Für 2021 zeichnet sich bei Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie ein starkes Umsatzwachstum ab.

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Halbjahresbilanz und Prognose 2021 kann Rekordjahr für chemisch-pharmazeutische Industrie werden

18.08.2021

Trotz Corona und Lieferkettenproblemen hat die Chemie- und Pharmaindustrie eine starke Bilanz für das erste Halbjahr 2021 vorgelegt. Sowohl Produktion als auch Umsatz stiegen an. Die Prognose für den Rest des Jahres geht sogar von einem historischen Rekordniveau aus.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat eine erste Zwischenbilanz für die Entwicklung der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Jahr 2021 vorgelegt. So stieg der Umsatz in den ersten beiden Quartalen um zwölf Prozent auf 111 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Zu erklären ist dieser Zuwachs mit einer guten Nachfrage im In- und Ausland sowie kräftig anziehenden Preisen (+4,7 Prozent). Die Zahl der Beschäftigten blieb unverändert bei 464.400.

Da die Industrieproduktion auf allen Kontinenten ihren Erholungskurs fortsetzte, entwickelte sich auch die Nachfrage nach Chemikalien dynamisch. Dadurch konnte Deutschlands drittgrößte Branche ihre Produktion von Januar bis Juni um 5,9 Prozent ausweiten. Die Kapazitätsauslastung der Anlagen stieg in der Folge auf über 86 Prozent und lag damit deutlich oberhalb des für die Branche üblichen Niveaus. „Jedes fünfte Unternehmen stößt bei der Produktion an seine Kapazitätsgrenzen“, berichtet Christian Kullmann, Präsident des VCI.

Prognose 2021: „Ein kraftvolles Comeback“

Auch wenn Engpässe bei Vorprodukten und Störungen der internationalen Lieferketten die Produktionsmöglichkeiten einschränken, bleibt die Branche durch den großen Nachfrageüberhang für die zweite Jahreshälfte zuversichtlich. So rechnet der VCI für das Gesamtjahr mit einem Produktionsanstieg von 4,5 Prozent und einem Umsatzwachstum von elf Prozent. „Zum zweiten Mal nach 2018 wird unsere Industrie in diesem Jahr die Schallmauer von 200 Milliarden Euro durchbrechen und mit einem Umsatzrekord das Vorkrisenniveau deutlich übertreffen“, sagt Kullmann.

Das sei ein kraftvolles Comeback: Es zeigt laut dem VCI-Präsidenten, wie wichtig eine international wettbewerbsfähige Chemie- und Pharmaindustrie als Stabilitätsanker für Deutschland ist.

Eine Rekordzahl erwartet der Verband auch für die Investitionen der Unternehmen im Inland. Vermutet wird ein Anstieg der Investitionen für Sachanlagen im laufenden Jahr von 8,4 auf knapp neun Milliarden Euro. Der Grund: Aufgeschobene Projekte aus dem Vorjahr werden nachgeholt und Kapazitäten ausgeweitet.

Nach der Bilanz des VCI sollen nahezu alle Produktbereiche der Branche vom Aufschwung im ersten Halbjahr 2021 profitieren. Besonders dynamisch legte die Grundstoffchemie zu; hier stieg die Produktion von Polymeren um mehr als 20 Prozent. Aber auch die Hersteller von Spezialchemikalien konnten ihr Produktionsniveau um 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausweiten. Die Produktion von Pharmazeutika verzeichnete ein Plus von 1,4 Prozent.

Einen Rückgang von 1,8 Prozent mussten lediglich chemische Erzeugnisse für den Konsum hinnehmen. Dazu zählen etwa Seifen, Wasch- und Reinigungsmittel.

