Immer mehr Kunden fragen nach der CO2-Bilanz unserer Produkte und wir tun viel dafür, um diese zu verbessern“, erklärt Philipp Seidenglanz. „Unsere Prozesse ermöglichen Energieeinsparungen aber nur bis zu einem gewissen Grad. Deshalb wird der Grünstrom aus dem PPA immer wichtiger, um als Lieferant attraktiv zu bleiben.“
Damit PPAs passgenauer werden
Doch zuvor galt es, den PPA so zu gestalten, dass er optimal zu Norafin passt. Klar war, dass es ein „Pay-as-Produced“-Modell sein sollte. Das heißt: Norafin nimmt den erzeugten Strom einer Erneuerbare-Energien-Anlage komplett ab, unabhängig vom eigenen Bedarf. Weil der Strom bei diesem Modell immer genau dann übernommen wird, wenn er generiert wird, ist dies das nachhaltigste PPA-Modell.
Tatsächlich bezieht Norafin jedoch nur die zu diesem Zeitpunkt benötigte Strommenge. MVV überwacht kontinuierlich die Stromproduktion und den Strombedarf, um Überschussmengen zu erkennen. Diese verkauft der Energieversorger am Spotmarkt und schreibt die Erlöse Norafin gut. Da die Spotmarktpreise in der Regel unter dem im PPA vereinbarten Preis liegen, sollte der Stromüberschuss jedoch möglichst gering ausfallen. Gleichzeitig ist es für Norafin interessant, einen möglichst großen Anteil seines Strombedarfs über den PPA abzudecken.
Die optimale Strommenge zu definieren, war keine ganz einfache Aufgabe – zumal bei einem volatilen Bedarf wie bei Norafin. Hierzu übermittelte das Unternehmen seinen Lastgang an MVV. Die Daten flossen zusammen mit den Daten verschiedener Windkraftanlagen sowie den prognostizierten Strompreisen in das Berechnungstool von MVV ein. Auf Basis der Ergebnisse nahm Norafin eine Risikoabschätzung vor, sodass MVV eine Windkraftanlage auswählen konnte, deren Erzeugungsprofil perfekt zum Bedarfsprofil und den Zielen von Norafin passt.
Seitdem profitiert Norafin von Preissicherheit für die vereinbarte Strommenge unterhalb des EEX-Base-Wertes zum Abschlusszeitpunkt. „Wir sind sehr gut damit gefahren und ich kann das nur empfehlen“, so das Fazit von Philipp Seidenglanz. „Ist der PPA erst einmal fixiert, brauchten wir uns um nichts mehr zu kümmern.“
Zwischenzeitlich hat Norafin seine Strombeschaffung weiter diversifiziert. Neben dem PPA bezieht das Unternehmen auch Terminmarktmengen über MVV. Hinzu kommen Mengen vom Spotmarkt sowie Grünstrom einer On-Site-Solaranlage. Außerdem denkt Norafin über einen Batteriespeicher nach. Der PPA mit MVV war vor Kurzem ausgelaufen und wurde bereits verlängert – wieder mit derselben Windkraftanlage.
Das Wichtigste zum PPA
Ein Power Purchase Agreement (PPA) ist ein Vertrag über die Lieferung und Abnahme von Grünstrom zwischen einem Stromproduzenten – meist ein Betreiber von Wind- oder PV-Anlagen – und einem Abnehmer. Der Grünstrom wird durch das PPA dem Abnehmer zugeordnet und verbessert damit dessen CO2-Bilanz (Scope 2). Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen (EE-Anlagen) können mit PPAs ihre finanziellen Risiken abfedern und ihre Anlagen auch außerhalb von Förderprogrammen wirtschaftlich betreiben, zum Beispiel nach Auslaufen der EEG-Förderung. Jedes PPA ist ein individueller Vertrag. Je besser dieser auf beide Vertragspartner abgestimmt ist, desto größer der Nutzen für beide Seiten.