Eine Unterbrechung von Energielieferungen aus Russland hätte deutliche Auswirkungen auf das deutsche BIP.

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Konjunkturprognose für 2022 Energieembargo hätte gravierende Folgen für deutsche Wirtschaft

08.05.2022

Der Krieg in der Ukraine trifft auch die deutsche Wirtschaft hart. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung geht derzeit von zwei Szenarien aus, die sich vor allem bei den Annahmen zu Energiepreissteigerungen unterscheiden. Eine Unterbrechung von Energielieferungen aus Russland würde demnach eine tiefe Rezession zur Folge haben.

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat seine „Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2022/2023“ vorgelegt. Darin gehen die Ökonomen von zwei möglichen Szenarien aus, einem „Basisszenario“ und einem „Risikoszenario“. Wegen der leichten Preisberuhigung in den vergangenen Tagen halten sie dabei aktuell das etwas günstigere Basisszenario für wahrscheinlicher als das Risikoszenario.

Im Basisszenario rechnen die Fachleute für 2022 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,1 Prozent. Tritt das ungünstigere Risikoszenario mit weitaus höheren Energiepreisen ein, würde die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr hingegen eine leichte Rezession erleben. Das BIP könnte um 0,3 Prozent im Jahresmittel schrumpfen. In erster Linie stark steigende Energiepreise, aber auch die Folgen weiterer Lieferengpässe, treiben die Inflationsrate 2022 im Basisszenario auf durchschnittlich 6,2 Prozent beziehungsweise sogar 8,2 Prozent im Risikoszenario.

„Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verursacht riesiges menschliches Leid, und er hat den wirtschaftlichen Erholungspfad, der noch vor kurzem absehbar war, jäh blockiert“, sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK. Das betreffe viele Länder, aber Deutschland ganz besonders. „Nun prägen nicht mehr die langsame, aber kontinuierliche Entspannung der coronabedingten Lieferengpässe und deutliche Zuwächse beim privaten Konsum das Konjunkturbild 2022, sondern dramatisch steigende Energiepreise, außerordentlich hohe Inflationsraten, neue Belastungen von Lieferketten und große Unsicherheit. Das bremst den privaten Konsum, den Außenhandel und die Bereitschaft von Unternehmen, zu investieren.“ Statt eines dynamischen Aufschwungs würde Deutschland dieses Jahr im besten Fall ein moderates Wachstum sehen.

Drohende Rezession bei Energieembargo

Eine abrupte Unterbrechung von Energielieferungen aus Russland, sei es durch ein deutsches Embargo oder einen russischen Lieferstopp, würde hingegen in diesem Jahr eine tiefe Rezession in der Bundesrepublik verursachen. In diesem Fall würde das deutsche BIP noch einmal deutlich stärker schrumpfen als im Risikoszenario, legen ergänzende Simulationsrechnungen nahe, die das IMK mit dem international weit genutzten Konjunkturmodell NiGEM durchgeführt hat.

„Mit genauen Zahlen eines Einbruchs sollte man vorsichtig sein, weil NiGEM solche Extremszenarien nur eingeschränkt verarbeiten kann“, betont Dullien. Das gelte aber noch verstärkt für andere Modellrechnungen, die nur moderate Auswirkungen nahelegten und deren Ergebnisse zuletzt in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. „Grundsätzlich wäre ein Energieembargo natürlich eine politische Entscheidung, bei der zahlreiche Erwägungen einfließen. Wir wollen aber darauf hinweisen, dass die wirtschaftlichen und auch die sozialen Folgen mit höchster Wahrscheinlichkeit gravierend wären und die Wirtschaftspolitik bereit sein muss, entsprechend zu reagieren.“

Wirtschaftliche Folgen für Europa und Russland

Hinsichtlich der Öl- und Gaspreise geht das IMK im Basisszenario davon aus, dass sie 2022 um 50 beziehungsweise knapp 150 Prozent über dem Niveau von 2021 liegen. Im pessimistischeren Risikoszenario, das aus Sicht der Forschenden im Moment etwas unwahrscheinlicher ist, ist Öl im Schnitt rund 100 Prozent und Gas rund 200 Prozent teurer als im Vorjahr.

