Warum das Ziel 2030 wackelt

Die Energiewende dreht auf, aber schon genug?

Die Energiewende schreitet voran: Im Jahr 2025 stieg der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch auf 56 Prozent.

Bild: Gemini, publish-industry
04.06.2026

Photovoltaik bricht Rekorde und Wärmepumpen verkaufen sich besser als Gaskessel. Im Verkehr und bei Wasserstoff hinkt Deutschland weit hinter seinen eigenen Zielen her. Der BDEW-Fortschrittsmonitor 2025 zieht eine nüchterne Bilanz der Energiewende.

Angesichts der geopolitischen Unsicherheit ist die Energiewende längst mehr als ein Klimaschutzprojekt, sie ist die Grundlage für Energiesouveränität, Resilienz und die Modernisierung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Der Fortschrittsmonitor des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigt: Die Energiewende ist auch im Jahr 2025 weiter vorangeschritten, insbesondere beim Ausbau erneuerbarer Energien und bei der Elektrifizierung. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch stieg trotz eines windschwachen ersten Quartals auf 56 Prozent; die Photovoltaik war hierbei der Wachstumstreiber. Gleichzeitig kommt die Elektrifizierung voran: 2025 wurden so viele Elektroautos verkauft wie noch nie und die Wärmepumpe hat sich zur meistverkauften Heizungsart entwickelt.

Ziele klar – Umsetzung muss folgen

Der Fortschrittsmonitor macht jedoch auch deutlich, dass noch zahlreiche Hürden abgebaut werden müssen, um die bestehenden klimapolitischen Ziele zu erreichen. Nun muss aus den Zielpfaden konkrete Umsetzung folgen: mit schnellerem Ausbau, digitalisierten Netzen, steuerbarer Leistung, Speichern, Wasserstoffhochlauf, einem stimmigen Wärmepaket und klaren Investitionsbedingungen.

Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, sagt: „Die Energiewende ist ein Standort- und Sicherheitsprojekt. Sie senkt langfristig Kosten und reduziert Importabhängigkeiten. Dafür braucht es zwingend politische Verlässlichkeit und mehr Umsetzungsgeschwindigkeit. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen weiter vereinfacht, Erneuerbare Energien und Speicher weiter zugebaut, Netze schneller ausgebaut, steuerbare Kraftwerkskapazitäten verlässlich angereizt und der Wasserstoffhochlauf pragmatisch ermöglicht werden. So kann im Sinne des energiewirtschaftlichen Dreiecks Versorgungssicherheit, Klimaziele und Wirtschaftlichkeit erreicht werden. Nötig ist ein wirtschaftlicher Regulierungsrahmen für Milliardeninvestitionen in Strom-, Gas- und Wasserstoffnetze der Unternehmen.“

Metin Fidan, Partner bei EY im Bereich Industrials & Energy, sagt: „Die Energiewende ist kein reines Transformationsprojekt, sondern eine strategische Chance: Sie stärkt Wettbewerbsfähigkeit, reduziert Abhängigkeiten und schafft die Grundlage für ein resilientes Energiesystem. Der Weg dorthin erfordert ein auf Effizienz ausgerichtetes Zusammenspiel von Erzeugung, Netzen, Speichern und Flexibilitäten, um ein skalierbares und robustes Energiesystem als neues volkswirtschaftliches Fundament zu etablieren.“

Das Energiesystem im Strukturwandel

Die strukturelle Entwicklung des Energiesystems ist bereits heute auf dem Weg zu einer effizienteren, kostengünstigeren und resilienteren Energiezukunft. Ein zunehmend auf erneuerbarem Strom basierendes Energiesystem wird zum zentralen Treiber von Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Dekarbonisierung. Damit einher geht eine Entwicklung: Der Wandel von einem Opex- zu einem Capex-basierten Energiesystem, das sich durch zunächst hohe Investitions-, dann aber niedrigere Betriebskosten auszeichnet. Dies muss bei der Förderung berücksichtigt werden. Gleichzeitig bleibt der Handlungsdruck hoch: Während die THG-Emissionen 2024 gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozent zurückgingen, wären ab 2026 jährliche Rückgänge von mehr als sieben Prozent erforderlich, um das Klimaschutzziel 2030 zu erreichen.

Photovoltaik bricht Rekorde, doch Windenergie bleibt hinter den Zielen

Die Photovoltaik bleibt der Wachstumsmotor der Energiewende. Mit einem Zubau von knapp 18 GW wurde im Jahr 2025 erneut ein Rekord erreicht. Der Anteil erneuerbarer Energien (EE) am Bruttostromverbrauch liegt mit rund 56 Prozent noch knapp über dem Zielpfad. Zwar gewinnt der Windenergieausbau an Dynamik, er bleibt aber hinter den notwendigen Zielwerten zurück: Wind an Land legte 2025 netto um 4,6 GW zu, Offshore-Wind lediglich um 0,5 GW. Zwar sind Fortschritte bei Planungs- und Genehmigungsverfahren erkennbar, sie stellen aber weiterhin einen zentralen Engpass dar. Gleichzeitig gewinnen Batteriespeicher weiter an Bedeutung. Insgesamt ist eine weitere Stärkung des Ausbaus von Windenergie, Flexibilitäten und Netzen erforderlich, um die energiepolitischen Ziele zu erreichen.