Bundestagswahl: Weichenstellung für Erneuerung

Der VCI setzt darauf, dass mit der nächsten Regierung ein Aufbruch zu besseren Rahmenbedingungen für den Industriestandort stattfindet. „Die Parteien der demokratischen Mitte sind sich im Kern einig, dass Deutschland ein Bündel von Maßnahmen braucht, um die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit wirksam zu verbessern“, sagt Kullmann. Die Politik müsse „neue Freiräume geben, statt einzuengen und zusätzliche Bürokratie zu erzeugen.“

Andernfalls können Unternehmen laut Kullmann eine Klimaneutralität bis 2045 kaum erreichen. Zudem gerate die Sicherung von Arbeitsplätzen und Wohlstand in Deutschland in „akute Gefahr“.

Nach Ansicht des VCI müssen sich in insgesamt zehn Politikfeldern die Prioritäten ändern, damit Deutschland ein international wettbewerbsfähiger Chemie- und Pharmastandort bleibt. Darunter fallen beispielsweise die Dauer von Genehmigungsverfahren, die Höhe der Unternehmenssteuern oder das Niveau der Forschungsförderung.

Strompreis: Zentraler Kostenfaktor

Akuten Handlungsbedarf sieht der Verband in der kommenden Legislaturperiode beim Strompreis, der für die energieintensive Branche ein entscheidender Kostenfaktor ist. Durch höhere Brennstoffpreise, vor allem aber einen höheren CO2-Preis im EU-Emissionshandel, kostet Strom Unternehmen dreimal so viel wie im Vorjahr. Das trifft besonders den Mittelstand hart.

„Die kommende Bundesregierung muss alle staatlich bedingten Abgaben beim Strompreis prüfen und diese so weit wie möglich zurückfahren“, fordert Kullmann. „Die für 2022 beschlossene Senkung der EEG-Umlage kann bestenfalls ein Anfang sein. Das EEG muss so schnell wie möglich weg.“

Eine entscheidende Voraussetzung für die Branche, um neue klimaneutrale Technologien einzusetzen, sei ein Strompreis von 4 ct/kWh. Kullmann: „Diesen Preis sollte sich die neue Bundesregierung auf ihre Agenda setzen. Das wäre ein starkes und vertrauensbildendes Signal an die Unternehmen.“

Zukunftsfonds: Finanzielle Unterstützung in drei Bereichen

Um trotz Schuldenbremse ein Zukunftsprogramm für das Land zu realisieren, das die Transformation der Industrie und eine ökosoziale Marktwirtschaft voranbringt, schlägt der VCI einen Zukunftsfonds für die Investitionsoffensive des Bundes vor. Beziffert wird das Finanzvolumen mit insgesamt 300 bis 500 Milliarden Euro bis 2030. Finanziert werden sollen damit Projekte und Maßnahmen in drei Bereichen:

  • Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien und der notwendigen Netzinfrastruktur sowie von Energiespeichern

  • Unterstützung der ökologischen Transformation der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität

  • Sicherstellung einer leistungsfähigen Verkehrs- und Digitalinfrastruktur

Kullmann: „Die Unternehmen brauchen für ihre Investitionsentscheidungen Planungssicherheit – und keine Zuschüsse nach jeweiliger Kassenlage.“

Green Deal: Kritik an Chemikalienstrategie

Kritik übte der VCI-Präsident an den Plänen in Brüssel zur „Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit“. Dieses Vorhaben im Rahmen des Green Deal der EU-Kommission gehe nicht mehr von wissenschaftlich belegbaren Risiken aus, um Stoffe zu verbieten, sondern von einem theoretischen Gefährdungspotenzial. Dadurch könnten auf einen Schlag tausende Stoffe vom Markt verbannt werden.

Viele dieser Substanzen sind nach Ansicht des VCI aber elementar für die Transformation der nächsten Jahrzehnte und werden in Zukunft noch wichtiger. So werden rund 1.000 Chemikalien für die Produktion von Halbleitern und Chips eingesetzt, die in der E-Mobilität, intelligenten Steuerung von Stromnetzen oder Windkraft- und Solaranlagen Verwendung finden.

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