Unternehmen, die treibhausgasneutral werden wollen, brauchen dafür eine langfristige Strategie, welche die gesamte Wertschöpfungskette einbezieht. Den normativen Rahmen dafür setzt die neue internationale Norm ISO 14068-1. TÜV Süd stellt die wichtigsten Punkte vor und erläutert außerdem, was es zu beachten gilt, um auf die vorgeschriebene Verifizierung von Aussagen zur Treibhausgasneutralität am besten vorbereitet zu sein.
Strengere Net‑Zero‑Vorgaben und neue Transparenzregeln
Vom sogenannten Net-Zero – also so viel Treibhausgase (THG) aus der Atmosphäre zu entfernen wie produziert werden – ist die Mehrheit der produzierenden Unternehmen noch weit entfernt. Mit dem Green Deal verfolgt die Europäische Union das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden. Der Green Deal fördert den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft, welche die Umwelt schützt und den Ressourcenverbrauch reduziert.
Viele Unternehmen, die sich THG-Neutralität zum Ziel setzen, haben sich bisher eher auf Kompensation fokussiert, anstatt tatsächlich ihre THG-Emissionen zu senken. Eine kontinuierliche Verbesserung hin zu einer nachhaltigeren, energie- und ressourceneffizienten, Produktion fand dabei allerdings nicht systematisch statt.
Nach der Aufhebung der PAS 2060 mit Wirkung 1. Januar 2025 und der Veröffentlichung der internationalen Norm ISO 14068-1, gibt es strengere Anforderungen, die systematisch und unter einer langfristigen Perspektive zu erfüllen sind. Die ISO 14068-1 orientiert sich stärker am 1,5-°C-Ziel, priorisiert ganz klar die Reduktion von Emissionen vor der Kompensation und verbessert die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Nachweise. Durch die weltweit gültige Standardisierung werden wichtige Begriffe und Methodologien vereinheitlicht, und die Pflicht einer Verifizierung wird eingeführt, was Aussagen vergleichbarer und vertrauenswürdiger macht.
Die Norm betrachtet die gesamte Wertschöpfungskette und gibt Unternehmen gleichzeitig einheitliche Instrumente an die Hand, um THG-Neutralität zu erreichen.
Verbindliche und nachweisbare Strategie
Kern der Norm ist ein Carbon Neutrality Management Plan (CNMP), der Ziele, Maßnahmen und Nachweisführung systematisch bündelt. Mit diesem Plan müssen Unternehmen nachweisen, dass sie alles technisch und finanziell Mögliche betrachten und planen, um Emissionen in Ihrer Kontrolle zu vermeiden beziehungsweise zu senken. Dazu müssen sie konkrete mittel- und langfristige Ziele definieren und entsprechende, wirtschaftlich und technisch sinnvolle Reduktionsmaßnahmen benennen, mit denen sie diese Ziele innerhalb eines verbindlichen Zeitrahmens erreichen wollen.
Doch nicht nur ein CNMP ist erforderlich. Die neue Norm spricht eher von einem umfassenden Rahmenwerk als von einem einzelnen Plan. Dieses umfasst auch unter anderem ein formelles Commitment der Unternehmensleitung zur Erreichung von Net‑Zero, eine dokumentierte und normkonforme Quantifizierung der Emissionen, eine transparente Darstellung der in jeder Berichterstattungsperiode angewendeten Kompensationsmaßnahmen sowie eine vollständige Berichterstattung, die vor der Veröffentlichung eines Claims zwingend vorliegen muss.
In der ersten Berichterstattungsperiode dürfen unverminderte und unvermeidbare THG-Emissionen dann noch mittels CO2-Zertifikate kompensiert werden. Mit der Zeit sollen diese Emissionen jedoch durch die Umsetzung des CNMP schrittweise verringert werden, sodass am Ende nur noch tatsächlich unvermeidbare Restemissionen kompensiert werden müssen. Es muss daher eine kontinuierliche Verbesserung der Emissionsbilanz nachgewiesen werden.
Die Umsetzung des CNMP und die weitere zu dem Rahmenwerk gehörige Dokumentation müssen die Unternehmen unabhängigen Dritten zur Verifizierung vorlegen, zusammen mit weiterer Dokumentation, wenn sie eine Aussage zur THG-Neutralität und Konformität mit der Norm abgeben oder veröffentlichen möchten.
Ein ganzheitlicher Blick lohnt sich
Um materielle Ressourcen oder Energie zu sparen, bieten gerade vor- und nachgelagerte Prozesse großes Potenzial. Das gerät erst durch die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette ins Blickfeld.
