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Thilo Döring, Geschäftsführer bei HMS, sagt: „Corona hat quasi als Katalysator für Fernwartungslösungen gedient. Jetzt muss sich zeigen, ob sich auch das Vertrauen bezüglich Sicherheitsaspekten nachhaltig verändert.“

Bild: HMS Industrial Networks

Fernwartung und IoT „Vertrauen ist das A und O“

11.10.2021

Digitalisierung lässt sich nicht schlagartig umsetzen. Die P&A sprach mit Thilo Döring, Geschäftsführer von HMS Industrial Networks, und Thierry Bieber, Industry Segment Manager bei HMS Industrial Networks, wie IIoT-Projekte bestmöglich realisiert werden können und warum alles eine Frage des Vertrauens ist.

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Alle Welt spricht von Industrie 4.0 - welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Industrie 4.0 auch gelebt werden kann?

Döring:

Das Thema Industrie 4.0 ist seit vielen Jahren in aller Munde. Letztendlich steht hier der Wunsch nach einer autarken und autonomen Produktion im Mittelpunkt, in der alle Prozesse aufeinander abgestimmt sind. Voraussetzung dafür ist, dass alle Geräte miteinander vernetzt sind, also untereinander kommunizieren und Daten austauschen.

Bieber:

Die Vernetzung stellt aber auch eine Herausforderung dar: Die verschiedenen Technologien beziehungsweise Infrastrukturen müssen vereint werden, neue Standards entwickelt werden. Dies ist ein großes Ökosystem, das in den nächsten Jahren verschmelzen muss und uns spannende Themen, beispielsweise 5G, Kommunikationsstandards und Security, bietet.

Große Player haben die nötigen Ressourcen, um Industrie 4.0 umzusetzen. Für KMUs bedarf es hingegen großer Anstrengungen, um hier nicht den Anschluss zu verlieren. Welches Vorgehen empfehlen Sie kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Döring:

Die großen Unternehmen beschäftigen sich sehr intensiv mit den Thematiken - stark ausgeprägt ist dies beispielsweise in der Automobilindustrie: Die Produktionen sind digitalisiert und miteinander vernetzt, auch schon in Bezug auf 5G. Die kleinen und mittleren Unternehmen tun sich hingegen schwer, diesen Weg zu gehen. Wir empfehlen ganz klar, dass sich jeder mit Themen wie Digitalisierung, Vernetzung und Industrie 4.0 auseinandersetzt und erste Projekte startet. Dies kann auch in Zusammenarbeit mit einem Partner erfolgen, denn bei Mittelständlern fehlen häufig die nötige Expertise und die Ressourcen.

Bevor sich technischen Vorüberlegungen gewidmet wird, muss die strategische Ausgangslage angegangen werden. Wie ist hier Ihre Erfahrung: Ist dies den meisten Unternehmen bewusst?

Bieber:

Wir beobachten, dass viele Unternehmen Industrie 4.0 ohne ganzheitlichen Ansatz angehen. Sie starten mit technischen Versuchen, einem Proof-of-Concept - aber nur mit mäßigem Erfolg. Für eine effiziente Digitalisierungsstrategie müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt und abteilungsübergreifend gearbeitet werden. Dieses Zusammenspiel ist sehr wichtig, um mit Erfolg einen Nutzen an den Kunden zu bringen und neue Businessmodelle umzusetzen.

Döring:

Vielen Unternehmen fehlt die klare Vision, wie sie sich künftig am Markt mit ihrem Businessmodell positionieren möchten. Häufig wird nur in den klassischen Strukturen - ein Produkt produzieren und anschließend verkaufen - gedacht. Mit dem Gedanken, dass mit digitalen Servicemodellen zusätzlich Umsatz generiert werden kann, tun sich allerdings viele schwer.

Welche Fragen müssen Ihrer Meinung nach unbedingt strategisch im Vorfeld beantwortet werden?

Bieber:

Häufig wird die Frage nach dem Nutzen für einen selbst gestellt. Wichtiger ist allerdings die Frage nach dem Nutzen für den Endkunden, um hier Akzeptanz zu erlangen. Weiterhin ist es wichtig, dass das Management in den Prozess eingebunden wird. Die Digitalisierung ist kein reiner technischer Ansatz, sondern erfordert auch eine strukturelle Anpassung, um sich den neuen Geschäftsmodellen anzupassen. Die Unternehmensführung muss deshalb eine klare Strategie und Vision vorgeben.

IT-Security, Datenkommunikation und -management - welche Entscheidungen müssen IIoT-Neueinsteiger auf der technischen Ebene zu Beginn klären?

Döring:

Maschinen haben heute Laufzeiten, die deutlich über zehn Jahren liegen: Folglich sind Lösungen gefragt, die auch in vielen Jahren noch funktionieren. Die Anlage muss außerdem skalierbar sein. Dies bleibt oft unberücksichtigt, ist aber für Anlagenbetreiber, die ihre Maschinen weltweit in verschiedenen Ländern im Einsatz haben, von immenser Wichtigkeit.

