Limits überwinden – auch in Stromnetzen möglich

Warum die Energiewende mehr Intelligenz braucht

Gespräche mit Energieversorgern zeigen: Entscheidend ist nicht die Verfügbarkeit neuer Technologien, sondern die grenzübergreifende Datennutzung und konsequente Skalierung erfolgreicher Digitalisierungsinitiativen.

Bild: iStock: SVPhilon
15.09.2026

Die Belastung der weltweiten Netzinfrastruktur steigt rasant. Während die KI-Infrastruktur den globalen Strombedarf in die Höhe treibt, erfolgt die Digitalisierung in der Energiebranche nur punktuell. Dabei kann KI zugleich Motor des Energiebedarfs und Hebel für die Energiewende sein.

Laut IEA stieg der weltweite Stromverbrauch 2025 um drei Prozent – mehr als doppelt so schnell wie der gesamte Energiebedarf. Besonders stark wuchs der Bedarf von Rechenzentren. Er stieg um 17 Prozent. In den USA verursachten Rechenzentren rund die Hälfte des gesamten Stromverbrauchswachstums. Das ist ein klassisches Jevons-Paradoxon: Effizienz senkt den Ressourcenverbrauch nicht automatisch; oft wächst die Nachfrage schneller als die Einsparungen. Anstatt den Energiebedarf durch KI-gestützte Effizienz zu dämpfen, treiben KI und Digitalisierung die Energienachfrage an. Gleichzeitig stehen Energieversorger vor strategischen Entscheidungen zur Modernisierung des Stromnetzes und zur Kapitalallokation. Doch solche Entscheidungen sind nicht mehr aufschiebbar: Extremwetterereignisse zeigen, wie wenig Spielraum die bestehende Netzinfrastruktur noch hat.

Gespräche mit Energieversorgern machen deutlich, dass die größte Herausforderung heute nur selten die Verfügbarkeit neuer Technologien ist. Entscheidend ist vielmehr, Daten über System- und Organisationsgrenzen hinweg nutzbar zu machen und erfolgreiche Digitalisierungsinitiativen konsequent zu skalieren.

Integrierte Systeme statt isolierter Datenquellen

Laut Prognosen der IEA könnten digitale Technologien bis 2050 weltweit 1,8 Billionen US-Dollar an Netzinvestitionen einsparen, indem sie die Lebensdauer der Netze verlängern, gleichzeitig erneuerbare Energien integrieren und Versorgungsunterbrechungen minimieren. Eine moderne Netzarchitektur basiert auf interoperablen Datenplattformen, IoT-Sensorik, digitalen Zwillingen und KI-gestützten Analysen.

Entscheidend ist die Verknüpfung einzelner Technologien zu einer gemeinsamen Datenbasis. Wenn sich Datensilos öffnen und Informationen zu industriellen Prozessen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ausgetauscht werden, kann jeder Akteur im Ökosystem auf dieselbe verlässliche Informationsquelle zugreifen. Dadurch kann die Zeit bis zur Erkenntnis deutlich sinken, was proaktive Entscheidungen fördert und die betriebliche Effizienz steigert. So wird aus einem Verbund isolierter Systeme ein flexibler, widerstandsfähiger Organismus.

Vom Piloten zur Fläche: Digitalisierung ausrollen

Werden digitale Technologien lokal eingesetzt, können sie nur punktuelle Verbesserungen liefern. Werden sie hingegen auf große, unternehmensweite Sensornetzwerke ausgeweitet, kann die daraus resultierende industrielle Intelligenz das gesamte System stärken.

