Als Vorstand für Vertrieb und Marketing bei Weidmüller beschäftigt mich die sicherheitspolitische Zeitenwende sowohl beruflich als auch ganz persönlich sehr intensiv. Nach meiner eigenen Dienstzeit bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr und einer anschließenden akademischen Laufbahn bin ich seit nunmehr zwölf Jahren bei diesem großartigen Familienunternehmen tätig. Unsere Historie reicht über 175 Jahre zurück. Heute erwirtschaften wir mit 6.000 Mitarbeitenden weltweit mehr als eine Milliarde Euro Umsatz und sind traditionell tief im klassischen zivilen Maschinenbau, in der Bahntechnik sowie in der Energie- und Prozesstechnik verwurzelt.
Vor dem Jahr 2022 spielte die Rüstungsindustrie für uns kulturell und gesellschaftlich bedingt nur eine Nebenrolle. Das änderte sich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine schlagartig. Ein persönlicher Wendepunkt war für mich im Mai 2022 die Teilnahme an einer sog. dienstlichen Veranstaltung zur Information (InfoDVag) der Bundeswehr in Munster. Dort erlebte ich aus erster Hand, wie stark moderne Wehrtechnik von Datensignalen, Strom und Automatisierung durchdrungen ist. Die Welt wird immer elektrischer, und das gilt gleichermaßen für moderne Verteidigungssysteme, in denen die Elektrotechnik das eigentliche Nervensystem bildet. Ihr Anteil an Waffensystemen lag im Jahr 2023 bei rund 17 Prozent und wird bis zum Zeitraum zwischen 2035 und 2040 voraussichtlich auf 25 Prozent ansteigen. Beim abendlichen Austausch mit Führungskräften der Rüstungsindustrie in Munster wurde mir klar, dass genau unsere Kompetenz in harten und anspruchsvollen Umgebungen gebraucht wird. Große Systemhäuser benötigen etablierte, finanziell starke Zulieferer, die in der Lage sind, Produktion und Lieferketten resilient zu skalieren. Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir uns strategisch für den Verteidigungsmarkt geöffnet. Neben dem Erschließen eines attraktiven Absatzkanals treibt uns das klare Bekenntnis an, unseren Beitrag zur Wehrfähigkeit unseres Landes zu leisten.
Dieser Prozess begann mit einer umfassenden Marktanalyse und einem Abgleich unseres bestehenden Portfolios mit den Applikationen in der Rüstungsindustrie. Ein entscheidender Schritt war die enge Einbindung unserer Gesellschafter, um auch die Leitplanken und Statuten der Eigentümerfamilie proaktiv anzupassen. Parallel dazu haben wir interne Prozesse rund um die Exportkontrolle und Compliance, also die Einhaltung von gesetzlichen Verhaltensregeln, verschlankt und agiler gestaltet, ohne dabei gesetzliche Vorgaben zu verletzen. Heute agieren wir als Zulieferer der zweiten Stufe, der hochwertige Komponenten an Systemintegratoren liefert. Die gesamte Zertifizierung des Endsystems verbleibt damit meist beim Haupthersteller, auch wenn wir militärische Normen fallweise prüfen.
Unsere Stärke ist unser geschlossener Fußabdruck in Deutschland. Von der Forschung und Entwicklung, dem Research and Development (R&D), über ein akkreditiertes Prüflabor bis hin zur Metallverarbeitung, dem Kunststoffspritzguss und der Elektronikfertigung in Detmold mit modernster Surface Mount Technology (SMT) sowie unserem Logistikzentrum in Thüringen bilden wir die gesamte Kette lokal ab. Das schafft enorme Resilienz, wenngleich auch wir bei Rohstoffen oder Bauteilen und Chips Abhängigkeiten von Asien spüren, die es national zu reduzieren gilt. Wir ziehen jedoch klare Grenzen: Weidmüller wird niemals eigene Waffensysteme bauen, und Anfragen für fragwürdige Applikationen, wie jene nach Steckverbindern für Landminen, lehnen wir strikt ab. Auch die Luftfahrt meiden wir aufgrund extrem hoher Zertifizierungshürden bei geringen Volumina. Riesige Potenziale sehen wir hingegen in der Drohnenabwehr oder in der Marineelektronik für Fregatten.
Mein Appell an Wirtschaft und Politik ist klar: Wir müssen ein eng verzahntes Ökosystem zwischen Politik, Bundeswehr und Industrie schaffen. Wir brauchen einen gesunden Protektionismus und klare Wertschöpfungsvorgaben für den Standort Deutschland, um uns vor billigen Nachahmungen zu schützen und Lieferketten abzusichern. Die Zeitenwende ist eine gemeinschaftliche Aufgabe für die gesamte zivile Industrie – und wir bei Weidmüller sind bereit, unseren Anteil dazu beizutragen.