2039 im Blick: Entnahmen statt Aufweichen des Pfads

Emissionshandel als Hebel für CO2‑Entnahmen

Der EU-Emissionshandel könnte CO2-Entnahmen über Zertifikate für negative Emissionen integrieren, beispielsweise durch Direct Air Capture.

Bild: iStock, querbeet
04.04.2026

Der EU-Emissionshandel könnte künftig auch CO2-Entnahmen belohnen: Eine Modellstudie skizziert dazu ein Stufenmodell mit MRV-Standards und schrittweiser Integration – bis 2050 werden 68 bis 86 Millionen t CO2 pro Jahr prognostiziert.

Der 2005 von der Europäischen Union gestartete Handel mit Rechten zum Ausstoß von CO2 könnte eines Tages auch im großen Stil dessen Zurückholen aus der Atmosphäre ermöglichen. Eine neue Modellstudie beziffert das Potenzial und skizziert eine schrittweise Integration der CO2-Entnahme in das Handelssystem als richtigen Weg, um Fehlanreize zu vermeiden. Die Industrie bekäme Planungssicherheit für unvermeidbare Restemissionen. Die Studie knüpft an die Diskussionen in Brüssel zur künftigen Regulierung an.

Demnach könnte allein der bestehende EU-Emissionshandel für Energiewirtschaft und energieintensive Industrie die Anreize so setzen, dass die Firmen bis 2050 zwischen 68 und 86 Millionen t CO2 jährlich aus der Atmosphäre zurückholen, je nach Kostenentwicklung. Das Forschungsteam nutzte das am PIK entwickelte Rechenmodell LIMES-EU, um Investitionsentscheidungen zu verbessern. Die Analyse bezieht sich auf die EU plus das Vereinigte Königreich und Norwegen. Sie beschränkt sich auf zwei neuartige und vielversprechende Entnahme-Methoden: die Luftfilter-Technologie („Direct Air Capture“) und die Verbrennung von Biomasse mit CO2-Abscheidung („Bioenergy with Carbon Capture“).

Akzeptanz der Klimapolitik kann profitieren

„Das von uns bezifferte Entnahme-Potenzial wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, sagt Darius Sultani, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Sicherlich braucht es zudem auch spezielle Entnahme-Förderprogramme, um 2050 die Klimaneutralität zu schaffen und danach auch unterm Strich CO2 zurückzuholen. Doch der fiskalische Spielraum ist begrenzt, und es liegt nahe, das marktwirtschaftliche Instrument des Emissionshandels gut zu nutzen. Wir zeigen, wie es gehen könnte – und dass es sogar die Akzeptanz der Klimapolitik stärkt.“

Derzeit blickt die Wirtschaft mit Sorge auf das Jahr 2039. Dann ist die jährlich sinkende Zahl der Emissionsrechte für die Energiewirtschaft und die energieintensive Industrie bei null angelangt und der CO2-Ausstoß ist im Prinzip tabu. Es gibt Überlegungen, diesen Zeitpfad aufzuweichen. Doch es gibt einen eleganteren Ausweg: Künftig sollen auch Entnahme-Betriebe im System sein. Diese werden für ihre „negativen Emissionen“ mit Zertifikaten aus dem Handelssystem belohnt. Sie dürfen diese dann an Betriebe weiterverkaufen, die ihren CO2-Ausstoß (noch) nicht vollständig eingestellt haben.

Die Studie rechnet vor, welche Auswirkungen sich in einem solchen Umfeld im Marktgleichgewicht ergeben. Investitionen in die beiden neuen Entnahmeverfahren werden attraktiver. Der Technologie-Mix hängt stark davon ab, inwieweit der technische Fortschritt bei den Luftfiltern die Kosten senkt. Der im Emissionshandel gebildete CO2-Preis steigt bis 2050 stetig auf gut 400 Euro je Tonne und stabilisiert sich durch die Einbeziehung der Entnahmen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf einem etwas niedrigeren Niveau.

Fahrplan zur Integration: Ein Stufen-Modell für die Umsetzung

Auf Basis der Modellanalyse erarbeitet das Forschungsteam schließlich ein Konzept für die Integration der CO2-Entnahmen in den Emissionshandel. Es empfiehlt ein mehrstufiges Vorgehen, um einerseits sicherzustellen, dass eine rasche Ausstoßminderung Priorität hat, und um andererseits zu gewährleisten, dass die CO2-Entnahme über Bioenergie weder die biologische Vielfalt noch den Wasserkreislauf gefährdet. Zunächst sollten präzise Standards für Monitoring, Reporting und Verifizierung etabliert werden. Anschließend werden Entnahme-Projekte schrittweise in das Handelssystem überführt – in zunehmend größeren Mengen und auf eine Weise, die Fehlanreize bei den Investoren vermeidet. Erst im dritten Schritt, um das Jahr 2040 herum, werden schließlich sämtliche Entnahmen und Restemissionen über einen einheitlichen CO2-Preis gesteuert.

„Mit diesem wissenschaftlich fundierten Vorschlag zielen wir auf die aktuelle politische Diskussion in Brüssel über die künftige Regulierung der CO2-Entnahmen“, erklärt Michael Pahle, PIK-Forscher und Co-Autor der Studie. „Die Entscheidung, ob man die Entnahmen in den EU-Emissionshandel überführt, steht jetzt an; die Europäische Kommission muss noch 2026 dazu einen Vorschlag vorlegen. Unsere Studie zeigt: Die Einwände dagegen lassen sich entkräften.“

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