Kritische Rohstoffe im Fokus der G7-Industriepolitik

Weg von der Einbahnstraße: Recycling made in Europe

Ohne Seltenerdmagnete gibt es weder E-Motoren noch Windkraftanlagen – und somit auch keine Energiewende. Europa bezieht sie derzeit fast vollständig aus einer einzigen Region der Welt. Drei EU-Projekte arbeiten daran, das zu ändern.

Bild: ChatGPT, publish-industry
03.07.2026

Bis 2030 will die G7 ihre Rohstoffabhängigkeit auf unter 60 Prozent senken. Ein ambitioniertes Ziel, für dessen Erreichung EU-Projekte wie REEsilience, GREENE und HARMONY Recyclingkreisläufe für Seltenerdmagnete aufbauen. Eine Anlage in Pforzheim könnte der Beweis dafür sein, dass die Ziele gelingen.

Nach dem G7-Gipfel im Juni 2026 betonten die Staats- und Regierungschefs die strategische Bedeutung kritischer Rohstoffe für den wirtschaftlichen Wohlstand, die Energiesysteme und die globale Sicherheit. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und wachsender Handelsbeschränkungen hat sich der Zugang zu diesen Rohstoffen von einer industriellen Herausforderung zu einem zentralen politischen Thema entwickelt. Ihre Verfügbarkeit kann die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich beeinflussen.

Lieferketten neu denken und Resilienz stärken

Als Reaktion darauf haben sich die G7-Staaten verpflichResiliencetet, ihre Abhängigkeiten zu verringern, ihre Lieferketten zu diversifizieren und ihre Resilienz durch abgestimmtes Handeln zu stärken. Dazu gehören der Ausbau von Produktions-, Verarbeitungs- und Recyclingkapazitäten, die Förderung von Entwicklungen sowie die Stärkung lokaler Wertschöpfung. Hervorgehoben wird dabei unter anderem der Aufbau industrieller Kapazitäten für Seltene Erden und Permanentmagnete. Die G7 streben an, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten außerhalb der G7 und ihrer Partnerländer bis 2030 auf unter 60 Prozent zu senken und diese langfristig weiter zu reduzieren.

Diese Prioritäten werden bereits in einer Reihe europäischer Forschungs- und Innovationsprojekte aktiv adressiert. So greift das Steinbeis Europa Zentrum mit den EU-Innovationsprojekten REEsilience, GREENE und HARMONY zentrale Herausforderungen in der Versorgung mit Seltenen Erden auf und befasst sich mit der nachhaltigen Verarbeitung sowie zirkulären Wertschöpfungsketten.

Das Steinbeis Europa Zentrum übernimmt in diesen Projekten zentrale Aufgaben an der Schnittstelle von Forschung, Industrie und Anwendung. Dazu gehören die Kommunikation der Projektergebnisse, die Entwicklung von Verwertungs- und Transferstrategien sowie die Unterstützung der Koordinatoren bei den administrativen und finanziellen Aspekten des Projektmanagements. Das Ziel besteht darin, Forschungsergebnisse so aufzubereiten, dass sie von Unternehmen, politischen Akteuren und weiteren Anwendergruppen aufgenommen und langfristig genutzt werden können.

Ein maßgeblicher Initiator, Forscher und Treiber auf diesem Gebiet ist Prof. Dr. Carlo Burkhardt vom Institut für Strategische Technologie- und Edelmetallforschung der Hochschule Pforzheim. Burkhardt forscht seit über fünfzehn Jahren zum Recycling von Seltenerdmagneten. Eine EU-Förderung für mehrere Innovationsprojekte ermöglichte ihm die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern als Projektkoordinator.

Wenn Recycling zur Industriestrategie wird

Im Rahmen des EU-Projekts REEsilience wird eine resiliente Lieferkette für Magnete auf Basis Seltener Erden aufgebaut. Das Projekt verfolgt einen umfassenden Ansatz, der die gesamte Wertschöpfungskette der Seltenerdmagnete umfasst. Die Projektpartner entwickeln IKT-gestützte Technologien zur Herstellung von Legierungen und Pulvern, verbessern die Transparenz der Materialströme und implementieren vollautomatische Prozesse zur Magnetherstellung, um die Produktionskapazitäten in der EU zu erhöhen. Parallel dazu konzentriert sich das Projekt auf die Erhöhung der Recyclingraten, die Entwicklung von Magneten mit erweiterten Funktionen und die Erstellung eines Konzepts für die Ausbildung der nächsten Generation von Magnetexperten. 16 Partner aus zehn Ländern erhalten von Juli 2022 bis Dezember 2026 eine EU-Förderung von über 9,7 Millionen Euro.

