Die Windenergie ist die wichtigste Energiequelle im deutschen Strommix und über ihren Ausbau wird seit Jahren debattiert. Auch in Baden-Württemberg gibt es kritische Stimmen, doch wie tragfähig sind die Argumente der Windkraftgegner? Die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) hat die Aussagen genauer untersucht. Der große Südwest-Faktencheck zur Windenergie befasst sich unter anderem mit den Themen Infraschall, Klimaschutz und Flächenverbrauch.
Der Anteil der Windenergieanlagen an der gesamten Stromerzeugung in Deutschland lag im Jahr 2025 bei 29 Prozent. Insgesamt drehen sich hierzulande gut 29.000 Windräder. Knapp drei Prozent davon, 820 Anlagen, stehen in Baden-Württemberg. Im Südwesten gibt es jedoch immer wieder laute Kritik, wenn es um neue Windenergieprojekte geht. Die Befürchtungen vieler Bürgerinnen und Bürger erweisen sich bei genauerer Betrachtung jedoch als wissenschaftlich nicht haltbar, wie die Expertinnen und Experten der KEA-BW belegen.
„Wir sollten die Ängste der Menschen ernst nehmen. Wir sollten ihnen aber auch sagen: Werden in ihrer Umgebung Windenergieanlagen errichtet, verschwindet weder der Wald, noch kann man nachts nicht schlafen, noch gibt es nennenswerte gesundheitlichen Einschränkungen“, sagt Prof. Dr. Martina Hofmann, Geschäftsführerin der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg. Sie muss es wissen: In der Nähe ihres Hauses steht seit über acht Jahren einer der größten Windparks Baden-Württembergs. Auch sie habe sich anfangs Sorgen gemacht – völlig umsonst, wie sie heute weiß. Das liegt auch daran, dass die Gesetze und Grenzwerte, die Mensch und Natur schützen, auf Basis wissenschaftlicher Fakten definiert und durchgesetzt werden.
Infraschall ist gesundheitsschädlich?
Menschen hören Schallwellen in der Regel nur in einem Frequenzbereich zwischen 20 und 20.000 Hertz. Schallwellen mit sehr hohen Frequenzen nennt man Ultraschall, die mit sehr niedrigen Frequenzen Infraschall. Die sehr niedrigfrequenten Schallwellen treten etwa bei Meeresbrandung auf oder bei starken Winden und Unwetter. Heizwerke, Kühlschränke und Fahrzeuge emittieren ebenfalls Infraschall – und auch Windenergieanlagen.
Damit Infraschall überhaupt für Menschen wahrnehmbar wird, muss er jedoch besonders laut werden. Von „Hören“ kann man bei Infraschall nicht sprechen. Bei einem 12-Hertz-Ton etwa liegt die Wahrnehmungsschwelle in unmittelbarer Nähe zwischen 83 und 104 dB (je nach Sensibilität der Person). Unterhalb dieser Schwelle kann man nichts wahrnehmen, oberhalb schon. Strenge gesetzliche Vorgaben, das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) und die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) sorgen verlässlich dafür, dass diese Schwelle nicht überschritten wird. Langzeitstudien haben zudem keine Hinweise erbracht, dass Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle negative Effekte auf das gesundheitliche Wohlbefinden hat.
Schattenwurf und Stroboskop-Effekte schaden der Gesundheit?
Windräder erzeugen visuelle Effekte, etwa durch periodischen Schattenwurf, den Stroboskop-Effekt und aufgrund ihrer Lichtsignale für Flugzeuge. Gesundheitlich gelten diese Effekte laut Umweltbundesamt als unbedenklich. Dennoch können sie Anwohner stören. Deshalb greifen schon im Genehmigungsverfahren strenge Vorgaben. Der Schatten darf an Wohnhäusern höchstens 30 Minuten pro Tag und acht Stunden im Jahr auftreten. Wird dieser Wert überschritten, muss die Anlage zeitweise abgeschaltet werden.
Beim Stroboskop-Effekt wird Sonnenlicht von den Rotorblättern reflektiert. Der Effekt trat nur bei älteren Anlagen auf: Bei modernen Anlagen werden die Lichtreflexionen verhindert, indem die Rotorblätter einen matten Anstrich erhalten. Auch die nächtlichen Warnlichter für Flugzeuge stellen kein Problem mehr dar. Inzwischen gibt es eine verpflichtende bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung, die in Neuanlagen grundsätzlich verbaut wird und in Altanlagen systematisch nachgerüstet wird.
