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Susanne Kunschert Es ist wichtig, manchmal den Stecker zu ziehen

Susanne Kunschert übernahm 2017 die Leitung des Unternehmens Pilz. Sie leitet die Bereiche Personal, Finanzen, Vertrieb, Produktmanagement, Marketing und Customer Support. Zudem ist sie Aufsichtsrätin am Karlsruher Institut für Technologie, Mitglied im Beirat der Landesregierung für nachhaltige Entwicklung und stellvertretende Vorsitzende des Vorstands des VDMA Baden-Württemberg.

Bild: Pilz
26.10.2023

Eine Unternehmenskultur, die auf christlichen Werten, kultureller Vielfalt, Dienst am Menschen und dem Teamgeist basiert? Was nach heiler Welt klingt, ist für Susanne Kunschert, Geschäftsführende Gesellschafterin von Pilz, eineHerzensangelegenheit. Im Gespräch mit publish-industry plädiert die Unternehmerin dafür, sich auf Werte zu konzentrieren.

Wie geht es Ihrem Unternehmen? Sie vermeldeten Rekordumsatz!

Wir sind überaus dankbar für unseren Rekordumsatz. Wir haben uns sehr gut auf die Rahmenbedingungen und Situation der vergangenen Zeit eingestellt. Wirklich bemerkenswert war, wie enorm wir als Team zusammengehalten und uns gegenseitig unterstützt haben.

Der Erfolgsfaktor war also vor allem das engagierte Handeln aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Der Zusammenhalt und die immense Teamarbeit, zum Beispiel zwischen Einkauf, Produktion und Vertrieb haben definitiv zum Erfolg beigetragen. Wir hatten verschiedene Taskforces, die eng miteinander kooperierten, um die Herausforderungen zu meistern. Der Teamgeist und die daraus entstandene Kreativität haben das Unternehmen geformt und führten letztendlich auch zu unserem hervorragenden Umsatz. Wenn die Arbeit Spaß macht, entsteht wirklich eine besondere Dynamik.

Pilz war durch den massiven Cyberangriff 2019 bereits mit einer schwierigen Situation konfrontiert. Hat Ihnen diese Erfahrung geholfen, Krisen erfolgreicher zu bewältigen?

Der Cyberangriff hat uns wirklich hart getroffen, aber, auf eine wunderbare Weise, hat er uns auch geprägt, wofür ich im Nachhinein ebenfalls wirklich dankbar bin. Er hat uns als Team enger zusammengebracht. Die elektronischen Medien funktionierten für Monate nicht und wir mussten uns auf die Menschen und das persönliche Miteinander konzentrieren. Dies hatte eine großartige Wirkung. Entwickler haben beispielsweise in der Produktion ausgeholfen, wenn sie aufgrund der Angriffe nicht arbeiten konnten. Dadurch haben sich die Mitarbeiter kennengelernt und interdisziplinär zusammengearbeitet, was zu einer gesteigerten Kreativität führte. Es war eine Art Frieden, als die E-Mails aufhörten. Es war fantastisch zu sehen, welche Kreativität durch Gespräche und den Austausch von Ideen freigesetzt werden kann.

Klingt danach, als wären Sie kein großer Fan von zu viel Homeoffice?

Es sollte ein gutes Gleichgewicht herrschen. Bei rein mobilen Teams sehe ich eine zu starke Tendenz hin in die Isolation der Mitarbeiter. Der Mensch braucht den Kontakt zu anderen Menschen. Wir haben mit bis zu zwei Tagen mobiles Arbeiten pro Woche eine gute Balance, um unsere Kultur und Werte auch weiterzuleben. Die Cyberattacke hat uns zusammengeschweißt und gezeigt, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu unterstützen. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möchten einfach vor Ort sein.

Wäre ja ein interessanter Managementansatz, sich wieder auf die ursprüngliche Art der zwischenmenschlichen Kommunikation für mehr Erfolg im Unternehmen zu konzentrieren…

Wir hatten beispielsweise ein Projekt im Produktmanagement, bei dem wir zwei Wände mit Ideen vollgeklebt haben. Diese Ideen nutzen wir heute noch. Ohne diese Zeit für kreative Zusammenarbeit würden wir heute nicht so gut aufgestellt sein. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, manchmal den „Stecker zu ziehen“ und sich zusammensetzen. Während der Corona-Lockdowns und der erzwungenen hundertprozentigen Heimarbeit ist die Kreativität gesunken. Es gibt inzwischen auch Studien, die zeigen, dass die Kreativität darunter leidet. Wenn man allein in seinem eigenen Raum sitzt, mag es anfangs gut sein, aber dann fehlt schnell der Austausch.

