Energiewende zwischen KI-Boom, Preisschocks und Abhängigkeit

KI treibt Europas Strommarkt an Grenzen

Im ersten Halbjahr 2026 deckten erneuerbare Energien rund 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Gleichzeitig treiben KI-Rechenzentren den Strombedarf in Europa in die Höhe.

Bild: iStock, Just_Super
05.09.2026

Künstliche Intelligenz benötigt enorme Mengen Strom. Der Ausbau von KI-Rechenzentren könnte deshalb zu einem wichtigen Wachstumstreiber für die europäische Energiewirtschaft werden. Gleichzeitig zeigt sich, wo Netze, Speicher und Märkte an ihre Grenzen stoßen.

Künstliche Intelligenz (KI) könnte der bislang wichtigste Wachstumstreiber für die europäische Energiewirtschaft werden. Der rasante Ausbau von KI-Rechenzentren erhöht die Stromnachfrage erheblich und verleiht dem Ausbau erneuerbarer Energien zusätzlichen Rückenwind. Gleichzeitig steht die Branche vor der Herausforderung, hohe Investitionen in neue Kapazitäten und die Instandhaltung bestehender Anlagen mit anhaltenden Schwankungen der Strompreise und geopolitischen Risiken in Einklang zu bringen.

Während der steigende Anteil an Wind- und Solarenergie Europa unabhängiger von fossilen Energieimporten macht, bleiben die Märkte anfällig für Preisschocks infolge geopolitischer Konflikte. Zudem ist die Energiewende bei Batterien, Speichern, Solarmodulen und sonstigen Schlüsseltechnologien im Energiesektor weiterhin stark von China abhängig. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Branchenreport „Energie & Solar“ des Kreditversicherers Allianz Trade.

Erneuerbare Energien stärken Europas Widerstandskraft

„Erneuerbare Energien sind heute weit mehr als ein Instrument zur Dekarbonisierung. Sie entwickeln sich zum strategischen Schutzschild gegen geopolitische Schocks und die Volatilität fossiler Energieträger“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Die jüngsten Verwerfungen im Nahen Osten haben die Gaspreise erneut nach oben getrieben. Dass die Auswirkungen auf die europäischen Strommärkte dennoch deutlich begrenzter ausfielen als während der Energiekrise 2022 zeigt: Mit jeder zusätzlichen Kilowattstunde aus Wind- und Solarenergie ist Europa heute wesentlich widerstandsfähiger gegenüber abrupten und starken Ausschlägen der Energiepreise.“

Erneuerbare Energien übernehmen inzwischen einen Großteil der Stromversorgung: Im ersten Halbjahr 2026 deckten sie rund 58 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland. Gleichzeitig sanken die deutschen Nettostromimporte gegenüber dem Vorjahr um mehr als 85 Prozent auf etwas mehr als eine TWh, was auf die starke inländische Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zurückzuführen ist.

KI-Rechenzentren schaffen neue Wachstumsimpulse

Die größte strukturelle Wachstumschance für die Branche liegt im Aufbau einer europäischen KI-Infrastruktur, darunter sieben Gigafabriken, mit deren Bau nach derzeitigen Planungen in der ersten Jahreshälfte 2027 begonnen werden soll. KI-Rechenzentren zählen zu den energieintensivsten Anwendungen überhaupt und benötigen rund um die Uhr große Mengen zuverlässig verfügbarer Energie.

„Für Energieversorger eröffnet dies die Aussicht auf neue industrielle Grundlasten, langfristige Stromabnahmeverträge und zusätzliche Erlöspotenziale im Netz- und Speicherbereich“, sagt Guillaume Dejean, Branchenexperte bei Allianz Trade. „Mit dem geplanten Aufbau einer europäischen KI-Gigafabrik könnte Deutschland seine Rolle als Energie- und Digitalstandort gleichermaßen stärken.“

Netze und Speicher bremsen den KI- und Energieboom

Noch spiegelt sich der KI-Boom in den Geschäftszahlen vieler Energieunternehmen kaum wider. Bevor die Branche von zusätzlicher Nachfrage profitieren kann, sind enorme Investitionen in Netze, Speicher und digitale Infrastruktur erforderlich. Gleichzeitig erschweren höhere Finanzierungskosten den notwendigen Kapazitätsausbau.

Hinzu kommen strukturelle Schwächen des europäischen Strommarkts. Der rasche Ausbau der Solarenergie und die fehlende Harmonisierung der Strompreise in Europa führen zu einer zunehmenden Häufung von Phasen mit niedrigen oder sogar negativen Strompreisen in der Region.

„Netzengpässe und fehlende Speicherkapazitäten verhindern vielerorts, dass überschüssiger Strom wirtschaftlich genutzt werden kann“, sagt Dejean. „Paradoxerweise geraten dadurch gerade jene Erlöse unter Druck, die für die Finanzierung der Energiewende benötigt werden.“

Europa bleibt verwundbar, Solarenergie auf Wachstumskurs

Trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien bleibt Europa in mehrfacher Hinsicht verwundbar. Einerseits beeinflussen fossile Energieträger, insbesondere Erdgas, nach wie vor die Strompreisbildung, sodass geopolitische Krisen, wie der aktuelle Nahostkonflikt, Auswirkungen auf die Energiemärkte haben können. Andererseits ist die europäische Energiewende bei Solarmodulen, Batterien, Energiespeichern und zahlreichen Vorprodukten nach wie vor stark von China abhängig.

„Langfristig bleibt der Ausblick für Solarenergie dennoch äußerst positiv“, sagt Dejean. „Wir erwarten, dass sich ihr Anteil am weltweiten Energieverbrauch bis 2050 nahezu vervierfacht und auf rund 30 Prozent steigt. Mit der durch Elektrifizierung und KI-Anwendungen zunehmenden Stromnachfrage sowie den Folgen des Klimawandels und steigenden Temperaturen dürfte die Solarenergie zu einer der zentralen Säulen der weltweiten Energieversorgung werden.“

China-Abhängigkeit wird zum strategischen Risiko

Mit zunehmendem Protektionismus und verschärften geopolitischen Spannungen wächst der Druck auf Europa, strategische Abhängigkeiten zu verringern. Die größte strategische Schwachstelle der europäischen Energiewende ist und bleibt die hohe Abhängigkeit von China. Während Europa Rekordkapazitäten bei Solar- und Windenergie installiert, stammen Solarmodule, Batterien, Energiespeicher und viele kritische Vorprodukte weiterhin überwiegend aus China. Die jüngsten Misserfolge beim Aufbau einer heimischen Produktion durch inländische Akteure verstärken die Abhängigkeit vom Ausland.

„Die Sicherung von Lieferketten für Schlüsseltechnologien wird damit ebenso wichtig wie der Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten selbst”, sagt Bogaerts. „Wie erfolgreich Europa seine Chancen nutzt, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell diese Engpässe überwunden werden und wie schnell Europa in der Lage sein wird, bei kritischen Rohstoffen und Schlüsseltechnologien eigene Kapazitäten aufzubauen und deren Versorgungssicherheit zu gewährleisten.“

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