Pepperl+Fuchs GmbH

Applikationswissen und Engineering-Know-how spielen eine immer größere Rolle für optimale Kundenlösungen, meinen Rainer Nägle (links) und Herbert Schober.

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Elektrischer Explosionsschutz „Ex-Bereich und Nicht-Ex-Bereich werden sich technologisch annähern“

02.10.2018

Pepperl+Fuchs ist seit mehr als 60 Jahren im Bereich des Explosionsschutzes für die Automatisierungstechnik und seit mehr als 15 Jahren im Bereich der Niederspannungstechnik aktiv. P&A-Redakteurin Ragna Iser sprach mit Herbert Schober, Executive Vice President EPE & Solutions Global, und Rainer Nägle, Produktgruppenleiter EPE bei Pepperl+Fuchs, über die Herausforderungen und Trends in der Branche.

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P&A:

Wo sehen Sie die Schwerpunkte im elektrischen Explosionsschutz im Vergleich zur Niederspannungstechnik und Automatisierungstechnik?

Schober:

Elektrischer Explosionsschutz umfasst sämtliche Technologien des Explosionsschutzes wie Eigensicherheit, druckfeste Kapselung, erhöhte Sicherheit und Überdruckkapselung. In der Automatisierungstechnik wird überwiegend die Eigensicherheit und die erhöhte Sicherheit eingesetzt, in der Niederspannungstechnik die druckfeste Kapselung, erhöhte Sicherheit und die Überdruckkapselung. Wir bei Pepperl+Fuchs, als Marktführer im Explosionsschutz für die Automatisierungstechnik, sehen den Schwerpunkt in der erfolgreichen Verbindung der Kundenanforderungen aus beiden Bereichen und der daraus resultierenden intelligenten Kombination der jeweils spezifischen Zündschutzarten zur technisch-wirtschaftlich optimalen Kundenlösung.

Welche Branchen bedienen Sie mit dem elektrischen Explosionsschutz?

Schober:

Wir arbeiten in der chemischen, petrochemischen und pharmazeutischen Industrie. Wenn sich das Thema Wasserstoff weiterentwickeln wird, werden wir auch dort aktiv sein. Wir sind aber auch in der Lebensmittelindustrie unterwegs – aber nur dann, wenn es sich um staubexplosionsgefährdete Bereiche handelt.

Pepperl+Fuchs ist seit circa 15 Jahren im Bereich des Explosionsschutzes aktiv. Wo sehen Sie sich auf dem Markt, was zeichnet Sie gegenüber Ihren Wettbewerbern aus?

Nägle:

Wir haben ein rundes Produktportfolio und schauen stark darauf, dass wir den Kunden Komplettlösungen anbieten – nicht nur Produkte. Die Lösungen werden kundenspezifisch projektiert, mit dem Kunden besprochen, in unseren Solution Engineering Centern (SECs) gebaut, mit dem Kunden zusammen abgenommen und dann ausgeliefert. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu unseren Wettbewerbern ist, dass wir mit unseren SECs weltweit unterwegs sind: zwei SECs in Europa, drei in Asien – dazu zähle ich auch Australien – und ein SEC in den USA.

Wurden die SECs eigens für den elektrischen Explosionsschutz gegründet oder bestanden sie schon, bevor Pepperl+Fuchs auf dem Markt aktiv wurde?

Schober:

Pepperl+Fuchs hat schon immer die strategische Ausrichtung, Akquisitionen zu tätigen, die zum Portfolio und erfolgreichen Marktbearbeitung passen. Ein Teil der Solution Engineering Center entstammen aus diesen Akquisitionen. Es ist also ein Mix aus Neuaufbau und dem Aufnehmen der Solution-Engineering-Kapazitäten aus übernommenen Unternehmen.

Sind weitere SEC-Eröffnungen geplant?

Schober:

Mit den aktuellen Standorten der Solution Engineering Centern sind wir in den Regionen vertreten, in denen unsere Kunden aus der chemischen, petrochemischen und pharmazeutischen Industrie angesiedelt sind. Damit können wir die Industrien in den Regionen abdecken, die für uns interessant sind. Weitere Eröffnungen sind folglich nicht notwendig.

Werfen wir einen Blick zurück: Welche Herausforderungen und Trends haben Sie in der Niederspannungstechnik beobachtet?

