Warum Forschung und Wirtschaft enger zusammenrücken müssen

Attraktiver als die USA? Europas Chance als Wissenschaftsstandort

Europäische Hochschulen sollen mit Förderprogrammen, weniger Bürokratie sowie einer besseren technischen Ausstattung, Digitalisierung und Rechenleistung für KI Talente anziehen.

Bild: iStock, rarrarorro
13.05.2026

Europa möchte mehr Forschende anziehen – mit EU-Fördermitteln und nationalen Programmen. Gleichzeitig wirken sich Bürokratie, eine schwache Digitalisierung und fehlende Rechenleistung für KI hemmend aus.

Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa blickt auf eine lange Geschichte erfolgreicher Wissenschaftler und bahnbrechender Entdeckungen zurück. Heute ist das Selbstbewusstsein der Europäer, wenn es um neueste Entwicklungen wie etwa KI geht, dagegen eher gering. Dabei hat dieser Kontinent noch immer viel zu bieten. Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei Reichelt Elektronik, ist sich sicher: „Gerade jetzt brauchen wir fundierte Forschung, den Willen für neue Investitionen und die Förderung junger Talente, um in dieser entscheidenden Zeit den Anschluss nicht zu verlieren und die Chancen der Zukunft zu nutzen.“

Stabilität als Standortfaktor: Warum Europa wieder interessanter wird

Deutschland ist ein weitgehend sicheres und freies Land, das politische Stabilität und somit auch ökonomische Planungssicherheit bietet. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist in vielen anderen Ländern nicht gegeben. Am Beispiel der USA zeigt sich, dass dieser sicher geglaubten Unerschütterlichkeit unerwartet schnell das Fundament entzogen werden kann. Massive Kürzungen bei Forschung und Universitäten wirken sich bereits jetzt auf die Attraktivität des Wissenschaftsstandorts USA aus.

Hier zeigte eine Umfrage des Magazins Nature, dass im vergangenen Jahr 75 Prozent der Wissenschaftler angaben, aufgrund der von der Regierung verursachten Disruptionen die USA verlassen zu wollen. In diesem Zusammenhang gewinnen freie demokratische Länder wie Deutschland und seine europäischen Nachbarn deutlich an Attraktivität für talentierte Forschende und Studierende.

Jedoch wird ausländischen Bewerberinnen und Bewerbern der wissenschaftliche Neuanfang in Europa nicht immer leicht gemacht. Bürokratie und administrative Hürden sind für viele wissenschaftliche Kräfte sowie Studierende eine große Bürde. Auch die oft noch fehlende oder mangelhafte Digitalisierung erschwert den Studienstart oder die Eingliederung in das neue Arbeitsumfeld. Hinzu kommt, dass besonders in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen Forschende teure Ausstattung benötigen, um überhaupt auf hohem Niveau arbeiten zu können. Auch hier besteht an hiesigen Universitäten oft noch Nachholbedarf, beispielsweise bei der Rechenleistung, die für KI-Forschung und -Training benötigt wird.

Investitionen in den Wissenschaftsstandort Europa

Die Schwächen deutscher und europäischer Universitäten und Forschungseinrichtungen sind bekannt. Es scheint jedoch auch verstanden worden zu sein, dass eine stärkere Forschungsförderung dringend nötig ist. Europa möchte die Gunst der Stunde nutzen. So hat die EU kürzlich eine halbe Milliarde Euro an Fördermitteln zugesagt, um Wissenschaftler an europäische Universitäten zu locken.

Auch in den einzelnen Mitgliedstaaten gibt es weitere Initiativen zur Förderung der Forschung. In Deutschland wurde beispielsweise die „Global Minds“-Initiative ins Leben gerufen. Das hierzulande als 1.000-Köpfe-Plus-Programm bekannte Programm soll in Zusammenarbeit mit Wissenschaftsorganisationen wie der Alexander-von-Humboldt-Stiftung dazu dienen, gezielt internationale Talente für den deutschen Wissenschaftsstandort zu gewinnen. Geworben wird dabei nicht nur mit finanzieller Unterstützung und Forschung an High-Tech-Projekten, sondern auch mit der Sicherheit des Standorts und wissenschaftlicher Freiheit in Deutschland.