Sehr zwischenmenschlich klingt auch ein Zitat von Ihnen: „Unsere christlichen Werte sind unsere Wurzeln, unser Fundament.“ Erzählen Sie bitte von diesen gelebten Unternehmenswerten!

Es darf nicht nur um schön formulierte Leitsätze gehen. Für uns ist ein Unternehmen die Summe aller Menschen, und wenn wir den Menschen dienen und eine menschliche Kultur schaffen, führt das automatisch zu guten Umsätzen. Und weil meine Familie und ich christlichen Glaubens sind, orientieren wir unsere Unternehmensleitsätze auch an den christlichen Werten. Diese Werte sind in allen großen Weltreligionen zu finden. Es geht uns darum, Werte zu haben, die uns fordern und persönlich wachsen lassen, anstatt Werte zu wählen, die nur dem Image dienen. Für uns sind die christlichen Werte die Grundlage unserer Unternehmenskultur.

Sie kritisieren also die typischen Unternehmensleitsätze, die oft nur auf Umsatz ausgerichtet sind…

Jedes Unternehmen soll es so handhaben, wie es seiner Kultur entspricht. In vielen Unternehmen allerdings wird der Mensch in den Leitsätzen zwar in den Vordergrund gestellt, letztendlich steht aber nur der Umsatz im Fokus. Natürlich ist auch Pilz ein Unternehmen, das darauf ausgelegt ist, Gewinn zu erwirtschaften. Aber wir haben uns bemüht, unsere Werte nicht nur an die Wand zu schreiben, sondern sie in Führungsrichtlinien zu gießen. Ich halte regelmäßig in Deutschland und weltweit Schulungen ab, damit sich unsere neuen Kolleginnen und Kollegen mit den Werten vertraut machen können.

Spiegelt sich das Werteverständnis auch in der Experimentierfreudigkeit mit mutigen und disruptiven Ideen wider?

Voll und ganz sogar. In unseren Richtlinien fördern wir Experimentierfreudigkeit bei unserer Belegschaft. Wir schaffen einen angstfreien Raum, in dem Fehler erlaubt sind und vor allem auch akzeptiert werden. Das leben wir bei Pilz. Selbst wenn wir beim Kunden einen Fehler gemacht haben, reden wir darüber und finden Lösungen – nichts wird unter dem Teppich gekehrt. Ich helfe immer gerne, Fehler zu korrigieren, damit wir alle daraus lernen können. Es ist wichtig, im Management loslassen und sich überraschen lassen zu können; und nicht immer denkt, man wüsste alles besser. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, als wir einen Engpass bei grünem Kunststoff hatten. Ein Mitarbeiter kam zu mir und zeigte mir freudig eine Lösung, die das Team gefunden hatte, um daraus eine Special Edition herzustellen. Es war keine von uns initiierte Idee, sondern sie entstand aus Eigeninitiative und ich war beeindruckt von seinem Strahlen. Solche Momente zeigen, dass Experimentierfreudigkeit und die Akzeptanz von Misserfolgen uns guttun und zu großartigen Ergebnissen führen können. Ich finde auch unsere internationale Präsenz sehr bereichernd, weil wir durch die verschiedenen Kulturen und Mentalitäten lernen, dass viele Wege zum Ziel führen.

Wie gehen Sie mit kultureller Vielfalt in Ihrem Unternehmen um?