Auch wichtige Handelspartner trifft die neue Krise. Die Weltwirtschaft wächst in diesem Jahr im Basisszenario um durchschnittlich 3,9 Prozent und damit spürbar verhaltener als noch im Dezember prognostiziert. Im Risikoszenario würde sich das globale Wachstum noch stärker verlangsamen: auf nur noch 2,6 Prozent. Für 2023 veranschlagt das IMK ein weltweites BIP-Wachstum um 3,5 Prozent im Basis- und um zwei Prozent im Risikoszenario.

Die wirtschaftliche Erholung in der EU verliert durch den Ukraine-Krieg spürbar an Dynamik: Das IMK veranschlagt hier im Basisszenario für 2022 ein Wachstum von 3,3 und im Risikoszenario von 1,7 Prozent. 2023 prognostizieren die Forschenden je nach Szenario 2,7 beziehungsweise ebenfalls 1,7 Prozent. Kurzfristig noch schlechter sind die Aussichten für den Euroraum. Das IMK rechnet hier im Basisszenario für 2022 mit einem Wachstum von 2,6 und im Risikoszenario von lediglich 0,4 Prozent. 2023 prognostizieren die Forschenden je nach Szenario dann 2,8 beziehungsweise 1,7 Prozent.

Die russische Wirtschaft erlebt im Basisszenario 2022 eine tiefe Rezession, das BIP sinkt um 4,9 Prozent. Im Risikoszenario fällt der BIP-Rückgang mit 4,7 Prozent etwas geringer aus, weil der Exporteur Russland von noch höheren Energiepreisen profitieren würde. Für 2023 prognostiziert das IMK im Basisszenario eine Zunahme des russischen BIP um 0,9 Prozent. Im Risikoszenario liegt das Wachstum aus den gleichen Gründen etwas höher, bei 1,3 Prozent.

Deutscher Export und Import

Der Ukraine-Krieg hinterlässt tiefe Spuren im deutschen Außenhandel. Preisschocks, die schwächere weltwirtschaftliche Entwicklung sowie Rohstoff- und Materialengpässe belasten die deutschen Ausfuhren, trotz weiterhin voller Auftragsbücher. Im Basisszenario prognostiziert das IMK ein Exportwachstum um 4,2 Prozent im Jahresmittel 2022 und um 5,1 Prozent 2023, wobei ein statistischer Überhang aus 2021 zum relativ hohen Wert 2022 beiträgt. Deutlich negativer sieht der Trend im Risikoszenario aus: Exportrückgang um 2,2 Prozent in diesem und Stagnation im kommenden Jahr.

Auch die Importentwicklung verläuft deutlich gedämpft. Im Basisszenario steigen die Einfuhren bei stark zunehmenden Preisen um fünf Prozent im Jahresdurchschnitt 2022 und 5,4 Prozent 2023. Auch hier weichen die Ergebnisse des Risikoszenarios sehr stark ab: Im Jahresmittel 2022 würden die Importe um 5,5 Prozent zurückgehen, 2023 noch um 0,3 Prozent sinken.

Rückgang bei Ausrüstungs- und Bauinvestitionen

Auch bei den Ausrüstungsinvestitionen wirken sich Preisentwicklung, Lieferengpässe und vor allem die hohe Unsicherheit in diesem Jahr stark negativ aus. Im Basisszenario rechnen die Forschenden mit einem Rückgang um 0,7 Prozent. Im Risikoszenario ist sogar ein Absturz der Ausrüstungsinvestitionen um 15,2 Prozent im Jahresmittel 2022 absehbar. Für 2023 prognostiziert das IMK im Basisszenario ein wieder deutlich anziehendes Wachstum der Investitionen um jahresdurchschnittlich 8,1 Prozent. Im Risikoszenario ergibt sich dagegen ein weiterer Rückgang um 1,1 Prozent.

Auch die Bauinvestitionen werden durch hohe wirtschaftliche Unsicherheit und verschlechterte Finanzierungsbedingungen in diesem Jahr in Mitleidenschaft gezogen. Im Basisszenario steigen sie im Jahresmittel 2022 um lediglich 1,3 Prozent, das Risikoszenario weist sogar einen Einbruch um 7,3 Prozent aus. 2023 erholen sich die Bauinvestitionen im Basisszenario wieder, die Zunahme beträgt 4,7 Prozent. Im Risikoszenario gehen sie hingegen um weitere 0,7 Prozent zurück.

Zum vollständigen IMK-Report

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