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Morten Wierod, President Motion bei ABB, erklärt welche Faktoren wichtig sind, damit Digitalisierungsprojekte gelingen.

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Interview über Digitalisierung und Agilität „Beweglich sein, ohne Wenn und Aber“

12.02.2020

Die Digitalisierung in der Industrie besitzt viele Facetten. Produkte und Technologien sind dabei nur kleine Zahnräder im großen Getriebe. Agilität, Offenheit und Partnerschaften zählen zu den entscheidenden Faktoren für erfolgreiche Digitalisierungsprojekte sowie den dafür notwendigen Wandel im eigenen Unternehmen, wie Morten Wierod, President Motion bei ABB im Gespräch mit A&D betont.

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ABB hat sich in ihrer Neuausrichtung in die vier Geschäftsbereiche Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik, Robotik & Fertigungsautomation aufgeteilt. War das schon deswegen notwendig, um schneller und agiler auf die Marktbedürfnisse reagieren zu können?

Absolut, denn in der neuen ABB wollen wir mit fokussierten Geschäftsbereichen schnell auf Kundenwünsche eingehen und noch intensiver auf Augenhöhe mit jedem einzelnen Kunden zusammenarbeiten – unabhängig von seiner Größe. Unterstützt werden alle Geschäftsbereiche durch unsere übergreifende Digitalplattform ABB Ability. Damit kann jeder in unserem Unternehmen auf digitale Lösungen zurückgreifen, die individuell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kunden und Zielgebiete des Geschäftsbereichs zugeschnitten sind.

Agilität ist gerade bei Digitalisierungsprojekten eine wichtige Eigenschaft. Ist das bei großen Konzernen wie ABB trotz der Aufteilung in die vier Bereiche Ihre größte Herausforderung?

Es ist eine von vielen Herausforderungen in unserem Geschäft. Unternehmen müssen heutzutage vor allem flexibel auf ein sich stetig änderndes Umfeld reagieren. Hier sprechen wir vom Wandel in der Politik in vielen Ländern, Handelsbarrieren, Strafzöllen und neuen Gesetzen in verschiedenen Märkten. Das bedeutet, sie können keinen Fünfjahresplan mehr machen und stur daran festhalten. Unternehmen brauchen viel mehr Agilität in der Planung und Ausführung. Sie müssen Organisationen aufbauen, die sich blitzschnell und ohne Bürokratismus sowie ewige Abstimmungsrunden sowohl an veränderte Marktanforderungen als auch an neue Kundenanforderungen anpassen können. Genau das bilden wir mit der neuen ABB ab.

Andererseits erfordern doch gerade ganzheitliche Lösungsansätze bei Kunden eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit – beispielsweise Antriebstechnik und Robotik. Bremst das nicht die Agilität?

Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil! Sie brauchen einzelne Unternehmenssäulen, die sich durch Agilität, minimalen internen Verwaltungsaufwand und konsequente Kundenorientierung auszeichnen. Wenn diese Struktur funktioniert, dann lässt sich für jedes Projekt sofort ein schlagkräftiges, bereichsübergreifendes Team bilden. Wir arbeiten also dort zusammen, wo es aus Kundensicht sinnvoll ist – beispielsweise benötigt ein Maschinenbauer neben Antriebstechnik oft auch Roboter und Niederspannungsprodukte. Bei ABB können wir dem Kunden alles aus einer Hand bieten. Das konnten wir natürlich vor der Reorganisation auch schon, allerdings nicht mit der heute gelebten Agilität und Schnelligkeit.

B&R ist Bestandteil des ABB-Geschäftsbereichs Robotik & Fertigungsautomation, hat aber auch Antriebstechnik im Angebot. Wie passt das zusammen?

Das passt sehr gut zusammen, weil wir die Kundenanforderungen mit dem Lösungsangebot von B&R noch zielgerichteter erfüllen können. Geht es beispielsweise um Antriebstechnik, so komplettieren Servomotoren und -antriebe von B&R unser Lösungsangebot. Das führt uns wieder zu unserem Credo der Kundenorientierung: Wir setzten konsequent auf offene Standards, damit auch unsere Kunden beim Einsatz ihrer Lösungen agil bleiben. Erfüllt also bei einer Werkzeugmaschine die Antriebstechnik von B&R besser die Anforderungen, so kommen deren Produkte zum Einsatz. Gleichzeitig haben wir auch keinerlei Scheu davor, Lösungen von anderen Herstellern miteinzubinden, wenn diese ebenfalls standardisierte Protokolle und offene Standards unterstützen.

Gilt diese Offenheit auch für Ihre Digitalplattform ABB Ability mit all ihren Cloud-basierten Services?

Ja, das ist das Schöne an unserem digitalen Angebot rund um die ABB Ability-Plattform. Kunden können die Daten ihrer Maschinen oder Anlagen in unserer Cloud-Plattform genauso nutzen wie auf anderen Systemen. Wir sind strikt gegen proprietäre Lösungen und geben damit dem Kunden die Sicherheit, jederzeit Herr über seine Daten und Anwendungen zu sein. Mit dieser Flexibilität und unserem ganzheitlichen Lösungsangebot von der Komponente bis hin zu Analytics-Services in der Cloud können wir die Bedürfnisse der Kunden maßgeschneidert erfüllen – ohne sie in eine bestimmte Richtung zu drängen.

Sind Ihre Kunden – wie beispielsweise Maschinenbauer – dennoch nicht meist ganz am Anfang, was den Digitalisierungsgrad ihrer Lösungen betrifft?