Wiederaufbereitung von gesinterten Seltenerdmagneten

Der baden-württembergische Projektpartner HyProMag hat am 28. April 2026 in Pforzheim eine Anlage zur Wiederaufbereitung und Herstellung von gesinterten Seltenerdmagneten offiziell eingeweiht. Es handelt sich dabei um die erste Anlage ihrer Art in der Europäischen Union. Die Anlage basiert auf der patentierten HPMS-Technologie (Hydrogen Processing of Magnet Scrap), die an der Universität Birmingham entwickelt wurde. HPMS nutzt Wasserstoff, um Magnetabfälle zu recycelbarem Pulver zu verarbeiten und unterstützt so einen kurzen Recyclingkreislauf. Das HPMS-Verfahren erhält die ursprüngliche Magnetlegierung und ermöglicht somit ein direktes Magnet-zu-Magnet-Recycling. Dadurch können im Vergleich zur Primärproduktion bis zu 90 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen eingespart werden. Zugleich entfallen energieintensive Verarbeitungsschritte wie die Metallherstellung und -legierung.

„Unser Ziel ist klar: Wir wollen Innovation so in die Anwendung bringen, dass sie Europas Industrie unabhängiger und nachhaltiger macht. Die Einweihung bei HyProMag zeigt, wie aus Forschung, Unternehmergeist und europäischer Zusammenarbeit konkrete Infrastruktur entsteht. Im Projekt REEsilience begleiten wir das mit Verwertungsstrategien und Kommunikationsmaßnahmen, damit Lösungen wie das Magnet-Recycling schneller im Markt ankommen“, erläuterte Dr. Jonathan Loeffler, CEO des Steinbeis-Europa-Zentrums, anlässlich der Eröffnung.

Eine neue Generation von Magneten

Im Forschungs- und Innovationsprojekt GREENE arbeitet ein Konsortium aus 15 Partnern an einer neuen Generation von Magneten, die deutlich weniger oder gar keine Seltenen Erden enthalten sollen. Dazu setzen die Beteiligten auf neue Verfahren wie intelligente Modellierung, In-situ-Korngrenzendiffusion und schnelle Konsolidierung, um Neodym-basierte Permanentmagnete grundlegend weiterzuentwickeln. Das Ziel sind ressourceneffizientere Materialien mit verbesserten Leistungskennwerten: eine um etwa 20 Prozent höhere Koerzitivfeldstärke, eine um zehn Prozent gesteigerte Remanenz und ein um rund 20 Prozent höheres Energieprodukt. Die EU-Förderung beträgt 8 Millionen Euro von Juni 2024 bis Mai 2028. Das Steinbeis Europa Zentrum unterstützt das Projekt insbesondere in den Bereichen Projektkommunikation, Technologietransfer und Vernetzung und fördert den Austausch zwischen Forschung, Industrie und relevanten Initiativen.

Vom Elektroschrott zum neuen Magnet

Im EU-Projekt HARMONY wird ein Recyclingkreislauf für Permanentmagnete im Pilotmaßstab in Europa aufgebaut. Dieser Kreislauf verbindet neuartige, kürzere (direkte) Recyclingprozesse wie das HPMS-Verfahren oder die Gasverdüsung mit Innovationen in der traditionellen Pyro- und Hydrometallurgie. So wird die gesamte Wertschöpfungskette abgedeckt: von der Sammlung und Demontage magnethaltiger Abfälle über die Rückgewinnung seltener Erden bis hin zur Herstellung neuer gesinterter und gebundener Magnete. Diese werden anschließend in praxisnahen Anwendungen wie Windkraftanlagen, Elektromotoren und Elektro- und Elektronik-Altgeräten getestet.

Die Umsetzung erfolgt in insgesamt acht Pilotanlagen, die ein technologisches Reifegradniveau von TRL 6 bis 7 erreichen sollen. 21 Partner aus sechs Ländern erhalten hierfür von der EU 6,3 Millionen Euro für drei Jahre. Das Steinbeis Europa Zentrum trägt zur europaweiten Vernetzung der beteiligten Akteure bei und unterstützt die Partner bei der Entwicklung von Strategien zur Verwertung, Nutzung und zum Schutz der Projektergebnisse sowie deren Aufbereitung für die Fachöffentlichkeit und die Industrie.

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