Die kulturelle Vielfalt in unserem Unternehmen ist eine Bereicherung, aber es ist auch eine Herausforderung. In Deutschland haben wir bereits eine Vielzahl von Kulturen. Wenn man aber wie bei uns beispielsweise drei US-Amerikaner in ein schwäbisches Unternehmen bringt und es damit zum Alltag gehört, dass man englisch spricht, wird es zu einer Herausforderung. Die Kulturen sind wunderbar vielfältig, aber es ist immer eine Challenge, sie so zu vereinen, dass ihre Individualität respektiert wird und gleichzeitig die Zusammenarbeit gefördert wird. Ich bin dankbar, dass wir diesen Schritt gemacht haben, besonders bevor der Fachkräftemangel begann. Trotzdem erfordern verschiedene Kulturen einen sorgfältigen Umgang. Wir müssen den Menschen ermöglichen, andere Kulturen anzunehmen, ohne sie zur Assimilation zwingen zu wollen. Für Unternehmen liegt es in ihrer Verantwortung, dies mit Sensibilität anzugehen. Man kann nicht einfach sagen, lassen Sie uns 20 Mitarbeiter aus Indien, Mexiko und Frankreich holen und erwarten, dass sie zusammenarbeiten. Das würde nicht funktionieren. Wir müssen den Menschen Zeit geben, sich anzupassen, sich gegenseitig zu verstehen und auch helfen, ihre Ängste zu überwinden. Es ist ein Entwicklungsprozess. Es kann eine weitere Generation dauern, bis kulturelle Vielfalt eine absolute Selbstverständlichkeit wird, aber wir müssen darauf hinarbeiten.

Und wie gehen Sie mit der Mischung aus älteren und jüngeren Mitarbeitern in Ihren Teams um?

Ein Mix von alt und jung ist entscheidend und ein sehr gesunder Vorgang. Es geht nicht darum, die Zeit zurückzudrehen, sondern um die Zukunft zu gestalten. Der Wissenstransfer von älteren auf jüngere Mitarbeiter ist von großer Bedeutung, damit sie nicht bei null anfangen müssen und von den Erfahrungen anderer profitieren können. Gleichzeitig ist es wichtig, die Perspektive der jungen Menschen einzubeziehen, ihre Ideen und ihre Fähigkeit, mit neuer Technologie umzugehen. Das Mischen von Generationen ist für ein Unternehmen von großem Wert.

Ein weiteres Zitat von Ihnen lautet: „Weil wir unsere Welt für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten wollen! Das ist unsere Pflicht.“ Welchen Stellenwert hat diese Aussage für Sie?

Eine sehr große! Es geht mir wirklich ans Herz, wenn ich an die Zukunft unserer Kinder und Enkel denke. Die Aufgabe, dass wir die Erde für kommende Generationen bewahren müssen, erfüllt mich mit Leidenschaft und Verantwortungsgefühl. Es ist unser aller Pflicht, diese wundervolle Welt zu schützen und zu erhalten, damit sie auch für unsere Nachkommen lebenswert bleibt. Es ist eine Verpflichtung, die mich jeden Tag antreibt.

Das würde heißen, CO2-Neutralität und Nachhaltigkeit muss in Ihrem Unternehmen oberste Priorität haben…

CO2-Neutralität darf nicht nur eine Vorgabe sein, weil es sich schick anhört und das Image eines Unternehmens aufpoliert. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit! Wir setzen alles daran, unseren CO2-Ausstoß auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Wir suchen stetig innovative Lösungen, um nachhaltiger zu produzieren und energieeffizienter zu arbeiten. Wir investieren in den kommenden drei Jahren 38 Millionen Euro in die Produktion und Produktionstechnik – und Energieeffizienz steht hier an erster Stelle. Unsere Investitionen fließen in innovative Technologien, die uns dabei helfen, unseren ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Wovon ich absolut nichts halte, ist die Möglichkeit, sich über CO2-Zertifikate freikaufen zu können. Das ist der falsche Weg, denn so gibt es für Unternehmen immer einen monetären Weg für mehr „Klimaneutralität“. Wir versuchen auch durch Aktionen immer wieder auf die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Umweltschutzes hinzuweisen, damit es in unseren Köpfen bleibt. Beispielsweise pflanzen wir zum 75-jährigem Jubiläum von Pilz 75 Bäume weltweit. Hier dürfen wir uns niemals ausruhen.

Wie optimistisch ist Ihr Blick nach vorne für Ihr Unternehmen?

Unsicherheiten und Krisen werden uns weiter begleiten. Wir mussten und müssen akzeptieren, wie es ist, und immer wieder das Beste draus machen und all unsere Energie in Kreativität stecken. Unser Team ist voller leidenschaftlicher und engagierter Menschen, die mit Herzblut an einer sicheren und nachhaltigen Zukunft arbeiten. Wir gehen optimistisch voran – mit einem freudigen „Ja!“ zu dem was auf das Unternehmen zukommt.

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