RS, ein High-Service Anbieter von globalen Produkt- und Servicelösungen für Industriekunden, hat kürzlich ein EMEA-Whitepaper zur Lage der pharmazeutischen Industrie im Jahr 2026 herausgebracht. Der Bericht beruht auf einer von einem unabhängigen Sachverständigen in Auftrag gegebenen Studie, die die verschiedenen Herausforderungen beschreibt, mit denen sich die europäische Pharmabranche konfrontiert sieht.
Die Branche steht an einem Scheideweg. Es sind große Entwicklungssprünge in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Digitaltechnik und Fertigungstechniken zu verzeichnen. Das Ergebnis ist eine umfassende Transformation dessen, was die pharmazeutische Industrie fertigt und wie dies geschieht. Es eröffnen sich aber nicht nur neue Möglichkeiten. Durch Patentklippen, steigende Kosten, gestörte Lieferketten unter anderem nehmen auch die Herausforderungen zu.
Was es für die Branche zu lernen gilt
In ihrem Bericht hebt die RS Group fünf zentrale Themen hervor, mit denen sich Pharmahersteller in ganz Europa auseinandersetzen müssen.
Arzneimittelhersteller werden von zwei Seiten her unter Druck gesetzt. Die Inflation treibt die Kosten in allen Geschäftsbereichen nach oben. Gleichzeitig verlangen Regierungen und Gesundheitsbehörden weltweit, die Kosten niedrig zu halten. Dies hat weitreichende Folgen für Forschung und Entwicklung, aber auch für Investitionen. Unternehmen müssen zudem in wachsendem Maße dafür Sorge tragen, schlanker und agiler zu werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Das Gesundheitswesen tritt in eine neue Ära ein
Wir stehen am Beginn einer neuen Ära des Gesundheitswesens. Im Mittelpunkt steht die Abkehr von der reinen Behandlung von Erkrankungen hin zur Vorsorgemedizin. Es geht um individuelle Therapien und neue Möglichkeiten bei Heilmitteln und -methoden. Wie wir Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, genetisch bedingte Krankheiten und Alterserkrankungen wie Alzheimer behandeln, verändert sich durch die jüngsten Fortschritte in Medizin und Digitaltechnik. Unternehmen müssen mit dem Fortschritt mithalten.
Nur wer investiert, kann Schritt halten
Schrittweise Änderungen reichen nicht aus, so die Studie. Wer eine Führungsrolle übernehmen will, muss Innovationen beschleunigen und in Digitaltechnik investieren. Ziel ist es mit weniger Aufwand mehr zu erreichen. Die Einführung von Innovationen wie KI, Robotik und Predictive Analytics steigert die Effizienz und reduziert Kosten. Weiteres Resultat sind aber auch bessere Qualitätskontrollen und mehr Transparenz. Dies kommt auch Complianceprozessen zugute.
Flexibilität ist entscheidend
Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Akteure bei den sich rasant wandelnden Marktbedingungen wachsam bleiben und neue Chancen sofort ergreifen müssen. Kleinere Chargen und personalisierte Arzneimittel bestimmen immer mehr den Alltag. Für die Produzenten bedeutet das, verstärkt in neue innovative Medikamente zu investieren, die Herstellung zu flexibilisieren und Auslagerungsstrategien zu verfolgen. Die Unternehmen, die besonders flexibel reagieren können, sind am ehesten in der Lage, Kosten einzudämmen, am Markt zu bestehen, dynamische Portfolios zu entwickeln und das Produktionsvolumen an die jeweiligen Chancen anzupassen, so die Studie.
Kontinuierliche Fertigung weist den Weg in die Zukunft
Der Trendreport hebt auch das Verfahren der kontinuierlichen Fertigung hervor. Sie hat das Potenzial, Prozesse deutlich zu rationalisieren und die Stillstandszeiten von Produktionslinien zu minimieren. Dies sorgt für mehr Effizienz, Konsistenz und Skalierbarkeit. Die Branche rückt damit von der traditionellen Chargenfertigung ab. Dies senkt die Kosten und beschleunigt die Markteinführung von neuen Produkten. So kann auf Nachfrageschwankungen schnell reagiert werden. Neue Technologien sowie agile kontinuierliche Herstellungsverfahren müssen zum Einsatz kommen, um hocheffiziente Fertigungsprozesse zu ermöglichen, die den Arzneimitteln der Zukunft zum Durchbruch verhelfen.
Nicht immun gegen Risiken
Obwohl die pharmazeutische Produktion in der DACH-Region generell vor denselben Herausforderungen und Chancen wie die gesamteuropäische Branche steht, gibt es auch regionale Besonderheiten.
So stellt Österreich im Bezug auf die Verfügbarkeit einen Sonderfall dar: Während beispielsweise Störungen in der Lieferkette im restlichen Europa immer wieder zu einer eingeschränkten Verfügbarkeit von Produkten führen, ist dies in Österreich nicht der Fall. Hier sind die Pharmahersteller gesetzlich dazu verpflichtet, ausreichend Arzneimittel für den heimischen Markt bereitzustellen und treffen entsprechende Vorkehrungen. Lieferengpässe gibt es hier also nicht.
Wirft man einen Blick auf die Auswirkungen der sich wandelnden geopolitische Lage, so gibt es auch hier Besonderheiten innerhalb Europas. Zwar wirken sich geopolitische Veränderungen auf alle europäischen Länder aus, doch das Ausmaß variiert. Aufgrund ihrer starken Exportabhängigkeit vor allem in Richtung USA sind Schweizer Pharmaunternehmen einem größeren Risiko ausgesetzt. Auch in Deutschland nimmt das Vertrauen in diesen Sektor der Industrie ab. Seit Langem zählt Deutschland zu einem wichtigen Akteur innerhalb der europäischen Pharmabranche und wird daher auch gerne als „Apotheke der Welt“ bezeichnet. Dennoch besteht die Befürchtung, möglicherweise im globalen Wettbewerb zurückzufallen.
„Die Healthcare- und Pharmaindustrie befindet sich angesichts verschiedener Entwicklungssprünge in den Bereichen KI, Biotechnologie und Digital Health an einem Wendepunkt. Innovationen wie mRNA-Plattformen, CRISPR-Geneditierung und Zelltherapien schaffen neue Möglichkeiten. Digital Health Tools – wie Fernüberwachung und virtuelle Erprobung – transformieren die Einbindung und Versorgung von Patienten. Trotz dieses Innovationsschubs stehen pharmazeutische Unternehmen dennoch vor wachsenden Herausforderungen rund um Fragen des Patentrechts, steigende Kosten und die Absicherung von Lieferketten“, fasst Stefan Rücker, Corporate Account Manager für die pharmazeutische Industrie bei RS, zusammen.