Schober:

Die technischen Grundlagen des elektrischen Explosionsschutzes sind seit Langem bekannt. Was sich verändert hat, sind die Anforderungen: Kunden gehen stärker in vorkonfektionierte, anwendungsspezifische Lösungen, bei denen Produkte unseres Hauses mit Applikationswissen und Engineering-Know-how zu einer technisch-wirtschaftlich perfekten Kundenlösung verbunden werden. Neben der genannten Veränderung der Kundenanforderungen hat sich ein Trend in Richtung vermehrtem Einsatz von leichten, aber hochfesten Kunststoffen gezeigt gegenüber dem bisher eingesetzten Edelstahl, verzinktem Stahl oder Aluminium. Diesem Anforderungsprofil tragen wir exemplarisch Rechnung mit unserer neuesten Entwicklung, dem glasfaserverstärktem Polyestergehäuse-System, welches neben zahlreichen technischen und technologischen Vorteilen auch dem allgemeinen Trend zu Gewichts- und Kostenreduzierung Rechnung trägt.

Die technischen Anforderungen haben sich folglich nicht verändert, sondern die Erwartungshaltung der Anwender?

Schober:

Noch vor etwa 15 Jahren hatten alle Betriebe Fachabteilungen, die in der Anwendung der Produktionstechnologien als auch im Explosionsschutz firm waren: Sie konnten eigenständig planen und projektieren. Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre und der Umstrukturierung zahlreicher Unternehmen hat sich dies in Richtung der Hersteller verlagert. Große Firmen haben nach wie vor ihre Fachspezialisten und Gremien, aber kleinere Anwender nicht mehr. Auf diese Aufgabenverlagerung vom Kunden hin zum Hersteller muss man reagieren.

Nägle:

Wenn wir die Herausforderungen der vergangenen Jahre betrachten, dürfen wir aber nicht den Verfall des Öl- und Gaspreises seit etwa 2011 vergessen. Wenn man sieht, dass im Explosionsschutz zwischen 30 und 40 Prozent des Umsatzes mit Projekten für die Öl- und Gasindustrie gemacht werden und diese, je nach Region, um circa 50 Prozent eingebrochen sind, ergeben sich da natürlich neue Herausforderungen für die Branche.

Wie hat Pepperl+Fuchs darauf reagiert?

Nägle:

Wir sind im Vergleich zu unseren Wettbewerbern, welche nur auf den Explosionsschutz fokussiert sind, mit unseren Geschäftsbereichen Prozessautomation und Fabrikautomation deutlich breiter aufgestellt und somit weniger anfällig für Konjunkturschwankungen einzelner Branchen. Das hat uns im Vergleich zu den Wettbewerbern im klassischen Explosionsschutz gestärkt, weil wir weniger stark vom Öl- und Gasgeschäft abhängig sind und hat uns auch die Chance gegeben, flexibler als die Wettbewerber am Markt zu agieren.

Schober:

Kunden kennen uns seit Jahrzehnten als zuverlässigen, kompetenten Partner. Auch wenn wir erst seit 15 Jahren im „klassischen Explosionsschutz“ tätig sind, vertrauen uns die Kunden, da sie die Reputation von Pepperl+Fuchs seit Jahrzehnten kennen und schätzen. Die Reputation hilft uns natürlich, unter Ausnutzung von technologischen und zulassungstechnischen Synergien innerhalb des Unternehmens Pepperl+Fuchs im Geschäft des „klassischen Explosionsschutzes“ zu wachsen und uns auch in einem schwierigen Marktumfeld, wie Herr Nägle es beschrieben hat, zu behaupten.

Sie werben bei Klemmen-, Steuerkästen und Befehlsgeräten mit kundenspezifischen Lösungen innerhalb von fünf Tagen. Wie realisieren Sie das?

Schober:

Die ganze Entwicklung, die Sie heute sehen, geht in Richtung Schnelligkeit und Flexibilität. Kunden erwarten von uns, dass wir in sehr kurzer Zeit komplette, maßgeschneiderte Lösungen liefern. Für sie maßgeschneidert, aber in ähnlicher Zeit verfügbar, wie ein Standardprodukt aus dem Lager. Das ist eine Herausforderung, der wir uns zu 100 Prozent stellen. Bei Klemmenkästen, Steuerkästen und Befehlsgeräten haben wir verschiedene „Bausteine“ für Schnelligkeit und Flexibilität erfolgreich kombiniert: Wir haben sehr leistungsfähige Tools, um einen Kundenauftrag in eine technische Lösung umzuwandeln – ohne dass ein aufwändiges Engineering notwendig ist. Die Fertigungsunterlagen werden automatisiert erstellt und gehen dann in eine sogenannte Zellenfertigung, in der ein Mitarbeiterteam die vorliegende Kundenbestellung innerhalb von fünf Arbeitstagen komplett abwickelt.

