Mit der EU-Batterieverordnung hat der Batteriepass 2023 den Auftakt gemacht, in den nächsten Jahren werden weitere Produktkategorien wie Textilien, Elektronikgeräte, Möbel und Baumaterialien folgen. Digitale Produktpässe sollen Verbraucherinnen und Verbrauchern, Unternehmen und Behörden verlässliche Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zugänglich machen, von der Herstellung über die Nutzung bis zur Wiederverwertung. Damit dies gelingt, müssen die zugrunde liegenden technischen Normen ein kohärentes Gesamtsystem bilden.
Die Standards für den digitalen Produktpass sind da
Prof. Dr.-Ing. Thomas Knothe, Abteilungsleiter Geschäftsprozess- und Fabrikmanagement am Fraunhofer IPK, leitet als Chair das CEN CLC JTC 24, das Joint Technical Committee der beiden europäischen Standardisierungsorganisationen CEN und CENELEC. Das Fraunhofer IPK hat im Vorfeld die interoperable Grundstruktur maßgeblich entwickelt, sodass die einzelnen technischen Standards technologieneutral und interoperabel ineinandergreifen.
„Die grundlegenden technischen DPP-Standards sind da. Sie schaffen Transparenz für Verbraucher, Industrie und Behörden. Aber ein Standard allein verändert noch nichts. Jetzt kommt es darauf an, ihn mit Leben zu füllen: mit konkreten Implementierungen, offenen Werkzeugen und sektorspezifischen Referenzlösungen, die Unternehmen den Einstieg wirklich erleichtern. Genau das ist es, woran wir beim Fraunhofer IPK arbeiten“, sagt Thomas Knothe.
Open Source als Hebel für schnelle Umsetzung
Um die Einstiegshürde für Unternehmen zu senken, hat Knothe gemeinsam mit Partnern wie GEFEG und der Technischen Universität Berlin sowie seinem Team am Fraunhofer IPK ein Open-Source-Testsystem entwickelt. Mit diesem können Organisationen ihre DPP-Implementierungen validieren. Darüber hinaus sind sektorspezifische Referenzsysteme entstanden, unter anderem für den Bereich Batterien. Sie dienen als gemeinsame Orientierung für Verbände und Unternehmen. Die Erfahrungen bei der Anwendung dieser Referenzsysteme zeigen laut Knothe, dass ein Systemaufbau rund fünfmal schneller und einfacher gelingt als mit herkömmlichen Ansätzen.
Dieses Thema wurde unter anderem am Auftakttag der DPP4EU im Konferenz-Stream zur Standardisierung behandelt, den der Experte des Fraunhofer IPK am 1. Juni gemeinsam mit Martin Schreck (Convenor) und Thomas Rödding (Co-Chair des JTC 24) geleitet hat. Dort präsentieren Systemanbieter konkrete technische Lösungen, mit denen die Standards für Unternehmen gleichermaßen zum wirtschaftlichen Vorteil und zur Erreichung von Konformität greifbar implementiert werden können. Dabei wurden unterschiedliche Systeme vorgestellt: das technische GS1-Ecosystem, die DPP4.0 auf Basis der Asset Administration Shell und die Testumgebung für den EU Battery Passport. Die Session zeigt exemplarisch, wie die JTC-24-Standards in der Praxis umgesetzt werden.
Der DPP denkt über Europa hinaus
Ein Digital Product Passport (DPP) entfaltet seine volle Wirkung nur, wenn er grenzüberschreitend funktioniert. Als Chair des CEN/CENELEC JTC 24 „Digital Product Passport Framework and System“ engagiert sich Thomas Knothe auch im Aufbau der globalen Standardisierung unter dem Dach von ISO und IEC.
Das Fraunhofer IPK betrachtet den digitalen Produktpass nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt: Mittelfristig soll er sich zu einem Hub für globale Produktdatenökosysteme weiterentwickeln. Der konsequent offene Ansatz bei Test- und Referenzsystemen ist dabei eine bewusste strategische Entscheidung. Denn offene, interoperable Standards dienen letztendlich Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern.
„Damit wird der DPP zu einem Effizienzinstrument und zu einem Business Enabler für Industrie und Handel“, so Thomas Knothe. Er und sein Team entwickeln derzeit beispielsweise eine KI-basierte DPP-Lösung zur Sanierung von Elektroinstallationen in Gebäuden. Mit dieser können Handwerksunternehmen bereits im Vorfeld der Arbeiten einen effizienten, sicheren und gleichzeitig nachhaltigen Sanierungsansatz wählen. Bei aktuell circa 14 Millionen in Deutschland energetisch zu sanierenden Häusern ist der Bedarf offensichtlich.