Der Haushaltsentwurf des Bundes sieht für das Jahr 2027 knapp 140 Milliarden Euro für die Verteidigung vor, davon etwa 110 Milliarden Euro im regulären Wehretat und weitere 30 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen der Bundeswehr. Parallel dazu hat das Verteidigungsministerium im Mai eine Reformagenda vorgestellt. Damit soll das Beschaffungsamt dem stark gestiegenen Auftragsvolumen gerecht werden und künftig mehr Kenntnis und Kontrolle über Lieferanten und Lieferketten erlangen. Dadurch eröffnen sich für mittelständische Zulieferer neue Marktchancen, zumal kleine und mittlere Unternehmen nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums bereits rund 39 Prozent der Wertschöpfung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie erbringen.
Bislang profitieren viele dieser Betriebe allerdings nur mittelbar, indem sie größere Systemhäuser beliefern. Denn große Beschaffungsprogramme laufen über wenige dieser Unternehmen, die auf bestehende, zertifizierte Lieferketten zurückgreifen. Der Zugang zu diesen Lieferketten ist jedoch an strenge Voraussetzungen geknüpft. Sowohl im Luft- und Raumfahrtsektor als auch in der Wehrtechnik ist ein technisch einwandfreies Bauteil für den Kunden wertlos, solange sich seine Entstehung nicht lückenlos belegen lässt. Engpassfaktor ist somit weniger die Fertigung selbst als vielmehr die Nachweisführung über Jahrzehnte.
Der Marktzugang folgt eigenen Regeln
Wer Komponenten für Programme der Luft- und Raumfahrt oder der Verteidigung fertigen will, kommt mit einem ISO-9001-Zertifikat selten weit. Die Branchennorm EN 9100, die inhaltlich mit der amerikanischen AS 9100 und der japanischen JIS Q 9100 übereinstimmt, ergänzt die allgemeine Qualitätsmanagementnorm ISO 9001 um Anforderungen an das Risiko- und Konfigurationsmanagement, die lückenlose Rückverfolgbarkeit sowie den Schutz vor gefälschten Bauteilen. Hersteller und Systemhäuser setzen bei Zulieferern, die Komponenten für die Luft- und Raumfahrt fertigen oder bearbeiten, in der Regel eine entsprechende Zertifizierung voraus. Im militärischen Umfeld kommen die Qualitätsvorgaben der NATO (AQAP) hinzu, in der Luftfahrt für Spezialprozesse wie Wärmebehandlung oder Schweißen häufig auch eine NADCAP-Akkreditierung.
Ungewohnt ist für Umsteiger aus der Automobilindustrie auch der Takt. Während dort in Millionenstückzahlen produziert wird, prägen Kleinserien, hohe Zusatzaufwände und langwierige Vergabeprozesse das Geschäft in der Verteidigungsindustrie. Verteidigungsprogramme folgen zudem einer anderen Steuerungslogik als das Seriengeschäft. Verträge mit Meilensteinen, gestaffelten Lieferlosen und Abnahmen über viele Jahre lassen sich nur beherrschen, wenn Kosten und Fortschritt laufend gegen den Plan gemessen werden – etwa über Projektstrukturpläne und Earned Value Management. Weil die Exportkontrolle auch Technologie erfasst, kann bereits der Zugriff einer ausländischen Tochtergesellschaft auf Baupläne oder Fertigungsunterlagen im firmeneigenen Intranet als Ausfuhr gelten, die bei Rüstungs- oder Dual-Use-Technologie eine Genehmigung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) erfordert.
Jedes Bauteil hat eine Geschichte
In diesem Umfeld bedeutet Rückverfolgbarkeit weit mehr als eine Chargennummer auf dem Lieferschein. Die EN 9100 schreibt eine lückenlose Rückverfolgbarkeit über die gesamte Zulieferkette und den kompletten Lebenszyklus vor. Für jedes kritische Bauteil muss die gesamte Fertigungshistorie nachvollziehbar sein. Dazu gehören das Werkstoffzeugnis gemäß EN 10204 sowie die Prozessdaten der CNC-Bearbeitung einschließlich der eingesetzten Maschinen und Werkzeuge. Hinzu kommen Angaben zu Temperaturen und Verweilzeiten beim Härten oder Beschichten, Messprotokolle der Qualitätsprüfung und die Freigabe durch einen zertifizierten Prüfer. Die eindeutige Zuordnung sämtlicher Nachweise erfolgt über eine Serien- oder Chargennummer, die häufig als Data-Matrix-Code direkt auf das Bauteil gelasert wird. Bei Toleranzen im Mikrometerbereich müssen sogar die Hallentemperatur und die Luftfeuchtigkeit während der Messung dokumentiert werden. Diese Dokumentation ist über die gesamte Einsatzdauer des Systems hinweg rechtssicher aufzubewahren.
