Jordon Woods ist als strategischer Technologe in der Industrial Ethernet Technology Group (IET) von ADI tätig. Die IET Group schafft die Grundlagen für eine reibungslose und geschützte Netzanbindung von Kundenprodukten für das Industrial IoT. Woods, der 30 Jahre Erfahrung in der Halbleiterindustrie besitzt, ist stimmberechtigtes Mitglied der IEEE 802.1 WG und Verfasser des IEC/IEEE 60802 TSN Profile for Industrial Automation.

Bild: Analog Devices

Jordon, Woods, Analog Devices Die Zukunft ist näher als Sie denken

12.11.2021

Sind die mit dem Begriff „Industrie 4.0“ verbundenen Versprechen Realität oder nur Hype?

Ich hatte im zurückliegenden Jahrzehnt das große Glück, mit einigen der führenden Köpfe auf dem Gebiet die Industrieautomation zusammenarbeiten zu dürfen. Aus erster Hand konnte ich dadurch das Ausmaß des Engagements und der Investitionen von IACS-Anbietern (Industrial Automation Control Systems) erleben, denen es darum geht, die mit dem Begriff „Industrie 4.0“ verbundenen Versprechen in die Realität umzusetzen. An einigen Punkten stellte sich mir die Frage nach dem Warum, und die Antwort darauf ist ganz einfach: es sind wirtschaftliche Gründe. Diese IACS-Anbieter erkennen nämlich das Potenzial, ihre Unternehmen produktiver, effizienter, anpassungsfähiger und profitabler zu machen – nicht nur für ihre eigene Bilanz, sondern auch für ihre Beschäftigten, Stakeholder und Kunden.

Industrie 4.0 verspricht ein nie dagewesenes Maß an Flexibilität, das wiederum eine agile Produktion ermöglicht und es den Herstellern erlaubt, sich auf eine saisonal wechselnde Nachfrage oder sich anderweitig ändernde Kundenanforderungen einzustellen. Wir werden die Maschinenverfügbarkeit verbessern können, was wiederum Rückwirkungen auf Overhead- und Instandhaltungskosten und Ressourcen hat, und wir werden die unternehmerischen Ergebnisse und das Kundenvertrauen verbessern können. Dies sind nur wenige Beispiele für die potenziell branchenprägenden Resultate, die wir uns von der vierten industriellen Revolution erhoffen können. Unterstrichen werden diese enormen Chancen durch die Notwendigkeit zum Erfassen, Kommunizieren und Analysieren von Daten. Diese Daten, insbesondere aber die daraus extrahierten Erkenntnisse, sind die Währung, mit der sich all die beschriebenen Verbesserungen erreichen lassen.

Schätzungen haben ergeben, dass die mit Industrie 4.0 verbundenen Verbesserungen der betrieblichen Effizienz, des Bestandsmanagements, der funktionalen Sicherheit und der vorausschauenden Instandhaltung zu jährlichen Einsparungen von 1,2 bis 3,7 Billionen US-Dollar führen dürften . Wenn diese Prognose auch nur einigermaßen zutrifft, müssen wir damit beginnen, die grundlegenden Technologien für die Smart Factory weniger mit Blick auf das ob, sondern eher auf das wann zu betrachten. Das Erreichen der mit Smart Factory verbundenen Ziele setzt eine Umstellung bei den industriellen Netzwerken voraus, und die wirtschaftlichen Aspekte der Industrie 4.0 sind ein entscheidender Beweggrund, diese Umstellung tatsächlich vorzunehmen. Grundlegende Technologien wie das Time-Sensitive Networking (TSN) und 10BASE-T1L werden zur Realität und bilden einen geeigneten Ausgangspunkt zur Umstellung auf Industrie 4.0. Das TSN fungiert als gemeinsame zweite Schicht im OSI-Modell, sodass der Control-Traffic dieselbe Leitung nutzen kann und unter Wahrung der Dienstqualität eine allgegenwärtige Konnektivität geboten wird. T1L dient über Distanzen von bis zu einem Kilometer zur Verbindung mit den Außengrenzen des Netzwerks, wo die Daten entstehen.

Natürlich müssen noch Herausforderungen überwunden werden. Zum Beispiel lässt die Bereitstellung eines universellen Datenzugriffs unweigerlich Sicherheitslücken entstehen. Außerdem muss die Fähigkeit zum umgehenden Finden, Gewinnen und Nutzen dieser Daten entsprechend dem jeweiligen Bedarf erst noch entwickelt werden, und nicht zuletzt existiert eine gewisse, kulturell bedingte Trägheit gegenüber Transformationen dieser Art. Es ist absolut nachvollziehbar, wenn man sich angesichts derartiger Herausforderungen überfordert fühlt. Dennoch lassen sich die wirtschaftlichen Vorteile der Smart Factory nicht wegreden, und ich selbst habe, wie erwähnt, jene brillanten Menschen erlebt, die alles daransetzen, diese Vision in die Realität umzusetzen.

Ich erzähle den Menschen gern, dass die Zukunft näher ist als sie denken. Ebenso vermittele ich meinen Kollegen in der IEEE 802.1 Task Group gern, dass die IACS-Anbieter im Deployment zeitsensibler Netze mehr Erfahrung besitzen als irgendeine andere Branche. Natürlich wird es einige Zeit dauern, bis sich die Vision der Smart Factory in ihrer ganzen Tiefe materialisieren wird, aber die Akteure in der Automatisierungsbranche werden ihre immense Erfahrung in die Waagschale werfen und das praktische Deployment von TSN-Netzen zur Realität machen. Auch wenn dies tatsächlich nur schrittweise geschehen wird, ist die Transformation dennoch unausweichlich.

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