Logistik und Supply Chain Management unter Unsicherheit

Führung in ungewissen Zeiten

Globale Lieferketten geraten unter Druck – auch weil sie politisch instrumentalisiert werden. Unternehmen passen ihre Strukturen an: Re-Industrialisierung, Near-Shoring oder Kreislaufwirtschaft werden zu Optionen.

Bild: iStock, Nuthawut Somsuk
28.04.2026

Zölle können Lieferketten über Nacht verteuern, Konflikte können Rohstoffe verknappen und KI kann Entscheidungen beschleunigen. Mehr als 200 Fach- und Führungskräfte diskutierten, welche Anforderungen sich daraus für die Führung ergeben. Wie führt man, wenn Rahmenbedingungen täglich kippen können?

Die zentrale Herausforderung für Unternehmen im Jahr 2026 ist die Führung in ungewissen Zeiten. Wenn Zölle Lieferketten über Nacht verteuern, geopolitische Konflikte Rohstoffe verknappen und Künstliche Intelligenz Entscheidungen beschleunigt, reicht klassisches Management nicht mehr aus. Führungskräfte müssen konkurrierende Ziele in Einklang bringen: langfristige Stabilität versus kurzfristige Rendite. Zudem müssen sie Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, deren Folgen sie nicht vollständig kontrollieren können.

Dies war eine der zentralen Botschaften beim 20. Logistiktag der Kühne-Stiftung, der am 17. April 2026 an der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg stattfand. Unter dem Motto „From Disruption to Direction: Leading the Future of Logistics and Supply Chain Management” diskutierten mehr als 200 Fach- und Führungskräfte, wie Unternehmen unter Unsicherheit navigieren können und welche neuen Führungskompetenzen dafür nötig sind.

Logistik als Vorreiter im Umgang mit Ungewissheit

„Disruption ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Norm. Unternehmen brauchen Orientierung und Urteilsvermögen“, sagte Prof. Dr. Andreas Kaplan, Präsident der KLU, zur Eröffnung. „Logistik war schon immer gut darin, Zielkonflikte abzuwägen: Geschwindigkeit versus Nachhaltigkeit, Resilienz versus Effizienz, Automatisierung versus menschliches Urteil. Wenn jemand exzellent aufgestellt ist, in ungewissen Zeiten zu führen, dann sind es die Verantwortlichen in Logistik- und Supply-Chain-Management.“

Prof. John Manners-Bell, Gründer der Foundation for Future Supply Chains in London und CEO von Ti Insight, skizzierte in seiner Keynote einen Paradigmenwechsel: „Globale Lieferketten haben Millionen aus der Armut befreit und Wirtschaftswachstum vorangetrieben. Doch das Modell ist unter Druck geraten. Lieferketten werden zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt.“

Der Welthandel habe sich in den letzten zehn Jahren durch Protektionismus, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen grundlegend verändert. „Global integrierte Lieferketten galten früher als das beste Modell. Heute sind sie nur noch eine von vielen Optionen – neben Re-Industrialisierung, Near-Shoring oder Kreislaufwirtschaft“, so Manners-Bell. Die neuen Modelle seien resilienter, aber komplexer und kostspieliger.

Die Zahlen sprechen für sich: Chinesische Exporte in die USA sanken 2025 um 29,7 Prozent aufgrund von Zöllen, während Exporte aus Südostasien (ASEAN) um 28,9 Prozent stiegen. „Das ist kein Rückgang des Welthandels, sondern eine Umverteilung – Unternehmen bauen ihre Lieferketten aktiv um“, so Manners-Bell.

Wie Zölle Nikes Supply Chain verschieben

Manners-Bell lieferte ein konkretes Beispiel mit dem weltgrößten Sportartikelhersteller Nike: Zölle auf chinesische Exporte verursachten dem Unternehmen Mehrkosten in Höhe von rund einer Milliarde Dollar. Seit Jahren sinkt der Anteil der Produktion in China bei Nike deutlich, während die Produktion nach Vietnam (50 Prozent der Schuhe), Indonesien und auf die Philippinen verlagert wird.

„Nike hat eine auf fünf Jahre angelegte Supply-Chain-Transformation gestartet und steht vor der Wahl: Preise erhöhen, die Produktion in andere Teile Asiens, in die USA (Reshoring) oder nach Mexiko (Near-Sourcing) verlagern oder die Margen senken“, so Manners-Bell. Mit Verweis auf die WTO warnte er: „Wenn Unternehmen nicht wissen, welche Zölle morgen gelten, investieren sie weniger. Das schadet dem Handel – und den Verbrauchern.“

Mit Blick auf den Iran-Konflikt betonte er die Komplexität der Folgen: „Viele werden erst in zwei bis sechs Monaten spürbar sein – von reduzierten Ernten in Afrika durch fehlende Düngemittel bis zu Engpässen in der Chip-Industrie durch fehlende Helium-Exporte.“

Verantwortung für unsichtbare Strukturen

Dr. Niklas Wilmking, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung und ehemaliger Logistikvorstand bei DB Schenker, fasste zusammen: „Es geht nicht mehr hauptsächlich darum, Waren effizient zu bewegen, sondern strategische Ziele unter Unsicherheit umzusetzen. Die besten Führungskräfte werden diejenigen sein, die Verantwortung für unsichtbare Strukturen und unbequeme Zielkonflikte übernehmen.“ Mit Blick auf KI sagte er: „Der Engpass ist künftig nicht mehr die Rechenleistung, sondern Führung im Sinne von Priorisierung und Verantwortlichkeit.“

Der Logistiktag der Kühne-Stiftung, der inhaltlich und organisatorisch von der KLU getragen wird, bot mehr als 200 Teilnehmenden die Möglichkeit, in spezialisierten Sessions über KI in der Supply-Chain-Planung, CO2-Entnahme-Technologien, humanitäre Logistik und die Rolle von Elektro-Lkw in Afrika zu diskutieren. Ein zentrales Thema war dabei: Wie können Unternehmen Resilienz und Nachhaltigkeit vereinbaren, ohne dass die Kosten explodieren?

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