Mattia Nelles, Deutsch-Ukrainisches Büro

„No Ukraine, no relevance“: Europas Rüstungsmärkte

Mattia Nelles ist Mitbegründer des Deutsch-Ukrainischen Büros (DUB), einer Beratung für die deutsch-ukrainischen Beziehungen. Zuvor war er außenpolitischer Berater eines Bundestagsabgeordneten und arbeitete für die GIZ in der kommunalen Entwicklung der Ostukraine. Bis 2020 leitete er das Ukraine-Programm am Zentrum Liberale Moderne in Berlin. Nelles hat mehrere Jahre in der Ukraine gelebt und gearbeitet und einen Master in Politikwissenschaft von der Freien Universität Berlin.

05.11.2026

Die Ukraine ist nicht nur Absatzmarkt, sondern Entwicklungsabteilung für Europas Wehrtechnik. Wer dort nicht testet, iteriert und mit Anwendern entwickelt, verliert den Anschluss an die Sicherheits- und Rüstungsmärkte der Zukunft.

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Wenn ich vor Vertretern der deutschen und europäischen Rüstungsindustrie stehe, stelle ich oft eine essenzielle Frage: Welches Ihrer Defence-Produkte ist heute wirklich „battle-proven“? Die Antwort führt uns zur zentralen These, die unsere Arbeit im Deutsch-Ukrainischen Büro prägt: Die Ukraine ist nicht einfach nur Ihr Markt, sondern Ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Wer das versteht, baut die Produkte für Europas Sicherheitsordnung nach 2030; wer es ignoriert, entwickelt für die Bedrohungsszenarien der Vergangenheit.

Die Ukraine ist der Realitätscheck für europäische Wehrtechnik. Lage und Kriegsführung haben sich fundamental gewandelt. Militärisch steht die Ukraine heute robuster da als vor einigen Jahren; das zeigt sich an ihrer innovativen Waffenproduktion. Rund 90 Prozent der eingesetzten unbemannten Systeme stammen aus souveräner ukrainischer Produktion. Zugleich wächst die graue Zone: Aufklärungsdrohnen operieren bis zu 40 Kilometer tief, 25 bis 30 Kilometer hinter der Nulllinie liegt eine Killzone für FPV-Drohnen, in der jedes sichtbare Fahrzeug ein Ziel ist.

Im April 2026 gab es ein Novum: Der erste Angriff auf eine russische Stellung erfolgte ausschließlich durch unbemannte Flugdrohnen und bodengestützte Systeme (UGVs) – ohne Infanterie und gefallene ukrainische Soldaten. Dass bis Ende dieses Jahres bereits 30 Prozent der klassischen Infanterieaufgaben an der Front durch UGVs ersetzt werden sollen, ist inzwischen Doktrin und nicht bloße Forschung. Wer Hardware für diese neue Geometrie des Krieges baut, muss seine Annahmen drastisch überprüfen.

Die ukrainische Realität demaskiert überkommene Prozesse. Dort läuft der schnellste Forschungs- und Entwicklungszyklus der Welt an einer tausend Kilometer langen Front. Die ukrainische Industrie plant für dieses Jahr sieben Millionen Drohnen und könnte bei entsprechendem Kapital bis zu 20 Millionen herstellen. Was in Munster sechs Jahre bis zur NATO-Zertifizierung unter kontrollierten Bedingungen braucht, läuft in der Ukraine in Iterationszyklen von zwei bis sechs Wochen. „Battle-proven“ bedeutet deshalb, die elektronische Kriegsführung eines lernenden, sich anpassenden russischen Gegners zu überleben und das Produkt in wöchentlichen Updates gemeinsam mit der Anwenderbrigade weiterzuentwickeln.

Für die deutsche und europäische Industrie ist Präsenz vor Ort daher keine PR-Maßnahme, sondern eine Überlebensfrage. Fünf Komponenten sind zwingend: eigenes Personal und Liaison-Funktionen in Kyjiw, lokale Service- und Reparaturstrukturen, ohne die ein Produkt im ersten Quartal des Einsatzes stirbt, wöchentliche R&D-Iterationen mit Nutzerfeedback, echte Industrie-Joint-Ventures auf Augenhöhe sowie Co-Development mit den Einheiten an der Front. Wir müssen für den Nutzer bauen, nicht für den Käufer.

Wer abwartet, baut eine Iterationslücke von mindestens 24 Monaten auf – so lange dauert der Weg von der Markterkenntnis bis zur Serienproduktion. Die ukrainische Industrie benötigt dafür nur acht Wochen. Drei Pfade führen in ihr Ökosystem: direkte industrielle Joint Ventures mit ukrainischen Herstellern in Koproduktion, wie bei Quantum Systems oder Wingcopter; Regierungsplattformen wie der Beschleuniger BRAVE1 mit Zugang zu Beschaffungssystem und Piloteinheiten; sowie die ukrainische Zivilgesellschaft, etwa der Dignitas Fund oder die Prytula Foundation, mit Markt-Know-how, Test-Infrastrukturen und militärischen Netzwerken.

Der Aufwand lohnt sich: In der Ukraine entscheidet sich jetzt, wer die drei zentralen Rüstungsmärkte der Zukunft dominiert. Die nächste Generation europäischer Capability-Targets wird dort geschrieben; was hier nicht performt, kauft künftig kein EU-Beschaffer mehr. „Battle-proven in Ukraine“ ist ein Gütesiegel für den globalen Export in den Indo-Pazifik oder nach Afrika. Unternehmen, die heute militärische Strukturen mit aufbauen, positionieren sich zudem für den beispiellosen Re-Industrialisierungs- und Wiederaufbaumarkt der 2030er Jahre. No Ukraine, no relevance – das ist keine leere Phrase, sondern harte Währung der neuen Sicherheitsarchitektur. Wir müssen die Ukraine als zentrales R&D-Department begreifen, damit Europas Wehrtechnik den Anforderungen eines hochdynamischen, technologisch dominierten Gefechtsfeldes gewachsen bleibt.

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