Christophe de Maistre, Zone President DACH bei Schneider Electric

Bild: Robert KLUBA/REA

Christophe de Maistre, Schneider Electric „Die Energiekrise rettet uns alle!“

30.08.2022

Musste erst eine Energiekrise kommen, damit Unternehmen auch mit Nachhaltigkeit nachhaltig agieren? Im Interview mit A&D erklärt Christophe de Maistre, Zone President DACH bei Schneider Electric, warum Nachhaltigkeit bei Unternehmen nicht nur aus Sicht der CO2-Reduzierung immens an Bedeutung gewinnt und welche Chancen sich daraus ergeben.

Von einer Krise in die nächste könnte man derzeit sagen. Wie ging es Schneider Electric eigentlich während der Corona-Pandemie?

Durch die Covid-Wellen sind wir durch unsere dezentralisierte Organisation sehr gut durchgekommen. Modelle wie Home-Office und ortsunabhängiges arbeiten praktizieren wir schon lange und waren insofern bestens darauf vorbereitet. Unser Geschäft mit digitalen Services ist stark gewachsen, besonders über unsere Datacenter. Hier unterstützen wir seit Anfang an die digitale Transformation – und Datacenter sind das Herzstück dafür. Wir haben in Deutschland rund 50 Prozent Marktanteil bei Rechenzentren welche ja auch die ganze Mittelspannung, Niederspannung, Energieverteilung, Präzisionsklimatisierung, Notstromversorgungen und die so wichtige Management Software zur Verwaltung aller Datenpunkte benötigen. Wir können alles aus einer Hand bieten und haben so auch in diesen Bereichen gutes Wachstum verzeichnet. Auch das Bewusstsein und die Mentalität der Kunden im Umgang mit der Digitalisierung hat sich sehr schnell und deutlich geändert. Was früher undenkbar gewesen ist, können wir heute bei unseren Kunden wie selbstverständlich „aus der Ferne“ erledigen. Wir machen beispielsweise digitale Prozessaudits und unterstützen im Aufbau von Fertigungsanlagen über Remote-Lösungen. Das steigert auch in Zeiten, wo Reisen wieder möglich ist, die Effizienz deutlich. Kosten werden so gesenkt und wir reduzieren durch weniger Reisetätigkeiten auch die CO2-Emissionen. Wo wir alle, also die gesamte Industrie, weiterhin leiden, sind die anhaltende Knappheit von Komponenten und natürlich jetzt die massiv steigenden Energiekosten.

Sie erwähnten die Reduzierung der CO2-Emissionen. Ist das schon lange grüne Logo von Schneider Electric Zufall gewesen, oder setzte man sich sehr früh mit Nachhaltigkeit auseinander?

Die Farbe Grün in unserem Logo ist alles andere als Zufall, denn Schneider Electric und Nachhaltigkeit haben eine lange Tradition. Sie ist und bleibt der Kern unseres Handelns. Im Jahr 2005 waren wir die Ersten, die mit einem branchenführenden Nachhaltigkeitsbarometer unsere Auswirkungen auf Menschen, Umwelt und Gewinn überwacht haben. Und unser Jean-Pascal Tricoire, Chairman and CEO des Unternehmens, setzte bereits damals für jede einzelne Division der gesamten Schneider-Gruppe Nachhaltigkeitsziele. So musste seitdem der CO2-Footprint jedes Jahr um fünf Prozent reduziert werden – ohne Ausnahme! Doch wie schafft man die Ziele? Das geht los bei sehr offensichtlichen Möglichkeiten wie die verpflichtende Installation von Photovoltaik-Anlagen auf jedem Office-Gebäude, jedem Werk weltweit. Wir werden auch mit das erste große Unternehmen sein, das seinen 14.000 Fahrzeuge umfassenden Fuhrpark bis Ende 2023 vollständig auf E-Mobilität umstellt. Allein in der DACH-Region sind das rund 1.200 Fahrzeuge. Das ist ein Commitment, hier gibt es einfach keine Diskussionen. Jetzt könnten Sie sagen, nicht jeder Mitarbeiter hat zuhause eine Lademöglichkeit. Richtig, aber dann sorgen wir als Unternehmen für den Zugang zu einer Ladesäule. Wir wollen auf dem Weg zur All Electric Society Vorreiter sein. Und deshalb müssen wir Nachhaltigkeit vorleben, sonst sind wir beim Kunden unglaubwürdig. Wenn die Aussagen von einem CEO nicht mit dem eigenen Handeln und dem Spirit im Unternehmen übereinstimmen, dann haben sie schon verloren. Außerdem laufen einem als Unternehmen dann die Talente weg. Denn gerade die nachrückende junge Generation an Fachkräften legt sehr viel Wert darauf, wie Unternehmen mit dem Klimaschutz und Energiesparen umgehen. Und das finde ich hervorragend. Denn hier haben wir gute Karten. Wir sind laut Corporate Knights das „nachhaltigste Unternehmen der Welt 2021“ und zudem jüngster Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises im Bereich „Transformationsfeld Klima“.