Wasserstoff: Unverzichtbar, aber im Hochlauf zu langsam

Wie Biomethan und Biogas bleibt auch Wasserstoff ein unverzichtbarer Baustein für Industrie, Energiewirtschaft und nicht direkt elektrifizierbare Anwendungen. Der Markthochlauf ist jedoch weiterhin zu langsam. Zwar ist die Wasserstoffproduktion im Jahr 2024 wieder gestiegen, sie basiert aber fast ausschließlich auf fossilem Wasserstoff. Das Ziel der vorherigen Bundesregierung von 10 GW Elektrolysekapazität bis 2030 erscheint zunehmend unwahrscheinlich, da zwar bis zu 13 GW an Projekten angekündigt sind, aber nur rund 1,3 GW finanziell gesichert, im Bau oder in Betrieb sind. Benötigt werden verlässliche Nachfrageinstrumente, eine pragmatische und einfache Regulierung, eine Import-, Transport- und Speicherinfrastruktur sowie der zügige Bau H2-fähiger Kraftwerke.

Milliarden-Investitionen als Rückgrat der Energiewende

Die Stromnetze sind das Rückgrat der Energiewende. Während die Investitionsplanungen der Übertragungsnetzbetreiber bis 2025 auf 22,2 Milliarden Euro steigen, planen die Verteilnetzbetreiber mit 11 Milliarden Euro. Eine verlässliche und angemessene regulatorische Ausgestaltung ist dabei zentrale Voraussetzung für Investitionen in den Netzaus- und -umbau sowie die zunehmende Digitalisierung. Bis 2030 wird ein starker Zuwachs neuer Netznutzer erwartet, darunter Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Ladepunkte. Parallel dazu hat die Transformation der Gasnetze begonnen. Für das Wasserstoff-Kernnetz wurden die ersten rund 525 km bereits umgestellt oder neu errichtet. Für diese Transformation sind beschleunigte Genehmigungen, Digitalisierung, ein Smart-Meter-Rollout, wettbewerbsfähige Kapitalbedingungen und eine integrierte Planung von Strom-, Gas-, Wasserstoff- und Wärmenetzen notwendig.

Wärmepumpe auf dem Vormarsch, Ziel 2030 noch weit entfernt

Der Wärmesektor ist der größte Endenergieverbraucher und damit entscheidend für das Gelingen der Energiewende. 2025 stammten rund 229 TWh des Wärme- und Kältebedarfs aus Erneuerbaren Energien und Abwärme; der Anteil lag bei rund 20,7 Prozent und damit weiterhin deutlich unter der Zielmarke von 32 Prozent klimaneutraler Wärme bis 2030. Positiv ist der Wärmepumpenhochlauf: Der Bestand stieg 2025 auf rund 2,2 Millionen Geräte, Wärmepumpen wurden erstmals häufiger verkauft als Gaskessel. Die Fernwärme stagniert bei etwa 10 Prozent Marktanteil. Die kommunale Wärmeplanung kommt voran, bereits 56 Prozent der Städte über 100.000 Einwohner haben ihre Wärmeplanung abgeschlossen.

Größter Rückstand: Emissionen noch immer doppelt so hoch wie erlaubt

Der Verkehrssektor bleibt der größte Rückstand der Energiewende. 2025 lagen die Emissionen bei 146 Millionen t CO2-Äquivalenten und damit deutlich über dem Zielwert von 73 Millionen t bis 2030. Der Anteil rein elektrischer Pkw an den Neuzulassungen stieg zwar auf rund 19 Prozent, der Fahrzeughochlauf bleibt aber zu langsam. Positiv entwickelt sich die Ladeinfrastruktur: Die öffentliche Ladeleistung erreichte 2025 rund 10 GW und übertrifft das AFIR-Ziel von rund 4 GW deutlich. Für den nächsten Schritt braucht es verlässliche Flottengrenzwerte, langfristige steuerliche Leitplanken, eine bezahlbare Modellpalette sowie schnellere Genehmigungen und verfügbare Flächen für Ladeinfrastruktur – insbesondere auch für schwere Nutzfahrzeuge.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat die vierte Ausgabe des Fortschrittsmonitors Energiewende veröffentlicht. Der Fortschrittsmonitor Energiewende wird jährlich vom BDEW in Zusammenarbeit mit EY erstellt und analysiert auf Basis aktueller Daten den Stand der Energiewende in Deutschland.

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