Windenergieanlagen brauchen viel Platz im Wald?
Windenergieanlagen benötigen nur wenig Fläche. Während der Bauarbeiten fällt im Schnitt ein Hektar Wald pro Anlage weg, wenn diese in einem Waldgebiet gebaut wird. Nach dem Bau der Anlage forsten die Betreiber rund die Hälfte davon wieder auf. Die dauerhaft gerodeten Flächen gleichen sie an anderer Stelle aus, beispielsweise durch neue Bäume oder den ökologischen Umbau von Waldflächen. Dadurch reduziert sich der Nettoverlust an Waldfläche weiter. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg benötigen neue Siedlungen und Straßen jährlich rund 1.825 ha Fläche, 100 Windräder hingegen nur 50 ha.
Darüber hinaus lässt sich Windenergie noch platzsparender umsetzen, wenn Wege und bestehende Schadflächen im Wald – etwa nach Sturm oder Borkenkäferbefall – als Standorte genutzt werden. Hinzu kommt, dass Bannwälder und andere sensible Waldgebiete für Windräder tabu sind – das legen die Regionalpläne im Südwesten klar fest. Die Planer orientieren sich dabei an festgelegten Kriterien. Empfehlenswert sind Standorte auf forstwirtschaftlich genutzten Monokulturen. Diese Flächen bieten aus Naturschutzsicht wenig Wert. Wer dort Windenergieanlagen baut und im Gegenzug mit Mischwald aufforstet, verbessert langfristig die Qualität und Klimafestigkeit des Waldes.
SF6 in Windrädern schadet dem Klima?
Das Gas Schwefelhexafluorid (SF6) wirkt zwar rund 24.000-mal stärker als CO2 und bleibt Jahrtausende in der Atmosphäre. Es wird jedoch überwiegend in geschlossenen Systemen verwendet, beispielsweise in der Elektroindustrie, im Apparatebau und zunehmend auch bei der Herstellung von Glasfasern. Als Isoliergas findet SF6 vor allem in Schaltanlagen Anwendung, darunter auch in Windenergieanlagen.
In Deutschland macht der Einsatz von SF6 in Windenergieanlagen weniger als ein Prozent der gesamten SF6-Nutzung aus. Über äußerst selten vorkommende Leckagen können rein rechnerisch pro Jahr und Windenergieanlage bis zu 3 g entweichen, was etwa 0,07 t CO2-Äquivalenten entspricht. Gleichzeitig spart eine Windenergieanlage jedes Jahr rund 4.000 t CO2 ein, wenn sie Kohleenergie ersetzt. Beim Rückbau saugen Fachfirmen das Gas ab und führen es wieder dem Kreislauf zu. Es zeigt sich daher, dass SF6 in Windenergieanlagen praktisch keine Rolle beim Klimawandel spielt.
Windenergie lohnt sich im Südwesten nicht?
Zwar weht der Wind im Süden Deutschlands meist schwächer als im Norden, das heißt jedoch nicht, dass Windenergie hier keine Zukunft hat. Windenergiekritiker argumentieren häufig, dass Windenergieanlagen erst ab einer Windgeschwindigkeit von sechs Meter pro Sekunde wirtschaftlich betrieben werden können. Diese Zahl wird als Schwelle bezeichnet, unterhalb derer sich der Betrieb nicht rechnet. Um das Potenzial von Windenergie jedoch realistisch zu bewerten, ist nicht die reine Windgeschwindigkeit entscheidend, sondern die sogenannte Windleistungsdichte. Sie gibt an, wie viel Energie der Wind auf einer bestimmten Fläche mit sich bringt – gemessen in Watt pro Quadratmeter.
Moderne Windenergieanlagen sind deutlich effizienter als ältere Modelle. Sie können bereits bei niedrigeren Windgeschwindigkeiten Strom erzeugen und sind besser an schwankende Windverhältnisse angepasst. Deshalb können auch in Baden-Württemberg wirtschaftlich arbeitende Windenergieanlagen betrieben werden. Mit jedem technischen Fortschritt steigen Ertrag und Effizienz weiter.