In rund 178 großen deutschen Fernwärmenetzen fallen erhebliche Mengen an Industrieabwärme an. Die erfasste Wärmemenge entspricht rechnerisch 30,4 Prozent ihres gemeinsamen jährlichen Wärmebedarfs, das geht aus einer neuen Analyse im Danfoss Impact Paper „Waste Heat“ hervor. Diese Größenordnung ist auch mit Blick auf die ab 2030 geltenden gesetzlichen Anforderungen relevant. Dann muss jedes Wärmenetz mindestens 30 Prozent seiner jährlichen Nettowärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien, unvermeidbarer Abwärme oder einer Kombination aus beiden beziehen. Die Analyse belegt zwar nicht, dass die untersuchten Netze diese Vorgabe mithilfe der erfassten Abwärme erfüllen können. Sie zeigt jedoch, an welchen Standorten Industrieabwärme einen Beitrag leisten könnte und eine genauere technische und wirtschaftliche Prüfung lohnenswert wäre.
Für die Analyse wurden 178 Fernwärmenetze in allen 16 Bundesländern ausgewertet. Sie versorgen zusammen rund 4,6 Millionen Haushalte. Berücksichtigt wurden registrierte industrielle Abwärmequellen in höchstens einem Kilometer Entfernung. Die dort erfasste Wärmemenge entspricht 30,4 Prozent des gemeinsamen jährlichen Wärmebedarfs der untersuchten Netze.
Ungenutzter Wärme im Netz
„Deutschland hat mit seinem Abwärmeregister die nötige Transparenz geschaffen. Unsere Analyse zeigt, dass rund um große Wärmenetze erhebliche Mengen ungenutzter Wärme anfallen. Sie könnten einen wichtigen Beitrag zu den Vorgaben für 2030 leisten“, sagt Andrea Voigt, Vizepräsidentin für Public & Industry Affairs und ESG bei Danfoss Climate Solutions. „Jetzt müssen aus diesen Erkenntnissen konkrete Projekte werden. Wer bereits erzeugte Wärme weiterverwendet, verringert die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und stärkt zugleich die Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.“
Die Abwärme aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen wurde nicht berücksichtigt. Auch die Abwärme von Rechenzentren ist in den verwendeten Registerdaten bislang nicht vollständig erfasst. In Deutschland gibt es mehr als 3.000 Rechenzentren – mehr als in jedem anderen europäischen Land. Wäre ihre Abwärme vollständig erfasst, wäre ihr Anteil vermutlich höher.
Bereits erzeugt und bezahlt – aber ungenutzt!
Nahezu zwei Drittel der weltweit eingesetzten Energie gehen in Form von Wärme verloren. Abwärme fällt unter anderem in Fabriken, Rechenzentren, Supermärkten und Kläranlagen an. Diese Energie wurde bereits erzeugt und bezahlt. Ihre Wiederverwendung kann Energiekosten und CO2-Emissionen senken, fossile Brennstoffe ersetzen und die Energieversorgung weniger anfällig für Lieferengpässe und Preissprünge machen. In Deutschland liegt mehr als ein Fünftel des europäischen Potenzials zur Rückgewinnung industrieller Abwärme. Das Danfoss Impact Paper „Waste Heat“ zeigt drei Möglichkeiten, diese Wärme zu nutzen:
Direkt am Entstehungsort: Unternehmen können die Abwärme im eigenen Betrieb für Warmwasser, Raumwärme oder andere Produktionsschritte nutzen. In einer Brauerei lässt sich beispielsweise die beim Kühlen entstehende Wärme für Reinigungsprozesse oder die Produktion verwenden.
In benachbarten Gebäuden und Betrieben: Wenn die Wärme im eigenen Betrieb nicht vollständig benötigt wird, kann sie in benachbarten Betrieben oder Gebäuden genutzt werden. So kann etwa die Abwärme eines Rechenzentrums über einen lokalen Energieverbund für Gewerbe-, Wohn- oder Pflegegebäude genutzt werden.
Über ein Wärmenetz: Liegen Wärmequelle und Netz nah beieinander und passen Temperatur und Infrastruktur, kann Abwärme einen Teil der bislang mit fossilen Energieträgern erzeugten Wärme ersetzen. Reicht die Temperatur nicht aus, können Wärmepumpen die Abwärme auf das benötigte Niveau bringen.
Öffentliche Daten als Ausgangspunkt für konkrete Projekte
Für die Analyse glich Danfoss die im öffentlichen Abwärmeregister verzeichneten Standorte und Wärmemengen mit der Lage und dem Bedarf von 178 Fernwärmenetzen ab. Jedes dieser Netze versorgt dabei mindestens 5.000 Haushalte. Berücksichtigt wurden registrierte industrielle Abwärmequellen in höchstens einem Kilometer Entfernung. So wird sichtbar, wo größere Abwärmemengen in unmittelbarer Nähe eines entsprechenden Wärmebedarfs anfallen. Damit lassen sich Standorte ermitteln, an denen sich eine genauere technische und wirtschaftliche Prüfung lohnt.
Die 30,4 Prozent stellen keine Prognose für die tatsächlich nutzbare Abwärmemenge dar. Sie bezeichnen ein theoretisches räumliches Potenzial. Für jeden Standort muss einzeln geprüft werden, wie viel der Wärme technisch und wirtschaftlich genutzt werden kann. Das öffentliche Register liefert dafür konkrete Ansatzpunkte.
Abwärme für Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit nutzen
„Aktuelle und vollständige Daten sind eine wichtige Voraussetzung für Investitionen. Ebenso wichtig sind verlässliche Rahmenbedingungen für Wärmerückgewinnung, Wärmepumpen sowie Leitungen und Anlagen, die die Wärme zu den Abnehmern bringen. Abwärme sollte deshalb von Anfang an in die Planung neuer Anlagen und Standorte einfließen“, so Andrea Voigt. „Auch bei der kommunalen Wärmeplanung und der Entwicklung von Industrie- und Energiestandorten muss sie systematisch mitgedacht werden.“