Jörg Müller begann seine berufliche Laufbahn noch zu DDR-Zeiten mit dem Studium der Kernphysik an dem renommierten Moskauer Energetischen Institut. Danach war er zunächst für die Kraftwerks- und Anlagenbau im Bereich Reaktorsicherheit und Erneuerbare Energien tätig. Der Tschernobyl-Reaktor Unfall und die Wiedervereinigung leiteten eine ganz persönliche Zäsur ein – weg von dem Kernphysiker hin zum Pionier der erneuerbaren Energien in Deutschland. Müller wurde selbständiger Kraftwerksbauer und begann, seine Visionen einer nachhaltigen Energieversorgung sukzessive umzusetzen. Seit dem Jahr 1998 ist er Gründungsgesellschafter und Vorstandsvorsitzender von Enertrag. 2012 erhielt er für seine unternehmerischen Leistungen den Verdienstorden des Landes Brandenburg.

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Know-how für die zweite Phase der Energiewende „Die deutsche Politik agiert zu zögerlich, um der Energiewende in allen Sektoren schnell zum Durchbruch zu verhelfen“

07.09.2020

Mit den bald erreichten 300 TWh Grünstrom pro Jahr ist etwa ein Viertel des Weges der Energiewendeziele bis 2050 zurückgelegt. Die verbleibende Etappe ist mit ausgereifter Windkraft und hoch entwickelter Photovoltaik technisch leicht zu schaffen. Allerdings bedarf es hierfür auch einer konsequenten Sektorenkopplung.

Jörg Müller ist mit diesem Beitrag im Energy 4.0-Kompendium 2020 als einer von 50 Machern der Energiebranche vertreten. Alle Beiträge des Energy 4.0-Kompendiums finden Sie in unserer Rubrik Menschen.

Heute ist das Thema Wasserstoff als grüne Speicheroption aus keinem energiepolitischen Konzept mehr wegzudenken. Wenn es nach Jörg Müller geht, dann ist man hier mindestens 10 Jahre zu spät dran. Denn schon seit 2011 ist eine Wasserstofferzeugungsanlage inklusive Gasnetzeinspeisung und Wochenspeicher Bestandteil eines unter seinem Mitwirken entstandenen Verbundkraftwerks. Heute sind dort regenerative Erzeugung mit einer Gesamtleistung von 600 MW sowie Speicher integriert. „Wir erreichen eine so perfekt vorhersagbare Stromeinspeisung wie aus einem konventionellen Kraftwerk“, sagt der Gründer von Enertrag.

Mit dem Enertrag PowerSystem dreht der Dienstleister für erneuerbare Energien ein noch größeres Rad. Über das Service- und Betriebsführungssystem steuert er eine erneuerbare Erzeugungsleistung von 6,5 GW für Betreiber und Energiehändler. Und neue Wege beschreitet das Unternehmen aus Brandenburg auch heute wieder. Nach eigenen Angaben einzigartig ist der Windwärmespeicher in Nechlin, der sonst abgeregelten Strom nutzt. Müller ist vor allem vom Kostenaspekt überzeugt. Da Wind und Wasser fast nichts kosten, lägen die Wärmepreise deutlich unterhalb von Ölheizungen. Zudem erreiche man damit eine „massive Akzeptanz für Windkraft im ländlichen Raum“. Klar, dass auch das Thema Wasserstoff in den Zukunftsplänen nicht zu kurz kommt. So ist Enertrag im Reallabor „Referenzkraftwerk Lausitz“ engagiert, und wird Wasserstoff für den Zugverkehr der „Heidekrautbahn“ zwischen Berlin und Brandenburg produzieren. Zudem plant das Unternehmen mit Firmensitz Gut Dauerthal im Projekt „Bahnsdorfer Berg“ mit Partnern eine grüne Wasserstoffproduktion mit einer Elektrolyseleistung von 50 bis 100 MW.

Umbau der gesetzlichen Rahmenbedingungen

Bei all diesen Aktivitäten vermisst Müller allerdings Rückenwind durch einen konsequenten Umbau der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Der Kernphysiker fordert deshalb: „Alle Energieträger müssen gleichermaßen entsprechend ihrer CO2-Emission mit Steuern, Abgaben und Umlagen belastet werden.“ Damit entstehe ein wirtschaftliches Umfeld, in dem erneuerbare Energie in kurzer Zeit fossile Energieträger vollständig ablösen werde – und zwar nicht nur Kohle, sondern auch Erdöl und Erdgas.

Wenn dies so weit ist, geht Müller davon aus, dass Enertrag nicht mehr wie heute überwiegend Strom verkauft, sondern gleichberechtigt auch die Energieträger Wasserstoff, Ammoniak und Warmwasser. Jedoch gibt er sich hier keinen Illusionen auf eine rasche Umsetzung hin: „Die deutsche Politik agiert noch zu zögerlich, um der Energiewende in allen Sektoren schnell zum Durchbruch zu verhelfen und schützt stattdessen lieber alte Akteure“, beklagt er. Deshalb sei man bereits verstärkt in anderen Ländern tätig, wo man schneller vorankomme.

Hemmnis für die zweite Phase der Energiewende

Doch künftig ist nicht nur politischer Wille gefragt, sondern auch energiewirtschaftliche Expertise. Hier kann nach Müllers Einschätzung Enertrag punkten: „Wir sind eines der wenigen erneuerbaren Energieunternehmen, das von Anfang an von Fachkräften aus der Energiewirtschaft aufgebaut wurde“, sagt er selbstbewusst. Die bisherige Energiewende sei dagegen weit überwiegend das Produkt von Quereinsteigern. Diese Entwicklung sei zwar wichtig gewesen, stelle aber heute ein Hemmnis für die zweite Phase der Energiewende – die Sektorkopplung – dar. „Diese erfordert erhebliches technisches Wissen“, analysiert Müller.

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