Fließt denn nachhaltiges Denken auch in die Produkte von Schneider Electric bereits ein?

Absolut! Bei der Entwicklung neuer Produkte denken wir immer über Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft nach. Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel, auf das ich sehr stolz bin. Anfang 2022 präsentierten wir mit Merten Ocean Plastic die weltweit erste Schalter- und Steckdosenserie aus recyceltem Ozeanplastik. Damit befreien wir die Umwelt nicht nur von Plastikabfällen, sondern reduzieren mit dem recycelten Material auch CO2-Fußabdruck um ungefähr 82 Prozent gegenüber dem sonst verwendeten Kunststoff. Auch die Verpackung der Produkte besteht zu 100 Prozent aus vollständig recyclebaren Materialien. Das sind alles kleine Schritte, aber diese summieren sich auch.

Welchen Stellenwert nehmen nachhaltige Lösungen inzwischen bei Ihren Kunden ein? Denn Nachhaltigkeit ist nur so lange gut, wenn es nicht mehr kostet… Oder sind Ihre Kunden bereit, auch ein bisschen mehr Geld auszugeben?

Ja, hier findet definitiv ein Wandel statt, insbesondere der nachrückenden jungen Generation sind nachhaltige Produkte wichtig. Hier kommen beispielsweise auch unsere Schalter und Steckdosen aus recyceltem Ozeanplastik super an. Diesen sehr erfreulichen Wandel beobachten wir überall. Wenn man beispielsweise daran denkt, wie viele jungen Menschen heute überhaupt keinen Führerschein mehr haben – das wäre in unserer Generation undenkbar gewesen. Das gleiche gilt auch für die Karriere, junge Leute wollen lieber etwas bewegen und die Welt besser machen. Das klingt zwar pathetisch, aber sie bekommen keinen Nachwuchs mehr, wenn das Unternehmen nicht nachhaltig agiert. Das Bewusstsein hat sich also geändert, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz nehmen also bei Produkten und Lösungen zunehmend eine zentrale Rolle ein. Es entsteht derzeit ein einmaliges Momentum aus dem Dreigestirn Energiekrise mit Gasknappheit, den zwingend zu erreichenden Klimazielen und dem Bewusstsein der nachrückenden Generation. Wir müssen das also als Chance sehen, dass wir alle endlich mit Nachhaltigkeit nachhaltig agieren. Und gerade das intelligente Energiemanagement spielt hier eine bedeutende Rolle. Denn nichts ist nachhaltiger als Energie die gar nicht erst benötigt wird. Damit befassen sich nunmehr auch mittelständische Unternehmen. Hier zeichnen sich Trends in Richtung Micro-Grids und Dezentralisierung ab, um unabhängiger von einzelnen Energieströmen wie Gas zu werden. Nicht vergessen sollten wir auch den Einfluss der ESG und der EU-Taxonomie. Hier geht es um den Erhalt, beziehungsweise Ausbau der Unternehmenswerte beziehungsweise die Steuerung von Finanzflüssen in Richtung nachhaltiger Vorhaben.

