Wie sich die Stromversorgung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird, hängt von vielen Faktoren ab: vom steigenden Strombedarf, vom Ausbau erneuerbarer Energien sowie von neuen Speichern und Rechenzentren. Der Szenariorahmenentwurf der vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT Germany und TransnetBW greift zentrale Veränderungen im künftigen Stromsystem auf. Er beschreibt mögliche Entwicklungspfade und legt die zugrunde liegenden Annahmen für die weitere Netzplanung offen. Der Entwurf bildet die Grundlage für den nächsten Netzentwicklungsplan Strom 2040/2045 (2027).
Drei Szenarien für die Jahre 2040 und 2045
Kernstück sind jeweils drei Szenariopfade für die Zieljahre 2040 und 2045, die auf das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 ausgerichtet sind. Für die europäische Perspektive wurden die Planungen des Ten-Year Network Development Plan (TYNDP) berücksichtigt. Dabei wird erneut das TYNDP-Szenario „National Trends+“ für die Entwicklungen im europäischen Ausland zugrunde gelegt.
Gegenüber dem vorherigen Szenariorahmen haben sich mehrere Annahmen deutlich verändert. Dazu zählen vor allem deutlich höhere Ausbau- und Bedarfsannahmen für Großbatteriespeicher und Rechenzentren. Gleichzeitig wurden die Annahmen zum Ausbau von Elektrolysekapazitäten im Vergleich zum Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045 (2025) deutlich reduziert. Je nach Szenario steigt der Bruttostromverbrauch in Deutschland bis 2045 auf 992 bis 1.208 TWh pro Jahr. In allen Szenarien bleibt Photovoltaik die Technologie mit der höchsten installierten Leistung. Bei der Stromerzeugung liegt die Windenergie an Land vorne, gefolgt von der Windenergie auf See.
Gemeinsame Planung von Strom-, Gas- und Wasserstoffnetzen
Ein Schwerpunkt des neuen Szenariorahmens liegt auf der sektorenübergreifenden Abstimmung von Strom-, Gas- und Wasserstoffinfrastrukturen. Die Zusammenarbeit mit den Fernleitungsnetzbetreibern Gas sowie den Wasserstofftransportnetzbetreibern wurde weiter intensiviert. Erstmals haben die Übertragungsnetzbetreiber gemeinsam mit den Fernleitungs- und Wasserstoffnetzbetreibern ein gemeinsames Szenario entwickelt. Damit wird der wachsenden Bedeutung einer koordinierten Planung der Strom-, Gas- und Wasserstoffinfrastrukturen Rechnung getragen.
In die Szenariorahmen sind zudem die Ergebnisse zweier Erhebungen eingeflossen: der zweiten gemeinsamen Marktabfrage mit den Fernleitungs- und Wasserstoffnetzbetreibern sowie einer Netzbetreiberabfrage der Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber. Die Erhebungen liefern wichtige Informationen über die künftigen Bedarfe von Unternehmen, Kommunen und Projektierern aus den Bereichen Industrie, Rechenzentren, Batteriespeicher und Elektrolyseure in Bezug auf Strom, Gas und Wasserstoff. Durch die vertiefte Zusammenarbeit mit den Verteilnetzbetreibern in den einzelnen Planungsregionen konnten die Prognosen für den Ausbau erneuerbarer Energien zudem besser mit der Netzplanung verzahnt werden.
Klimamodelle für die künftige Netzplanung
Darüber hinaus wurde die Methodik des Szenariorahmens weiterentwickelt. So werden erstmals Wetter- und Klimaprojektionen auf Basis von Klimamodellen anstelle eines historischen Wetterjahres verwendet. Dadurch lassen sich mögliche künftige klimatische Bedingungen und ihre Auswirkungen auf Stromerzeugung, Stromverbrauch und Netzauslastung differenzierter berücksichtigen.
Der Entwurf des Szenariorahmens wird nun von der Bundesnetzagentur öffentlich konsultiert. Auf Grundlage des Entwurfs der ÜNB, der Konsultation und der eigenen Einschätzung genehmigt die Bundesnetzagentur einen Szenariorahmen. Dieser bildet anschließend die verbindliche Grundlage für die Markt- und Netzberechnungen der Übertragungsnetzbetreiber im Netzentwicklungsplan Strom 2040/2045 (2027).
Der Netzentwicklungsplan Strom ist das zentrale Planungsinstrument für den zukunftsgerechten Ausbau des deutschen Höchstspannungsnetzes auf dem Weg zu einer klimaneutralen Stromversorgung. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW erstellen ihn alle zwei Jahre gemäß den Vorgaben des Energiewirtschaftsgesetzes. Er bietet einen konkreten Ausblick auf das Stromnetz der nächsten Jahrzehnte und eine kontinuierlich aktualisierte, fundierte Informationsbasis für energie- und wirtschaftspolitische Weichenstellungen.