Im Ernstfall entscheidet die Datenlage
Die hohe Relevanz dieser lückenlosen Dokumentation zeigt sich spätestens im Schadensfall. Wenn ein Bauteil ausfällt, muss der Hersteller kurzfristig offenlegen können, welche Rohstoffe, Werkzeuge und Prozessparameter bei dessen Fertigung verwendet wurden. Anhand dieser Informationen lässt sich die Fehlerursache beispielsweise auf eine einzelne Schmelze eingrenzen, deren Material zu einem dokumentierten Zeitpunkt auf einer eindeutig zugeordneten Anlage gehärtet wurde. Statt Hunderter Systeme müssen dann möglicherweise nur wenige Einheiten ausgetauscht werden. Ist die Rückverfolgbarkeit hingegen nicht lückenlos gewährleistet, können im schlimmsten Fall ein Flugverbot oder der Rückruf einer ganzen Systemgeneration erforderlich werden. Eine solche Rückverfolgung ist mit Papierlaufkarten und Insellösungen kaum zu leisten. Messgeräte, Maschinensteuerungen, Qualitätsmanagement und ERP müssen dafür ihre Daten automatisch austauschen.
Lieferketten unter verschärfter Kontrolle
Zusätzlicher Druck entsteht durch die Reformagenda des Verteidigungsministeriums, die neben einer strengeren Kontrolle der Lieferketten auch eine intensivere Marktbeobachtung und Preiskontrolle vorsieht. Zulieferer dürften deshalb Produktionskapazitäten, Materialherkunft und die Absicherung ihrer Lieferketten offener darlegen müssen, bis hin zur Frage, ob kritische Bauteile über die gesamte Programmlaufzeit verfügbar oder ersetzbar bleiben. ERP-Branchenlösungen wie die von Proalpha für Aerospace & Defence bündeln deshalb Programmsteuerung, Konfigurations- und Änderungsmanagement, Exportkontrolle sowie Serien- und Chargenrückverfolgbarkeit auf einer gemeinsamen Datenbasis.
Die KI kommt nach der Datenkette
Der digitale Ehrgeiz der Branche ist groß, ihr Reifegrad hält allerdings nicht Schritt. Eine Befragung von BearingPoint unter 151 Führungskräften aus Industrie und öffentlichen Verteidigungsorganisationen in sechs europäischen Ländern offenbart eine deutliche Diskrepanz. Unter den 101 befragten Personen aus der Industrie erwarten 60 bis 70 Prozent bis 2028 erhebliche Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Geschäft. Gleichzeitig schätzen nur 20 bis 30 Prozent ihren eigenen digitalen Reifegrad als fortgeschritten ein. Wo genau es hakt, zeigen die Zahlen für Deutschland. Nur zehn Prozent der befragten Unternehmen verfügen über eine vollständig integrierte Datenarchitektur; 38 Prozent arbeiten hingegen bis heute mit fragmentierten Systemlandschaften. Wer KI-Projekte angeht, bevor eine hohe Qualität der Eingangsdaten sichergestellt ist, riskiert vor allem, deren Fehler zu vervielfachen.
Ist die erforderliche Datenqualität dagegen sichergestellt, eröffnen sich konkrete Anwendungsmöglichkeiten. Mithilfe von Obsoleszenzprognosen lassen sich elektronische Komponenten identifizieren, die im Verlauf eines jahrzehntelangen Programms vom Markt zu verschwinden drohen – lange bevor der Auftraggeber nach Ersatz fragt. Terminrisikoprognosen wiederum zeigen frühzeitig, bei welchen Arbeitspaketen und Lieferlosen Verzögerungen drohen, und ergänzen damit die laufende Überwachung von Kosten und Projektfortschritt.
Nachweisfähigkeit wird zum Wettbewerbsvorteil
Der Hochlauf der Verteidigungsindustrie dürfte kaum am Geld scheitern. Vielmehr ist entscheidend, wie schnell Zulieferer die geforderten Nachweise erbringen können. Wer die Zertifizierungs- und Rückverfolgbarkeitsanforderungen lediglich formal erfüllt, gerät spätestens bei Audits oder im Schadensfall unter Druck. Unternehmen, die die Anforderungen hingegen zum Anlass nehmen, Datensilos aufzubrechen und Fertigung, Qualitätsmanagement und Unternehmenssoftware durchgängig zu verknüpfen, sind in der Lage, das zu liefern, was Systemhäuser und das Beschaffungsamt verlangen. Erst auf dieser Grundlage kann auch KI ihr Potenzial entfalten.