Welche Fehler beobachten Sie bei Unternehmen immer wieder bei der Herangehensweise an IIoT?

Döring:

Das Thema Security findet generell zu wenig Beachtung. Es wird nur selten hinterfragt, wie die Mechanismen der Datenverschlüsselung und des gesicherten Datenaustausches funktionieren. Dabei beobachten wir in der gesamten Industrie, auch im Verbraucherbereich, immer wieder das Auftauchen natürlicher Datenlecks. Deshalb ist es wichtig, dass diese Themen sehr hoch angesiedelt und Lösungen genutzt werden, die den neuesten Standards entsprechen.

Maschinenbauer stehen unter hohem Druck, neue digitale Strategien umzusetzen. Ihre Einschätzung: Wie weit ist der deutsche Maschinenbau im Hinblick auf IIoT?

Döring:

Corona hat für einen Riesenschub gesorgt, da Maschinenbauer aufgrund der Pandemie kein Servicepersonal für die Inbetriebnahme und Instandhaltung zum Kunden aussenden konnten. Dadurch hat einerseits ein Umdenken stattgefunden; wir beobachten andererseits trotzdem, dass weiterhin Vorbehalte existieren. Oft wird beispielsweise der Einsatz von digitalen IoT-Lösungen kritisch abgewägt, obwohl die Aussendung eines Servicemitarbeiters mit weitaus höheren Kosten verbunden ist.

Bieber:

Die kleineren und mittelständischen Unternehmen fahren eine andere Digitalisierungsstrategie als die großen Player am Markt: Es muss nicht immer die große datenbasierte Digitalisierung mit IoT-Plattformen und Datenspeicherung sein. Die Servicestrategie ist eine Möglichkeit, die schnell und einfach umgesetzt werden kann - und auch schnell erste Erfolge zeigt.

Döring:

Ein weiterer Aspekt, der hier eine große Rolle spielt, ist der Endkunde selbst: Der Betreiber hat in seiner Produktion verschiedene Anlagen von verschiedenen Maschinenbauern mit verschiedenen Fernwartungslösungen im Einsatz. Allein schon deshalb sind Anlagenbetreiber für das Thema IoT sehr sensibilisiert, immerhin steht für sie eine sichere Datenkommunikation im Vordergrund. Die Forderung nach einheitlichen Standards und Sicherheitsrichtlinien wird folglich immer lauter.

Auch für IIoT gilt: Für den Kunden muss der Mehrwert erkennbar sein. Gibt es Unternehmen, die immer noch zweifeln?

Bieber:

Ob sich diese Unternehmen der Digitalisierung wirklich verwehren, bezweifle ich. Vielmehr fehlen ihnen Zeit und Ressourcen, um sich damit intensiv zu beschäftigen. In der Industrie zahlt man für ein greifbares Produkt. Digitale Servicemodelle gehören noch nicht dazu - hier muss sich erst der Blickwinkel ändern.

Döring:

Der Maschinenbau ist sehr konservativ. In anderen Bereichen ist die Digitalisierung schon komplett vonstattengegangen. Als Beispiel ist hier Microsoft mit seinem Software-Abo-Modell zu erwähnen. Im Maschinenbau ist man jedoch noch nicht so weit. Dies ist meines Erachtens aber auch eine Generationsfrage: In einigen Jahren wird sich auf das Thema Digitalisierung mehr fokussiert werden, als es heute geschieht.

Vor Corona noch als Risikofaktor angesehen, verzeichnen Fernwartungslösungen mittlerweile einen enormen Anstieg. Stimmen Sie dem zu, dass das gestärkte Vertrauen in Fernwartungslösungen ein wichtiger Schritt in Richtung IIoT ist?

Döring:

Corona hat quasi als Katalysator für Fernwartungslösungen gedient. Jetzt muss sich zeigen, ob sich auch das Vertrauen bezüglich Sicherheitsaspekten nachhaltig verändert. Aufgrund der Pandemie hatten die Unternehmen keine andere Möglichkeit als auf Fernwartungslösungen zu setzen. Das Vertrauen in die Lösung ist allerdings ein Prozess, der sicherlich noch einige Jahre andauern wird.

In der Regel erfolgt die Auswertung der IIoT-Daten mittels Cloud-Applikation. Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die Daten das Unternehmen nicht verlassen dürfen?

Döring:

Es gibt Unternehmen, die stehen der Datenauswertung in der Cloud sehr skeptisch gegenüber. Hier gibt es die Lösung, die Daten in der Unternehmens-IT-Infrastruktur zu konsolidieren. Im Regelfall erfolgt dies über OPC UA. Dies beobachten wir verstärkt in der Automobilindustrie, wobei auch hier die großen Player Kollaborationen mit Cloud-Anbietern geschlossen haben.

