Historisch betrachtet wurde das Label Made in Germany einst von den Briten im 19. Jahrhundert erfunden, um vermeintlich minderwertige Waren aus Deutschland herabzusetzen. Im Laufe der Jahrzehnte schlug diese Skepsis jedoch ins genaue Gegenteil um und wandelte sich zu einem weltweiten Qualitätsversprechen. Heute steht dieses Gütesiegel unter enormem Druck. Globale Konkurrenz, geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten sowie hohe Energie- und Arbeitskosten fordern uns als produzierendes Gewerbe täglich heraus. Besonders an China wird deutlich, mit welcher enormen Geschwindigkeit der internationale Wettbewerb agiert. Gleichzeitig ist die Globalisierung keineswegs am Ende. Zwar verändern sich Handelsströme dynamisch, aber der globale Austausch nimmt weiter zu.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie reagieren wir als Unternehmen auf diese Transformation? Für uns bei Weidmüller ist die Antwort vielschichtig. Natürlich regionalisieren wir unsere Wertschöpfungsketten weltweit, erweitern unsere Kapazitäten in den USA und errichten derzeit ein neues Werk in China, um nah an den jeweiligen Märkten zu sein. Doch parallel dazu setzen wir ein klares Zeichen für den heimischen Standort: Wir haben im ostwestfälischen Detmold ein komplett neues Elektronikwerk errichtet. Eine Investition von rund 60 Millionen Euro auf 19.000 m2 Fläche tätigt man nicht nur aus regionaler Verbundenheit. Wir haben diesen Schritt gewagt, weil wir zutiefst davon überzeugt sind, dass eine Produktion in Deutschland absolut wettbewerbsfähig ist, wenn man es konsequent und richtig gestaltet.
Dafür sind drei Pfeiler entscheidend. Der erste Pfeiler ist eine durchgängige Automatisierung und Digitalisierung. Am Hochlohnstandort Deutschland konzentrieren wir uns auf die Fertigung von Highrunner-Produkten, die nahezu vollständig automatisiert hergestellt werden können. Sämtliche Prozesse müssen digital erfasst und gesteuert werden – von der End-to-End-Planung über die Echtzeit-Erfassung unserer Kennzahlen mittels eines Operation Service Bus (OSB) bis hin zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der optischen Qualitätskontrolle. Digitalisierung schafft die notwendige Grundlage, um Produktivitätsreserven voll auszuschöpfen und bei den Stückkosten konkurrenzfähig zu bleiben.
Der zweite Pfeiler ist eine konsequente vertikale Integration. Wir bündeln alle relevanten Schritte und Kompetenzen an einem Ort. In Detmold arbeiten Entwicklung, Re-Design, Maschinen- und Anlagenbau sowie der Werkzeugbau wortwörtlich Tür an Tür mit der Fertigung zusammen. Wenn konsequent gemäß Design to Manufacturing entwickelt wird und unsere fünf Kernproduktionstechnologien – Metallverarbeitung, Galvanik, Kunststoffspritzen, SMT-Bestückung (Surface-mount technology) und Montage – unter einem Dach vereint sind, verkürzen sich die Wege extrem. So erreichen wir eine enorme Agilität und Reaktionsgeschwindigkeit, die maßgeblich zur Kundenzufriedenheit beiträgt.
Der dritte und wichtigste Erfolgsfaktor ist der Mensch. Moderne Fertigung ist in erster Linie kein Lohnkostenwettbewerb, sondern ein Kompetenzwettbewerb. Es kommt auf das tiefgreifende Know-how an, hochkomplexe Anlagen schnell hochzufahren, OEE-Raten (Overall Equipment Effectiveness) zu maximieren und Ausschuss zu minimieren. Dieses Fachwissen ist am Standort Deutschland vorhanden. Was wir benötigen, ist der Wille, Herausforderungen aktiv anzunehmen und Veränderungen konsequent umzusetzen. Erfolg in der industriellen Produktion ist kein Individualsport, sondern gelebtes Teamplay. Wenn Management und Belegschaft gemeinsam an einem Strang ziehen, Prozessverbesserungen kontinuierlich vorantreiben und stolz auf das Erreichte sind, bleibt die Wertschöpfung in Deutschland dauerhaft zukunftsfähig. Wir müssen „Made in Germany“ jeden Tag mutig neu erfinden.