Mit welchen Entwicklungen sollten Verantwortliche in produzierenden Betrieben im kommenden Jahr rechnen? Trotz etlicher Unsicherheiten zeichnen sich aktuell einige klare Trends für die Industrie ab. Viele davon haben mit Künstlicher Intelligenz zu tun – und damit, wie Unternehmen damit umgehen. Der Softwarehersteller Augmentir hat aus zahlreichen Studien und eigener Projekterfahrung acht Entwicklungen abgeleitet.
Industriearbeit: Das ändert sich 2026
Experten blicken für 2026 etwas positiver in die Zukunft als noch im letzten Jahr. So erwartet der Sachverständigenrat in seinem Jahresgutachten 2025/2026 ein Plus von 0,9 Prozent für das Bruttoinlandsprodukt. Auch die Stimmung gegenüber dem Standort Deutschland hellt sich auf: Laut einer Umfrage von McKinsey unter den Vorständen der 100 umsatzstärksten Unternehmen wollen 48 Prozent ihre Präsenz in Deutschland in den nächsten fünf Jahren ausbauen. Vor einem Jahr hatte dies nur jeder Dritte vor.
Fabian Billing, Managing Partner von McKinsey für Deutschland und Österreich, bekräftigt: „Wir sehen die Bereitschaft von Unternehmen, mehr Ressourcen in wachstumsstarke Geschäftsfelder zu investieren, und gleichzeitig mit Hilfe von Technologien wie Künstlicher Intelligenz die Produktivität substanziell zu steigern.“ Welche konkreten Veränderungen sich abzeichnen, zeigt die Auswertung von Studien und Kunden-Insights durch den Softwarehersteller Augmentir.
1. Vernetzung von Industrie-Arbeitskräften wird Mainstream
Weltweit investieren immer mehr produzierende Unternehmen in die digitale Unterstützung ihrer Frontline-Workforce. Sie stellen ihnen Standard Operating Procedures, Anleitungen und Checklisten auf mobilen Endgeräten bereit. „Immer mehr Firmen erkennen, dass auch in der Fabrikhalle papierbasierte Prozesse ausgedient haben. Sie sind zu langsam und liefern kaum verwertbare Daten“, erklärt Russ Fadel, Mitgründer und CEO von Augmentir. Entsprechend wächst der globale Markt für Connected-Worker-Lösungen stabil im hohen zweistelligen Prozentbereich pro Jahr. Schließlich liegt hier ein Schlüssel für mehr Produktivität, Arbeitssicherheit und Qualität.
2. Individuelle Förderung rückt ins Zentrum der Digitalisierung
Gleichzeitig steigt das Bewusstsein für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Job. 2022 gingen noch 51 Prozent der Unternehmen davon aus, dass Industrie 4.0 auch gering qualifizierte Mitarbeitende für komplexe Tätigkeiten befähigt. 2025 waren es nur noch 44 Prozent. Das zeigt die Bitkom-Studie „Industrie 4.0“ aus diesem Jahr. Dadurch wird klar: Die technische Vernetzung allein reicht nicht aus. Um so effizient und sicher wie möglich zu arbeiten, muss das Personal in der vernetzten Fabrik individuell unterstützt werden – abgestimmt auf seine persönlichen Kenntnisse und Fähigkeiten. 2026 rückt daher das Individuum in den Fokus. Genau hier setzen Systeme an, die auf einem integrierten Skill-Management basieren und dadurch für jede anstehende Aufgabe situationsangepasste Unterstützung bieten.
3. KI-Assistenten müssen sich beweisen
Für viele Pilotprojekte wird das Jahr 2026 zum entscheidenden Jahr: Können sie ihren bisherigen Erfolg in den breiten Einsatz überführen? Dies gilt insbesondere für digitale Assistenten, die operative Teams im Alltag unterstützen sollen. Sie übernehmen Routineaufgaben, dokumentieren Abläufe korrekt und halten Prozesse nachvollziehbar fest. Ihr Ziel ist es, Ausfälle und Stillstände zu reduzieren, Wartungsprobleme früher zu erkennen und die Produktivität messbar zu steigern.
Erste Praxisbeispiele zeigen, dass dies gelingen kann. So wurden bei einem namhaften Süßwarenhersteller im vergangenen Jahr digitale Assistenten strukturiert eingesetzt. Dadurch konnten Arbeitsaufträge klarer dokumentiert, Probleme schneller gelöst und die Betriebszeit der Anlagen spürbar erhöht werden. Für Benedikt Höck, Partner und Head of AI bei KPMG, ist damit jedoch nur der Anfang gemacht. Nun entscheidet sich, ob Unternehmen den nächsten Schritt gehen. „Wer jetzt nicht in Umsetzung und Skalierung investiert, riskiert, vom Markt abgehängt zu werden“, mahnt er in der Studie „Generative KI in der deutschen Wirtschaft 2025“.
