Aus einem herkömmlichen Siliziumwafer konnten Forscher erstmals einen Transistor mit neuromorpher Architektur herstellen.

Bild: Eunhye Baek, TU Dresden

Lernfähige Chips Funktionsweise des Gehirns erstmals mit Halbleitern nachgeahmt

15.07.2020

Während herkömmliche Mikroelektronik immer näher an ihre physikalischen Grenzen kommt, zeigt die Natur am Beispiel des Gehirns, wie sich Informationen schnell und energieeffizient verarbeiten lassen. Wissenschaftlern ist es nun gelungen, diese komplexen Vorgänge zum ersten Mal mit einem Neurotransistor nachzuahmen.

Die gängige Methode, um die Leistungsfähigkeit von Mikroelektronik weiter zu erhöhen, liegt in der Verkleinerung der Komponenten, insbesondere der einzelnen Transistoren auf den Computerchips aus Silizium. „Das geht aber nicht unendlich – wir benötigen neue Ansätze“, ist sich Larysa Baraban sicher. Die Physikerin, die seit Anfang des Jahres am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) arbeitet, ist eine der drei Hauptautoren einer internationalen Studie, an der insgesamt sechs Institute beteiligt waren.

Ein Ansatz der Studie orientiert sich am Gehirn und verbindet Datenverarbeitung mit Datenspeicherung in einem künstlichen Neuron. „Unsere Gruppe hat viel Erfahrung mit biologischen und chemischen elektronischen Sensoren“, fährt Baraban fort. „Deshalb haben wir die Eigenschaften der Neuronen mit den Prinzipien von Biosensoren simuliert und einen klassischen Feldeffekttransistor so verändert, dass ein künstlicher Neurotransistor entsteht.“

Der Vorteil einer solchen Architektur liegt gerade in der gleichzeitigen Speicherung und Verarbeitung von Informationen in ein und demselben Bauelement. Denn diese sind bei herkömmlicher Transistortechnik getrennt, was der Verarbeitungszeit und damit letztendlich auch der Leistungsfähigkeit Grenzen setzt.

Siliziumwafer + Polymer = lernfähiger Chip

Die Idee, Computer nach dem Vorbild des Gehirns zu entwerfen, ist dabei nicht neu. Bereits vor Jahrzehnten gab es schon Versuche, Nervenzellen in der Petrischale mit Elektronik zu verbinden. „Aber niemand braucht einen nassen Computerchip, der regelmäßig gefüttert werden muss“, sagt Gianaurelio Cuniberti von der TU Dresden. Der Professor für Materialwissenschaft und Nanotechnik ist zusammen mit Ronald Tetzlaff, Professor für Grundlagen der Elektrotechnik, und Leon Chua von der University of California in Berkeley, der bereits Anfang der 1970er-Jahre ähnliche Bauelemente postuliert hatte, einer der drei geistigen Väter des Neurotransistors.

Nun konnten Cuniberti, Baraban und ihr Team ihn umsetzen: „Wir bringen dafür eine zähflüssige Substanz – Solgel genannt – auf einen herkömmlichen Siliziumwafer mit den Schaltungen auf. Dieses Polymer härtet aus und wird zu einer porösen Keramik“, erklärt Cuniberti. „Zwischen den Löchern bewegen sich Ionen. Sie sind schwerer als Elektronen und springen nach einer Anregung langsamer auf ihre Position zurück. Diese Verzögerung nennt man Hysterese, und die ist für den Speichereffekt verantwortlich.“

Das hat entscheidenden Einfluss auf die Funktionsweise. Denn je stärker der einzelne Transistor angeregt wird, desto eher öffnet er und lässt den Strom fließen. Cuniberti: „Damit verstärkt sich die entsprechende Verbindung. Das System lernt.“

Robotern das Laufen beibringen

Cuniberti und sein Team zielen dabei weniger auf herkömmliche Problemstellungen ab. „Computer auf Basis unseres Chips wären weniger präzise und würden mathematische Berechnungen eher schätzen, als bis in die letzte Nachkommastelle zu berechnen“, erklärt der Wissenschaftler. „Aber sie wären intelligenter. Ein Roboter mit solchen Prozessoren würde damit beispielsweise laufen oder greifen lernen, ein optisches System besitzen und Zusammenhänge erkennen. Und das alles, ohne Software entwickeln zu müssen.“

Das sind aber nicht die einzigen Vorteile neuromorpher Computer. Durch ihre sogenannte Plastizität, die der des menschlichen Gehirns ähnelt, können sie sich im laufenden Betrieb an veränderte Aufgabenstellungen anpassen. Am Ende könnten sie so auch Probleme lösen, für die sie ursprünglich nicht programmiert wurden.

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