Ja, wir befinden uns noch am Anfang der digitalen Reise. Genau dafür bieten wir beispielsweise unseren Smart Sensor, mit dem sich sehr einfach und kostengünstig Ausfälle von Motoren, Pumpen oder Lagern anzeigen lassen. Derzeit wird meiner Meinung nach aber zu viel über Daten aus Maschinen und Produktionsanlagen gesprochen. Am Ende will der Kunde doch nicht wirklich Daten haben. Gefragt sind Ratschläge, die wir als ABB auf der Grundlage von Daten geben können. Wie können wir Kunden helfen, etwa ihren Produktionsdurchsatz zu steigern oder ihre Kosten zu senken? Die Digitalisierung sowie die Daten sind somit nur ein Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.

Mit der Digitalisierung des Antriebsstrangs lassen sich auch neue Geschäftsmodelle generieren – beispielsweise der Verkauf von Output von Maschinen, Pumpen oder Antrieben. Wie sehr ändert das auch Ihr eigenes Geschäftsmodell?

Es findet langsam, aber stetig ein Wandel statt: Kunden wollen keine Motoren mehr kaufen, sondern Drehmoment und Verfügbarkeit. Hierfür benötigen sie natürlich Spitzentechnologie und jahrzehntelange Erfahrung, aber der Motor wird zunehmend Mittel zum Zweck. Es geht mehr und mehr darum, Informationen rund um den Motorbereich zu erhalten. Für ABB sind intelligente Antriebe ein wichtiges Differenzierungsmerkmal, um den Motor beispielsweise in Pumpen- oder Ventilator-Applikationen so effizient wie möglich zu betreiben. Nur wenn sie diese Daten haben und genau wissen, was der Motor wann leisten muss, kann auch über neue Geschäftsmodelle wie den Kauf von Verfügbarkeit oder Leasing von Antriebstechnik nachgedacht werden. Beispielsweise sind in der Wasserwirtschaft, wo extrem leistungsstarke und somit auch hochpreisige Antriebstechnik zum Einsatz kommt, Leasingmodelle schon Alltag. Ich denke, solche Modelle werden wir künftig auch in vielen anderen Bereichen sehen, in denen die Investitionen immer knapper werden und sehr OPEX-orientiert sind. Auf der anderen Seite bleibt aber der Kauf von Antriebstechnik – insbesondere, wenn es sich um geringe Leistungsbereiche handelt – die günstigste Alternative. Genau hier sehen wir es als Aufgabe von ABB, unseren Kunden zu helfen, erfolgreich zu sein und auf die richtige Strategie zu setzen.

All das funktioniert aber nur mit umfangreicher Analyse großer Datenmengen, um daraus Schlüsse zu ziehen. Wie profitiert der Maschinenbauer noch von den ABB-Analytics Services?

Selbst wenn der Maschinenbauer nur einen Motor von uns nutzt, profitiert er bei der Instandhaltung seiner Maschine von unseren Analytics Services. Wir haben Zugriff auf die Daten von Millionen von Geräten in unterschiedlichsten Anwendungsszenarien: Läuft der Antrieb die ganze Zeit mit halber oder voller Geschwindigkeit? Herrscht eine hohe Umgebungstemperatur oder Luftfeuchtigkeit? Arbeitet der Motor in einer staubigen Zementfabrik oder einer kühlen und hochreinen Umgebung? Diese Daten befähigen uns genaue Vorhersagen zu treffen, wann der Motor bei unserem Maschinenbauer eine Wartung benötigt. Aktuell ist es noch übliche Praxis, rein zeitgesteuert eine Wartung durchzuführen – selbst, wenn sie noch gar nicht notwendig ist, oder schlimmer, wenn bereits ein Defekt vorliegt. Je mehr Daten und Parameter wir von unseren im Feld eingesetzten Produkten erhalten, desto bessere Empfehlungen können wir für Wartungen oder die richtige Dimensionierung aussprechen. Das ist das Schöne bei der Analyse von großen Datenmengen!

Gerade kleineren Industrieunternehmen fehlen oft die Mittel, sich mit Digitalisierungsprojekten zu befassen – sie benötigen einen Partner. Wie nehmen Sie hier Ihren Kunden die Angst, nicht auf das „falsche Pferd“ zu setzen?

Ich favorisiere ganz klar das Konzept „try & buy“. Wir zeigen unseren Kunden im kleinen Maßstab den sofortigen Mehrwert der Digitalisierung auf. Nehmen wir noch einmal unseren Smart Sensor: geringe Kosten, schnelles Ergebnis. Durch diesen pragmatischen Ansatz kann der Kunde sofort und ohne Risiko erkennen, ob er den Weg mit uns gehen will. Dabei kann es bei einem Sensor bleiben, oder er kann mit unseren Lösungen beliebig nach oben skalieren. Hinzu kommt: Durch die konsequente Unterstützung offener Standards ist die Flexibilität in alle Richtungen gewährleistet. In Verbindung mit unserer Agilität macht das ABB zum idealen Partner bei Digitalisierungsprojekten.

Welche persönlichen Ziele haben Sie für die nächsten Jahre bei ABB?

Wir sind heute führend im Antriebsgeschäft, wollen aber dennoch weiterhin Marktanteile gewinnen. Das können wir vor allem durch die konsequente Weiterentwicklung unserer digitalen Lösungen erreichen, die unseren Kunden echten Mehrwert bieten und deren Wettbewerbsfähigkeit steigern. Die Digitalisierung der kompletten Antriebstechnik wird der größte Wendepunkt der nächsten Jahre für uns sein.

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