In Spanien wurde beispielsweise das Förderprogramm ATRAE mit einem Budget von 135 Millionen Euro angekündigt. Es soll Forschung mit besonderer gesellschaftlicher Wirkung unterstützen, beispielsweise aus den Bereichen Klimawandel, KI oder Raumfahrt. Für Forschende, die aus den USA angeworben werden, gibt es sogar einen zusätzlichen Förderzuschlag.

In Frankreich wurde das Anwerben kluger Köpfe sogar zur Chefsache erklärt: Präsident Macron lud im Rahmen der „Choose France for Science“-Kampagne Forschende ein, nach Frankreich zu kommen. Der Schwerpunkt des Programms der französischen Forschungsagentur ANR liegt auf den Bereichen Gesundheit, Klima, KI und Raumfahrt.

Doch was ist mit dem Problem der Bürokratie? Auch hier scheint man sich einig zu sein, dass Hürden abgebaut werden sollen. So sind beispielsweise Reformen für die EU-Blue-Card im Gespräch, die hochqualifizierten Nicht-EU-Arbeitnehmern die Einreise und Arbeit in Europa erleichtern sollen.

Anziehen statt verlieren: Hebel für Europa

Europäische Universitäten sind in vielen Bereichen stark, beispielsweise in Maschinenbau, Automation und Robotik, Klimawissenschaften und Energiesystemen. Diese Bereiche werden auch in Zukunft immer wichtiger werden. Auch bei neueren Forschungsfeldern wie Industrial AI, Quantenforschung und Photonik sind unsere Universitäten hervorragend für Spitzenforschung aufgestellt. Investitionen in diese zukunftsträchtigen Forschungsfelder werden langfristig kluge Köpfe nach Europa holen.

Damit Theorien auch umgesetzt werden können, benötigen Universitäten vor allem eine noch bessere technische Ausstattung – insbesondere bei Forschungsfeldern mit engem Bezug zur Industrie. Ein Beispiel, wie das gelingen kann, ist die Robotik. Durch Lernroboter können Studierende erste Programmiererfahrungen sammeln. Die Entwicklung von Roboterarmen ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass es bereits leistungsfähige und fortschrittliche Roboter zu universitätstauglichen Preisen gibt. Hiervon profitieren nicht nur die Studierenden, sondern später auch die Unternehmen, die diese Talente einstellen.

In Bezug auf die Forschung in Deutschland wird oft bemängelt, dass sich hochkarätige Grundlagenforschung zu selten in gewinnbringenden Unternehmen verwirklicht. Damit Forschung sich nicht nur auf der Grundlage bewegt, sondern auch zu ökonomisch sinnvollen Geschäftsideen oder lukrativen Produkten führt, müssen Forschung und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten.

Bereits heute gibt es erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen von Thinktanks oder Start-up-Unterstützungen. Diese Förderungen auszubauen, Investitionen zu tätigen und den Willen zu zeigen, nicht nur Grundlagen zu erforschen, sondern Ideen in funktionierende Gründungen umzusetzen, ist der letzte Puzzlestein, der uns fehlt, um Deutschland und ganz Europa zu einem noch attraktiveren Standort für Wissenschaft und Forschung zu machen.

Stärken nutzen und Lücken schließen

Europäische Hochschulen und Forschungsinstitute bieten interessante Entwicklungsmöglichkeiten – auch für internationale Studierende und Forschende. Um noch attraktiver für Top-Talente zu werden, sollten Universitäten vor allem konsequent in technische Ausstattung und Digitalisierung investieren, um ein Klima der Innovation zu schaffen, in dem erfolgreiche neue Technologien und Geschäftsideen entstehen können.

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