Genau hier scheitern viele Digitalisierungsprogramme. Technisch erfolgreiche Pilotprojekte liefern zwar lokale Verbesserungen, erreichen aber nie den unternehmensweiten Rollout. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst, wenn Datenplattformen und KI-Lösungen konsequent skaliert werden.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Stromproduzent Innergex. Das Unternehmen erzeugt weltweit erneuerbare Energie und hatte ein Problem: An den verschiedenen Standorten gab es immer wieder technische Ausfälle, und wenn Energie verloren ging, fehlte oft der Überblick über die Ursachen. Schuld war ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Softwarelösungen und Versionen, der über Standorte und Abteilungen gewachsen war. Unternehmensweite Auswertungen? Kaum möglich, weil die Daten nicht zusammenliefen.

Heute arbeitet Innergex mit einer skalierbaren Datenarchitektur, die den gesamten Lebenszyklus abbildet und KI-gestützte Analysen ermöglicht. Alle Teams – egal ob im Maschinenraum vor Ort oder in der Zentrale – greifen auf dieselben Daten zu. Turbinenprobleme lassen sich jetzt sowohl lokal als auch aus der Ferne beheben. Das Ergebnis: Die Verfügbarkeit der Turbinen ist von 93,5 auf 99,5 Prozent gestiegen. Die dadurch gewonnene Energie geht direkt ins Netz, mittlerweile versorgt Innergex über eine Million Haushalte mit sauberem Strom.

Auch an der Schnittstelle zwischen Erzeugern und Verbrauchern bringen vernetzte Systeme Vorteile: mehr Stabilität im Netz und ein höherer Anteil erneuerbarer Energien. Wenn Automatisierung und Zusammenarbeit im gesamten Ökosystem Hand in Hand gehen, können Erzeuger Prognosen erstellen und Gebote abgeben, Lasten werden umverteilt und digitale Stromanbieter motivieren Kunden dazu, ihren Verbrauch zeitlich zu verschieben. Damit das funktioniert, braucht es allerdings ein sauberes Änderungsmanagement: gemeinsame Datenstandards, offene Schnittstellen und Betriebsmodelle, die über Abteilungsgrenzen hinweg funktionieren.

Wie Plattformarchitekturen intermittierende erneuerbare Energien in verlässliche Kapazitäten verwandeln, belegt Silicon Valley Clean Energy (SVCE) mit seinem Engineering-Partner ZGlobal. Mehrere Organisationen brauchten regelmäßig Zugriff auf Datensätze des Stromproduzenten SVCE. Die bisherigen Methoden waren umständlich, dauerten zu lange oder warfen Fragen zur Datensicherheit auf. Die Beteiligten wollten deshalb den Datenaustausch über eine Cloud-Plattform vereinfachen. Mit der Plattform CONNECT verknüpften sie schließlich Echtzeit- und historische Daten von Erzeugern, Disponenten und Verteilern. Das Ergebnis: mehr Transparenz, bessere Zusammenarbeit, größeres Vertrauen und dank der Auswertung der gesammelten Daten mehrere tausend Dollar weniger Stromkosten.

Intelligente Steuerung: Wenn Netze eigenständig entscheiden

Auf solchen Datenplattformen lässt sich die nächste Stufe aufbauen: agentische KI, also KI-Systeme, die nicht nur Entscheidungen vorbereiten, sondern innerhalb festgelegter Grenzen selbstständig und in Echtzeit handeln. Ihr Vorteil liegt in der Geschwindigkeit: Sie analysieren und steuern blitzschnell mehrere Variablen gleichzeitig. Möglich wird das, indem Energieversorger Edge-Inferenz für zeitkritische Entscheidungen vor Ort mit zentralen digitalen Zwillingen kombinieren, die im Hintergrund kontinuierlich dazulernen und Szenarien durchspielen. Lokale Versorgungssicherheit und die Teilnahme an überregionalen Energiemärkten lassen sich so miteinander verbinden.

Der wirtschaftliche Nutzen geht dabei weit über eingesparte Brennstoffkosten oder weniger Ausfälle hinaus. Gebündelte Ressourcen können fast in Echtzeit Kapazitäts-, Ausgleichs- und Flexibilitätsdienste anbieten und damit neue Einnahmequellen schaffen. ENEL hat das bereits umgesetzt: KI-gestützte Optimierungen in der Kraftwerksflotte verhinderten Verluste von 47 Millionen Euro und sparten rund 4.800 t CO2 ein, indem die Geothermie-Anlagen effizienter genutzt wurden.