Lieferketten können zum Beispiel durch eine umweltfreundlichere Logistik zur Verringerung der THG-Emissionen beitragen. Die Betrachtung von alternativen Rohstoffen und Materialien haben aber meistens ein noch größeres Potenzial die Emissionen zu verringern. Zum Beispiel konnte ein Hersteller von Bodenbelägen seine THG-Emissionen durch eine Anpassung der Verpackungsmaterialien signifikant reduzieren. Dazu analysierte das Unternehmen zuerst den gesamten Lebenszyklus seines Komplettsystems für Bodenbeläge. Dabei fiel auf, dass die bis dahin verwendete Verpackung in Form eines Hartplastikbehälters durch eine Kombination aus Kunststofffolie und Karton ersetzt werden konnte. Dafür waren 85 Prozent weniger Kunststoff nötig, was die THG-Emissionen der Verpackung um 89 Prozent senkte. Außerdem sparte das neue Verpackungskonzept Platz beim Transport, wodurch die Logistik an Effizienz gewonnen hat. Auf die Produktqualität und Handhabung hatte die Einsparmaßnahme derweil keinerlei Einfluss.
Doch nicht in jedem Fall sind radikale Änderungen bei den eingesetzten Rohstoffen erforderlich, um vorgelagerte Emissionen zu reduzieren. Bereits eine korrekte und transparente Erfassung der Emissionsdaten der Lieferanten auf Basis realer, belastbarer Daten kann eine wesentliche Verbesserung darstellen – insbesondere dann, wenn die Lieferanten selbst Verantwortung für ihre Umweltwirkungen übernehmen und bereits eigene Reduktionsmaßnahmen initiiert haben. Lieferantenaudits helfen in diesem Fall, die vorgelagerte Wertschöpfungskette korrekt auf ihre Emissionswerte hin zu bewerten. Darauf aufbauend lassen sich passgenau effizientere Systeme implementieren und die Infrastruktur oder die Logistik anpassen.
Eines bleibt gewiss: Ein kooperativer Ansatz mit Lieferanten und Kunden ist von zentraler Bedeutung, um einen strukturierten Informationsaustausch zu gewährleisten, die Verantwortlichkeiten für Emissionen entlang der Wertschöpfungskette angemessen zuzuordnen und sicherzustellen, dass alle Beteiligten gleichermaßen von den erzielten Emissionsreduktionen profitieren. Denn, wurden Emissionen bereits von anderen Akteuren in der Wertschöpfungskette durch CO2‑Zertifikate kompensiert, und entsprechen diese Zertifikate den Anforderungen der Norm, so ist keine erneute Kompensation erforderlich.
Ein Blick über den Tellerrand kann ebenfalls entscheidende Vorteile bringen: Die Identifizierung wertvoller Nebenprodukte oder prozessbedingter Reststoffe, die Potenzial für internes oder externes Recycling haben, kann zur Verbesserung der eigenen Treibhausgasbilanz beitragen. Gleiches gilt für die Nutzung von Prozessabwärme zur Energieerzeugung oder -rückgewinnung, wodurch zusätzliche Effizienzgewinne realisiert und Emissionen weiter reduziert werden können.
Systematik auch bei der Nachweisführung
Egal, ob sich Unternehmen auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität für eine grundlegende Transformation oder zunächst für Einzelmaßnahmen entscheiden: Beides muss in eine ganzheitliche und langfristige Strategie eingebettet werden. Richtungsweisend sind dabei die Treibhausgasbilanzen. Das Heranziehen externer Expertise kann hilfreich sein und sollte daher schon frühzeitig in die Planung integriert werden.
Sowohl die Treibhausgasbilanz als auch das zugrunde liegende Rahmenwerk (zum Beispiel Commitment, CNMP, Offsetting Strategie, Berichte und so weiter) sowie die daraus abgeleitete Aussage zur Treibhausgasneutralität müssen durch eine neutrale Stelle verifiziert und auf seine Normkonformität überprüft werden. Für Industrieunternehmen ist die Verifizierung nicht nur ein formaler Schritt: Sie schafft Vertrauen bei Geschäftspartnern, sichert die Teilnahme an Ausschreibungen und stärkt die Position in globalen Lieferketten.
Ernsthafte Bestrebungen glaubhaft darlegen
Mit der ISO 14068-1 hat die Industrie einen methodischen Rahmen an der Hand, um THG-Emissionen wirksam zu reduzieren. Die Norm unterstützt beim Erstellen klarer Zielvorgaben und bietet eine Grundlage für Unternehmen, nicht nur die Bemühungen, sondern auch deren Ergebnisse zu belegen. Eine entsprechende Verifizierung von Aussagen zur Treibhausgasneutralität erfüllt nicht nur regulatorische Vorgaben, sondern schafft auch Transparenz und Glaubwürdigkeit. Unternehmen können so das Vertrauen von Stakeholdern, Partnern und Kunden stärken. Unternehmen, die sich bereits in der Vergangenheit regelmäßig nach PAS 2060 verifizieren ließen, sollten diesen Vorsprung nutzen und ihr bestehendes Rahmenwerk sowie ihre Berichterstattung zur Treibhausgasneutralität an die Anforderungen der ISO 14068‑1 anpassen und erneut verifizieren lassen. Eine frühzeitige Umstellung erleichtert es, den steigenden Erwartungen an Transparenz und Glaubwürdigkeit gerecht zu werden.