„Auf die Menge kommt es an“ – diese Überlegung der drei Gesellschafter EWE, RheinEnergie und Westfalen Weser Netz war 2016 der Ausgangspunkt für die Gründung der GWAdriga. Sie waren sich sicher, dass selbst größere Versorger das nötige Mengengerüst für einen wirtschaftlichen Betrieb der Gateway-Administration in Eigenregie voraussichtlich nicht mitbringen würden. Beim Gründungstreffen am Pariser Platz entstand schließlich der Name GWAdriga – mit Blick auf die Quadriga und ihre vier Pferde. „Für uns war das ein gutes Bild: unterschiedliche Kräfte, aber eine gemeinsame Richtung“, erinnert sich Dr. Michal Sobotka, Geschäftsführer der GWAdriga. Heute, zehn Jahre später, ist GWAdriga – gemessen an der installierten Basis von intelligenten Messsystemen – die Nummer zwei auf dem Markt und der größte unabhängige Umsetzungspartner im Smart-Meter- und Steuerungsrollout.
Die Wartejahre wurden zur Werkstatt
„Eins war für uns damals klar: Wir wollten so schnell wie möglich mit dem Smart-Meter-Rollout loslegen“, erinnert sich Sobótka. Doch bekanntlich verzögerte sich der Start des Rollouts um mehrere Jahre. Eine Zeit, die GWAdriga nutzte: „In der kritischen Phase haben wir nicht nur gewartet, sondern sind im Austausch mit den Kunden ganz konkrete Praxisprobleme vor Ort angegangen. Das haben wir nicht nur in Konzepten, sondern im Rechenzentrum, in den Fachbereichen, in den Prozessen und manchmal ganz buchstäblich im Keller beim Kunden gemacht“, so Sobótka weiter. „Diese Erfahrungen aus einer Vielzahl von möglichen Konstellationen helfen uns bis heute, auch in unserem eigenen ‚Maschinenraum‘. Denn unsere Mitarbeitenden wissen genau, worauf es ankommt und worauf sie angesichts der zunehmenden Skalierung achten müssen.“
Erster Praxistest im virtuellen Kraftwerk
Im Rahmen des Projekts „Virtueller WärmeStromPool“ der RheinEnergie, bei dem Nachtspeicherheizungen in ein virtuelles Kraftwerk eingebunden und mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt wurden, übernahm GWAdriga im Jahr 2018 erstmals die Abwicklung des CLS-Managements. Das Unternehmen sammelte auf diesem Wege schon früh Erfahrungen mit einem Prozess, der für die Digitalisierung der Energiewende entscheidend ist.
Neben weiteren kleineren Pilotprojekten in den folgenden Jahren wurden im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts CLS.ON, an dem neben den Gesellschafterunternehmen auch das Nürnberger Unternehmen N-Ergie beteiligt ist, schließlich konkrete Umsetzungsoptionen entwickelt. Diese sind heute die Grundlage des Steuerungsrollouts bei den GWAdriga-Kunden. „Kooperation war für uns nie ein Nebenaspekt. Denn eine enge Zusammenarbeit ist die Voraussetzung, um komplexe Herausforderungen bei der Digitalisierung der Netze zu meistern und zum Erfolg zu tragen. Das zeigt sich nicht nur bei CLS.ON, das war eine zentrale Grundlage zahlreicher Projekte der letzten zehn Jahre“, stellt Dr. Michal Sobótka fest.
480.000 Zähler damals – 2,3 Millionen heute
Die Kundenbasis hat sich im Laufe der Jahre stetig verbreitert. Während 2016 noch ausschließlich die drei Gesellschafterunternehmen mit einem Gesamtvolumen von 480.000 intelligenten Messsystemen (iMsys) unter Vertrag standen, sind es aktuell mehr als 300.000 iMsys im Produktivbetrieb und rund 2 Millionen weitere im Rollout – bei derzeit 21 Messstellenbetreibern. Dazu kommen nun auch mehrere hunderttausend Steuerboxen, die ebenfalls auszubringen und zu betreiben sind.
„Die Rolle des Messstellenbetreibers hat sich in diesen Jahren grundlegend verändert. Was lange eher ein nachgelagerter Teil des Systems war, rückt mit Digitalisierung und Steuerungsrollout ins Zentrum. Aus dem Verwalter von Zählern wird Schritt für Schritt ein aktiver Ermöglicher von Steuerung, Transparenz und systemdienlicher Flexibilität“, so Dr. Michal Sobótka.
Damit einher ging auch eine veränderte Positionierung von GWAdriga: „Als Partner der Messtellenbetreiber und zunehmend auch Verteilnetzbetreiber helfen wir ihnen, diese neue Verantwortung wirksam und skalierbar auszufüllen. Und vielleicht ist das tatsächlich die wichtigste Entwicklung von GWAdriga in diesen zehn Jahren: Wir sind nicht nur als Unternehmen größer geworden. Wir sind in unserer Rolle gewachsen – vom Dienstleister im Hintergrund zum Integrator, Umsetzer und Gestalter.“
Umweg oder Vorsprung? Deutschland liefert die Antwort
Im Rückblick hat sich für ihn auch die Frage erledigt, ob der deutsche Sonderweg beim Smart Metering im europäischen Kontext nicht doch ein Irrweg war: „Der deutsche Weg war sicher kein geradliniger Erfolg, sondern geprägt von Verzögerungen, Komplexität und Lernkurven. Aber: Der Ansatz war seiner Zeit voraus und strategisch richtig gedacht“, erklärt Dr. Michal Sobótka. Die anderen europäischen Länder hätten den Rollout zwar schneller und vollständiger umgesetzt, jedoch primär, um die Anforderungen an Fernauslesbarkeit und Verbrauchstransparenz zu erfüllen.
„Die heutigen Herausforderungen liegen jedoch in der Beherrschung hochdynamischer Netzsituationen, durch volatile Einspeisung und stark schwankenden Verbrauch. Dabei sind sicher nicht alle Elemente des deutschen Modells international sinnvoll übertragbar wie etwa die starke Fragmentierung von Marktrollen. Sehr wohl übertragbar sind jedoch die technischen und architektonischen Grundprinzipien: eine sichere, standardisierte Kommunikationsinfrastruktur und die Trennung von Messung, Steuerung und Mehrwertdiensten. Hier kann Deutschland durchaus als Vorbild für Europa dienen.“