Auch auf der Nachfrageseite verändert KI die Prozesse grundlegend. Netzanschlussanfragen, bisher ein aufwändiger manueller Vorgang, lassen sich mit KI-Systemen automatisieren und in Echtzeit bearbeiten. Das beschleunigt den Netzausbau und entlastet die Netzbetreiber – ein Punkt, der für Verwaltung und Regulierung immer wichtiger wird.

Automatisierung braucht Kontrolle

So viel Automatisierung braucht Kontrolle. Autonome Systeme müssen erklärbar sein, Fallback-Modi vorsehen und etablierte IT-Sicherheitsstandards wie die CIS-Kontrollen einhalten, damit ihre Entscheidungen sicher und nachvollziehbar bleiben. Ebenso bleibt menschliche Expertise von zentraler Bedeutung, um die Vorteile von KI zu maximieren. So wie Ingenieure einst die Elektrifizierung vorantrieben, sind es heute die Teams in den Leitwarten und Rechenzentren der Versorger: Sie überwachen KI-Systeme, treffen kritische Entscheidungen und gewährleisten die Netzsicherheit.

Eine weitere Herausforderung ist das eingangs erwähnte Rechenparadoxon: Der Energiebedarf der KI-Infrastruktur selbst wächst mit jeder neuen Anwendung. Versorger können dem mit einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie begegnen, indem sie das Rechenwachstum an die Beschaffung erneuerbarer Energien koppeln, eine CO2-bewusste Einsatzplanung einführen, Edge-Inferenz priorisieren und die Wärmerückgewinnung nutzen, soweit es die Vorschriften zulassen.

Netzintelligenz als strategischer Erfolgsfaktor

Führungskräfte erkennen zunehmend: Intelligente Netze sind keine technische Spielerei, sondern strategische Infrastruktur – und die braucht einen klaren Plan. Sinnvoll ist der Start mit einem umfassenden Pilotprojekt, das alle wichtigen Bausteine verbindet: Sensorik, Interoperabilität, digitale Zwillinge, Edge-Inferenz und die Anbindung an den Markt. Im nächsten Schritt folgt die CO2-Bilanzierung, um zu erfassen, wie viele Megawattstunden aus erneuerbaren Energien wiedergewonnen werden, die zuvor abgeregelt werden mussten. Danach kommen Erklärbarkeit und die nötigen Cybersecurity-Maßnahmen dazu. So löst sich auf, was zunächst widersprüchlich klingt: Das eigentliche Problem ist nicht, dass Rechenzentren mehr Strom brauchen – sondern dass dem Energiesystem die nötige Intelligenz fehlt.

Der entscheidende Hebel für die Energiewende ist deshalb nicht der Einsatz einzelner KI-Tools, sondern der Aufbau einer durchgängigen Plattform für Daten und Entscheidungen. Erst wenn Informationen über Stromerzeugung, Netzbetrieb und Verbrauch zusammenlaufen, lassen sich steigende Nachfrage, Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung gleichzeitig bewältigen.

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  • Überlastete Stromnetze brauchen mehr als zusätzlichen Ausbau: Vernetzte Daten, digitale Zwillinge und KI-gestützte Analysen schaffen Transparenz und ermöglichen eine vorausschauende, flexible Netzsteuerung.

    Überlastete Stromnetze brauchen mehr als zusätzlichen Ausbau: Vernetzte Daten, digitale Zwillinge und KI-gestützte Analysen schaffen Transparenz und ermöglichen eine vorausschauende, flexible Netzsteuerung.

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  • Robert Langbein, Sales Director CEE bei Aveva.

    Robert Langbein, Sales Director CEE bei Aveva.

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