Alles hat irgendwo eine Grenze. Wo liegt sie in diesem Fall?

Schober:

Es gibt volumenbezogene, technische und auch kommerzielle Grenzen. Entscheidend ist, dass der Kunde mit unserer Lösung zufrieden ist und auch den zugeordneten Preis akzeptiert, sprich: Es muss sich für den Kunden und für Pepperl+Fuchs lohnen. Stellenweise steckt hinter einem Auftrag ein sehr hoher Engineering-Aufwand, den der Kunde oft nicht sieht und in seltenen Fällen nicht unbedingt bereit ist zu bezahlen, den wir aber auch nicht einfach unter den Tisch fallen lassen können. Oder die Lösung, die dem Kunden vorschwebt, wird so aufwändig, dass eine technisch-wirtschaftlich sinnvolle Realisation nicht mehr erzielt werden kann.

Nägle:

Es gibt auch technologische Grenzen aufgrund erforderlicher länderspezifischer Zulassungen. Solche lokalen Zulassungen werden normalerweise im Voraus für bestimmte Produkte geplant, im Produktdesign berücksichtigt, in der Entwicklung vorgenommen und sind aufgrund des hohen Kosten- und Zeitaufwands üblicherweise nicht für einzelne Kundenaufträge durchführbar.

Welche Entwicklungen werden in den nächsten Jahren für den konventionellen Explosionsschutz von Bedeutung sein?

Nägle:

Durch die erhöhten Sicherheitsanforderungen seitens Kunden und öffentlicher Institutionen ergibt sich immer mehr die Anforderung, auch Sensortechnik explosionsgeschützt auszuführen. Für diese Anforderung sind wir bei Pepperl+Fuchs sehr gut aufgestellt, da wir mit den Geschäftsbereichen Fabrikautomation und Prozessautomation in beiden Technologien erfolgreich im Markt vertreten sind und damit die Synergien zwischen den beiden Bereichen nutzen können, um die Sensortechnik verstärkt in explosionsgefährdete Bereiche zu bringen. Eine der Herausforderungen stellt beispielsweise der Explosionsschutz von optischer und elektromagnetischer Sensorstrahlung dar. Für optische Sensoren, zum Beispiel Lichtschranken, Laserscanner und Barcodereader, gibt es mittlerweile in den Normen neue Berechnungsmethoden, ab wann eine optische Strahlung eine Gas-Atmosphäre entzünden kann.

Schober:

Die zukünftige Herausforderung ist eine stärkere Anforderung, industrielle Komponenten und Produkte aus dem Nicht-Ex-Bereich möglichst 1:1 in den Ex-Bereich zu bringen. Als Beispiel kann man einen Cisco-Accesspoint nennen, der in der Büroumgebung unserer Kunden Standard ist und deswegen möglichst auch im Ex-Bereich eingesetzt werden soll. Das bedeutet: Ex-Bereich und Nicht-Ex-Bereich werden sich technologisch annähern, da das Anforderungsprofil des Kunden gleich ist. Industrieprodukte sind folglich so zu „verpacken“, dass sie funktional unverändert für den Einsatz in explosionsgefährdeter Umgebung geeignet sind. Für diese Aufgabe sind wir mit unserem breiten Spektrum an Gehäusesystemen in Kunststoff, Edelstahl und Aluminium bestens aufgestellt.

Von welchem Zeitraum sprechen wir hier?

Schober:

Diese Anforderung hat bereits begonnen, als Beispiel sind Handys zu sehen, die im privaten wie geschäftlichen Bereich nicht mehr wegzudenken sind. Handys haben mittlerweile Einzug gehalten in den Ex-Bereich, auch dafür bieten wir Produkte an. Aber auch für andere Produkte aus dem Nicht-Ex-Bereich wie Smartphones und Tablet-PCs, aber auch Frequenzumrichter, Gaschromatographen, Automatisierungskomponenten und unterbrechungsfreie Stromversorgungen wird der Wunsch entstehen, diese im Ex-Bereich einzusetzen. Dieser Trend hat erst begonnen.

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