4. Technischer Fortschritt schneller als die Umsetzung
Laut einer Studie von Lenovo befindet sich die Mehrheit der KI-Anwender noch in der Anfangs- oder Pilotphase. 43 Prozent planen, in GenAI zu investieren. Auch das Analystenhaus IDC verzeichnet eine Vielzahl von Tests und Machbarkeitsstudien. Die Technologie großangelegter Business-Software-Lösungen ist da schon zwei Schritte weiter. Sie integrieren immer mehr proaktive KI-Agenten. Diese werden zunehmend eigenständig Aufträge ausführen, vernetzt zusammenarbeiten und ganze Produktions- oder Wartungsabläufe steuern. Laut Gartner werden bis 2026 bereits 40 Prozent der Unternehmensanwendungen über aufgabenspezifische KI-Agenten verfügen. Damit diese den gewünschten Nutzen entfalten können, müssen sie exakt auf die jeweiligen Anforderungsprofile zugeschnitten sein. Deshalb empfiehlt es sich, Agenten selbst zu entwickeln. Das ist inzwischen mit Agentic AI Studios möglich, und das ganz ohne Programmierkenntnisse.
5. KI-Kompetenz als Arbeitgeber-Aufgabe
Viele produzierende Hersteller beklagen einen Mangel an Personal mit KI-Qualifikation. Laut einer Studie von Revalize sehen mehr als 40 Prozent hier einen Engpass. Dennoch plant laut dem KPMG-Papier „Generative KI in der deutschen Wirtschaft 2025“ nur jedes vierte Unternehmen, in den nächsten zwölf Monaten aktiv in den Aufbau interner KI-Kompetenzen und Schulungsprogramme zu investieren. An dieser Stelle ergibt sich ein klares To-do für die Fertigungsbranche. Unterstützung kommt dabei von unerwarteter Seite: Künstliche Intelligenz kann auch bei dieser Mammutaufgabe helfen. KI fungiert als persönlicher Coach und unterstützt gezielt dort, wo Menschen noch nicht genug wissen. Beispielsweise kann sie eine personalisierte Einarbeitung, passgenaue Schulungen und einen gesicherten Lerntransfer durch Quizformate bieten
6. Menschliche Arbeit definiert sich neu
Mensch und KI rücken 2026 enger zusammen. Die Rollenverteilung ist dabei klarer als im Vorjahr: Künftig bestehen Teams aus Mitarbeitenden sowie KI-Assistenten und -Agenten. Während die Algorithmen Routineaufgaben übernehmen, treten Menschen als Supervisoren, Entscheider und kreative Problemlöser auf. Als „Human in the Loop“ tragen sie eine immer höhere Verantwortung. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist jedoch darauf hin, dass dies nicht ohne Folgen bleibt. Sie erklärt, dass durch den KI-Einsatz psychische Belastungen verstärkt auftreten können. Die Frage, wie ein menschengerechtes Miteinander von Belegschaft und Technologie möglich ist, müssen sich daher alle Unternehmen im Jahr 2026 stellen.
7. Comeback der Augmented Reality
Zu aufwändig und zu umständlich: Nach einem kurzen Boom fiel Augmented Reality (AR) in einen Dornröschenschlaf. Jetzt erlebt die Technologie ein Comeback – in speziellen Einsatzbereichen, kombiniert mit KI. Wenn Menschen eine Aufgabe zum ersten Mal ausführen, zeigt industrielle AR ihnen präzise, wo sie anpacken, kontrollieren oder bedienen müssen. Sie lotst unerfahrene Arbeitskräfte sicher durch alle Schritte und Handgriffe, sei es beim Umrüsten, beim Lockout-Tagout (LOTO) oder bei komplexen Montagen. Russ Fadel, ein Pionier auf diesem Gebiet, betont: „AR baut heute auf nativer KI auf, um Mitarbeitenden dynamisch immersive Anleitungen an die Hand zu geben. Sobald jemand seinen Job jedoch beherrscht, benötigt er die AR-Hilfe kaum noch.“
8. Der Kampf gegen Schatten-KI beginnt
Last but not least bringt das Personal seine Arbeitgeber immer mehr in Zugzwang, KI-basierte Werkzeuge bereitzustellen. Laut Bitkom gehen vier von zehn Unternehmen davon aus, dass Mitarbeitende private KI-Tools am Arbeitsplatz einsetzen. Um dem Wildwuchs vorzubeugen, hat knapp ein Viertel der Unternehmen bereits Regeln für den Einsatz von KI aufgestellt. Dass Richtlinien allein nicht helfen, hat jedoch vor Jahren das Thema „Nutzung eigener Handys für berufliche Aufgaben“ gezeigt. Das Rezept gegen Schatten-KI ist vielmehr eine Kombination aus Governance und einer fortschrittlichen, bedarfsgerechten Ausstattung. Wenn die bereitgestellten Technologien – etwa für Connected Worker – die Mitarbeitenden im Betrieb besser unterstützen als eine x-beliebige App, entzieht das dem unkontrollierten Gebrauch privater Lösungen schnell den Grund.
Fazit zu den Trends 2026
Die vorgestellten Trends zeigen: In den letzten Jahren gab es gewaltige technologische Veränderungen im Bereich generativer KI, KI-Assistenten und KI-Agenten. Für 2026 sind jedoch keine weiteren massiven Technologiesprünge in Sicht. Zudem wurde der Bedarf an Regeln und ethischen Grenzen erkannt. Nach dem Hype kann es nun in die konkrete Umsetzung gehen. Das ist eine Chance, die deutsche Unternehmen mit Blick auf den internationalen Wettbewerb nutzen sollten. „Dabei liegt der Schlüssel zum Erfolg nicht nur in Investitionen und Tools, sondern auch in der Art und Weise, wie wir als Menschen mit den neuen Möglichkeiten umgehen“, betont Augmentir-CEO Russ Fadel.