Bieber:

Besonders für Unternehmen mit nur wenigen Anlagen ist es schwierig, die gesamte Infrastruktur für die Datenauswertung zu stellen. Deshalb bieten wir in unseren Edge-Produkten verschiedene Funktionalitäten an, wie beispielsweise lokale Dashboards und Alarming. So können Unternehmen Schritt für Schritt erste Erfolge erzielen sowie die Digitalisierung nach und nach weiter ausbauen.

Viele Maschinenbauer zögern, den Anlagenbetreibern den uneingeschränkten Zugriff auf ihre Maschinen zu gewähren - wie kann dieser Konflikt zwischen Maschinenbauern & -betreibern gelöst werden?

Döring:

Vertrauen ist hier das A und O. Der Anlagenbetreiber möchte seine Produktionsdaten nicht an den Hersteller der Anlage weitergeben, weil dies Rückschlüsse auf seine Produktion zulassen würde. Der Maschinenbauer hätte wiederum gern Zugang zu diesen Daten, um auf dieser Basis seine Anlage zu optimieren und effizienter zu gestalten. Hier ist es folglich wichtig, dass beide Seiten den Mehrwert erkennen und genau definieren, welche Daten geschützt werden müssen. Transparenz ist hier neben Vertrauen eines der Schlüsselwörter.

Ungeplante Stillstandzeiten kosten Anlagenbetreiber viel Geld. Die Lösung ist, dass Maschinenbauer proaktiv über Zustände informiert werden. Wie ist dies umsetzbar?

Bieber:

Sehr oft laufen Maschinen autark beziehungsweise ein Mitarbeiter prüft, ob die Anlage ordnungsgemäß arbeitet. Mit Hilfe von Edge- und Fernwartungslösungen können schnell Trends erkannt und via SMS/E-Mail das Servicepersonal informiert werden. Auf diese Weise lässt sich einfach die Effizienz in der Produktion steigern.

Döring:

Wir können auch einen Schritt weitergehen, wie ein Beispiel, das ein Solution-Partner von uns realisiert hat, zeigt: Maschinen überwachen hier den Verschleiß von Werkzeugen. Damit verbunden ist ein Abo-Modell, mit dem rechtzeitig - schon vor Ausfall des alten Werkzeugs - Ersatz geliefert wird.

Wie können Maschinenbauer die KPIs ihrer Anlagen ohne großen Zeit- & Ressourcenaufwand ablesen, ohne dass sie hierfür ein komplettes Datenverwaltungssystem aufbauen müssen?

Bieber:

Hier lässt sich unsere Fernzugrifflösung Ewon nutzen; der Kunde erhält schnell und einfach einen Überblick über die Maschine, da sofort erste Werte über den Anlagenzustand verfügbar sind. Diese KPI-Funktion benötigt keine Plattform und lässt sich schon in wenigen Minuten aufsetzen. Wir geben den Kunden diese Funktion out-of-the-box mit, um kleine und mittlere Maschinenbauer zu unterstützen. Ein weiterer Vorteil: Die Lösung ist erweiterbar, die Kommunikation mit größeren Plattformen wie Azure kann zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt werden.

Fassen wir noch einmal zusammen: Welche Vorteile haben datengesteuerte Projekte für Maschinenbauer?

Döring:

Der Maschinenbauer kann seine Anlageneffizienz langfristig steigern und optimieren, da er einen besseren Blick auf die Maschinen im Feld erhält. Außerdem kann er einen besseren Service und einen höheren Mehrwert bieten, da er die Kunden dahingehend unterstützen kann, die Stillstandzeiten zu minimieren. Das sind die Key-Aspekte, die ich sehe: Optimierung der eigenen Anlage und Benefits für den Endkunden.

Für KMUs ist es empfehlenswert, sich für IIoT einen geeigneten Partner mit ins Boot zu holen. Inwiefern unterscheidet sich HMS von anderen Anbietern?

Döring:

Wir haben sehr viel Expertise und beschäftigen uns seit über 30 Jahren mit der Datenkommunikation in der Produktion. Gleichzeitig haben wir ein sehr starkes Partnernetzwerk aufgebaut, sodass wir für verschiedene Applikationen Komplettlösungen realisieren können. Die sichere Datenkommunikation steht für uns seit vielen Jahren im Mittelpunkt. Dies zeigt sich auch an unserem Produktportfolio, das sich aus Lösungen, die die neuesten Sicherheitsstandards erfüllen, zusammensetzt.

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  • Thierry Bieber, Industrial Segment Manager bei HMS, sagt: „In der Industrie zahlt man für ein greifbares Produkt. Digitale Servicemodelle gehören noch nicht dazu - hier muss sich erst der Blickwinkel ändern.“

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