Sollte sich also jeder Industriebetrieb zwingend um alternative Energieströme kümmern?

Ich kann Ihnen sogar sagen, dass einige Mittelständler in Deutschland richtig Angst vor der Energiekrise haben. In Europa sind wir alle sehr verwöhnt, weil Strom immer vorhanden ist. Können Sie sich an einen Blackout in Europa erinnern? In den USA hingegen ist das beispielsweise ganz anders, hier kommen Blackouts des Öfteren vor. Ohne Strom können Unternehmen schlagartig nicht mehr produzieren. Darum müssen Industriebetriebe derzeit Konzepte entwerfen, wie sie mit Smart Grids und Micro Grids die Versorgung auch künftig sicherstellen können. Automatisierung und Digitalisierung sorgen dabei für intelligente Lastverteilung und die richtige Balance der Energieströme. Der Aufwand ist teilweise sehr groß, aber nichts machen ist keine Alternative, sonst kann bald schlagartig Stillstand herrschen.

Ist ein smartes Energiemanagement dabei ein großer Hebel für Unternehmen, nachhaltiger zu produzieren?

Wir bei Schneider Electric waren vor vielen Jahren ebenfalls ein intensiver Verbraucher von Energie mit unseren Produktionsstätten. Daraus haben wir sehr viel gelernt und wissen nun, worauf es wirklich ankommt, um den CO2-Footprint stetig und deutlich zu senken. Hierzu zählt auch die Betrachtung der Kühlung von Prozessen, Maschinen und ganzen Anlagen, oder wie lässt sich entstehende Abwärme wieder effizient nutzen. Wir bei Schneider Electric betrachten dabei nicht nur die Produktion, sondern sehen auch den ganzheitlichen Gebäudesektor. Rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland wird durch Gebäude verursacht. Die Digitalisierung und ein smartes Energiemanagement sind die entscheidenden Hebel für mehr Effizienz. Also ja, in ein smartes Energiemanagement, welches die Digitalisierung voraussetzt, müssen sowohl Industrien als auch Gebäudebetreiber massiv investieren, denn die Einsparpotenziale sind sehr groß.

Sie sprachen vorhin von den recycelten Lichtschaltern. Fordern Kunden bereits auch Nachweise über eine nachhaltige Produktion? Oder welche Rohstoffe verwendet werden, woher diese kommen, oder ob es eine Kreislaufwirtschaft gibt?

Das wird im industriellen Umfeld noch zu wenig gefordert – leider! Gerade wenn es aber um den Scope 3, als um die indirekte Einsparung von Emissionen entlang der Lieferkette eines Unternehmens geht, kommen solche Themen natürlich beispielsweise auch verstärkt auf mittelständische Zulieferbetriebe zu. Hier findet also zunehmend ein Umdenken statt und auch die gesetzlichen Vorgaben werden sich ändern. Auch hier dient die Krise mit der Energie- und Komponentenknappheit – man muss es fast so sagen – als erfreulicher Beschleuniger. Und wir führen schon jetzt in einzelnen Bereichen eine Circular Economy durch. Beispielsweise nutzen wir aus alten Leistungsschaltern wieder die Komponenten und machen ein Retrofit, denn Material wie Kupfer ist einfach knapp geworden. Wir haben viele Ideen und Entwicklungen, wie wir die Kreislaufwirtschaft in unsere Produkte integrieren. Und das Kundenfeedback ist sehr positiv! Spannend und sehr erfreulich ist auch zu beobachten, dass sich die Denkweise bei den Ingenieuren und Entwicklern ändert, die bereits beim Produktdesign an die Kreislaufwirtschaft denken. Wir müssen also die aktuellen Krisen als Chance für uns alle sehen, damit Nachhaltigkeit endlich gelebt wird. Und ich bin auch absolut begeistert, wie schnell und innovativ besonders von jungen Nachwuchskräften derzeit Ideen entstehen, die bisher undenkbar waren.

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