Dr. Irene Bader, DMG Mori

Technologie, Markt, Mensch: Fundament starker Standorte

Dr. Irene Bader ist Vorstandsmitglied der DMG MORI Co., Ltd., einem weltweit führenden Hersteller von Werkzeugmaschinen mit mehr als 13.500 Mitarbeitenden. In ihrer globalen Verantwortung für Human Resources und Corporate Communication prägt sie die strategische Weiterentwicklung des globalen Personalmanagements sowie die weltweite Ausrichtung der internen und externen Unternehmenskommunikation. Darüber hinaus ist sie Geschäftsführerin der DMG MORI EMEA Holding mit Sitz in München. In dieser Funktion verantwortet sie die strategische Ausrichtung des Unternehmens in Europa, steuert operative Prozesse und identifiziert Marktpotenziale in der Fertigungsindustrie. Seit 2016 vertritt sie den Hauptaktionär DMG MORI Co., Ltd. im Aufsichtsrat der DMG MORI AG.

Bild: Florian Generotzky / DMG Mori
15.10.2026

Veränderungen verlaufen längst nicht mehr linear. Umbrüche in Wirtschaft, Technologie und Geopolitik geschehen gleichzeitig. Um Industriestandorte nachhaltig zu sichern, dürfen wir diese Bewegungen nicht isoliert betrachten, sondern müssen ihnen eine klare, gemeinsame Richtung geben.

Alles ist in Bewegung. Wenn wir über die Zukunft der Industrie sprechen, erleben wir eine Zeit, in der Wandel nicht mehr schrittweise verläuft. Wir stehen vor tiefgreifenden Umbrüchen, die sich parallel in Wirtschaft, Technologie und Geopolitik vollziehen. Wer in dieser Dynamik erfolgreich bleiben will, darf diese Entwicklungen nicht isoliert betrachten: Wir müssen ihnen eine gemeinsame Richtung geben. Das Fundament starker Industriestandorte ruht auf drei Säulen: Technologie, Markt und Mensch. Bringen wir sie gezielt zusammen, sichern wir langfristig unsere industrielle Wertschöpfung.

Als Europäerin und Vorständin eines globalen, an der Börse in Tokio notierten Unternehmens erlebe ich täglich international geprägte Standortdiskussionen. Während hierzulande oft über Deindustrialisierung gesprochen wird, zeigt der Blick von außen ein anderes Bild. Aus Japan etwa blickt man mit großem Respekt auf unsere Verlässlichkeit, die hohe Fertigungsqualität und unsere Fähigkeit, gemeinsam Spitzentechnologie entstehen zu lassen. Diese Stärken müssen wir uns wieder bewusster machen und als Fundament für zukunftsorientierte Entscheidungen nutzen.

Ein zentraler Ansatzpunkt ist der Werkzeugmaschinenbau als Basis jeglicher industrieller Wertschöpfung. Unsere Branchenstrukturen haben sich stark gewandelt: Belieferten wir früher primär den klassischen Automobilbau, bedienen wir heute hochrelevante Zukunftsfelder – von Luft- und Raumfahrt über Medizintechnik und moderne Mobilität bis hin zu Energieinfrastruktur (etwa für Rechenzentren) und Verteidigung. Werkzeugmaschinen sind der entscheidende Hebel für Produktivität und Qualität. Entwickeln wir unsere Systeme so, dass Kunden nachhaltiger und effektiver fertigen, stärkt das die gesamte Wertschöpfungskette.

Automatisierung, Robotik und Digitalisierung sind längst Alltag: Über 40 Prozent unserer Werkzeugmaschinen verkaufen wir automatisiert; gleichzeitig sind mehr als 60 Prozent unserer Kunden weltweit kleine und mittelständische Unternehmen. Auch künstliche Intelligenz (KI) ist ein konkreter Produktivitätsmotor. Es gilt, KI jetzt in unsere Arbeitsprozesse zu integrieren und Mensch wie Technik darauf vorzubereiten.

In einer fragmentierten Welt gewinnen strategische Allianzen immens an Bedeutung. Wir erleben ein Spannungsfeld aus global vernetzten Lieferketten und restriktiven politischen Rahmenbedingungen. Für Resilienz reichen internationale Netzwerke allein jedoch nicht aus: Wir müssen eng mit Kunden und Partnern vor Ort innovieren. Ein starkes Signal ist das Strategic Partnership Agreement (SPA) zwischen der EU und Japan, das auf offene Märkte, regelbasierten Handel und gemeinsame Forschung setzt. Partnerschaften eröffnen Zugänge zu Märkten und Talenten. Gleichzeitig müssen wir eigene Schlüsseltechnologien weiterentwickeln. Laut BDI bietet das Potenzial von Robotik und KI in Kerntechnologien allein in Deutschland 250 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung.

Damit wird das Qualitätsversprechen „Made in Germany“ zum Zukunftsversprechen. Zwei Säulen tragen diesen Wandel: Erstens bleibt der Mensch das Herzstück der Industrie. Trotz Automatisierung bleiben Urteilskraft, Kreativität und Empathie unersetzlich. Da sich bis 2030 rund 39 Prozent der Kernkompetenzen verändern werden, müssen wir heute massiv in Aus- und Weiterbildung investieren. Zweitens müssen wir europäisch denken und handeln. Europa ist der größte Binnenmarkt der Welt; im deutschen Maschinenbau stammen 69 Prozent der verbauten Komponenten aus dem Inland und 19 Prozent aus dem EU-Ausland. Wir verfügen über eine enorme Innovationskraft.

Nicht eine einzelne Komponente entscheidet über unsere Wettbewerbsfähigkeit, sondern das geschickte Zusammenspiel von Technologie, Markt und Mensch. Wir dürfen wieder den Mut haben, an eine starke industrielle Zukunft in Deutschland und Europa zu glauben.

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