Lange wurde der digitale Produktpass (DPP) vor allem als bürokratische Auflage aus Brüssel betrachtet. Inzwischen zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Der Markt für entsprechende Lösungen soll von 379,4 Millionen US-Dollar im Jahr 2026 auf 6,34 Milliarden US-Dollar im Jahr 2035 wachsen, dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 36,7 Prozent. Europa ist dabei führend, angetrieben durch strenge Umweltauflagen und eine konsequente Kreislaufwirtschaftspolitik. Japan wiederum ist der am schnellsten wachsende Markt. Damit wird aus einem Pflichtthema ein eigenständiges Technologiesegment.
Treiber dieser Entwicklung ist die EU-Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR), die den digitalen Produktpass in zahlreichen Branchen verbindlich vorschreibt. Für Batterien wird er ab 2027 Pflicht, bis 2028 folgen unter anderem Textilien und Elektronik. Parallel dazu wächst der Druck durch Produktfälschungen, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen und die Erwartung einer nachvollziehbaren Beschaffung. Deshalb setzen Unternehmen nicht nur aus Gründen der Vorschriftenerfüllung, sondern auch zur Transparenzsteigerung ihrer Lieferketten und zur Erfüllung von ESG-Berichtspflichten auf Rückverfolgbarkeitslösungen.
Aktiver Datensatz statt passives Etikett
Im Kern ist der digitale Produktpass ein strukturierter Datensatz, der ein physisches Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus begleitet. Er bündelt zentrale Informationen zur Materialzusammensetzung, Herkunft, Zertifizierungen und Umweltbilanz und enthält Hinweise zu Reparatur und Recycling. Anders als klassische Trackingsysteme ermöglicht er einen interoperablen Datenaustausch in Echtzeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit verändert sich der Charakter von Produktdaten grundlegend. Aus einem passiven Datensatz wird ein aktiver, strategisch nutzbarer Vermögenswert, der nicht nur die Compliance sichert, sondern auch die operative Transparenz und Entscheidungen verbessert.
Warum Unternehmen jetzt handeln müssen
Die Dringlichkeit ergibt sich aus dem ehrgeizigen Zeitplan der EU. Erste Branchen, darunter die Batterieindustrie, die Textilherstellung und die Unterhaltungselektronik, werden bereits in naher Zukunft zur Umsetzung verpflichtet sein. Unternehmen, die den Anpassungsprozess verschlafen, riskieren nicht nur Bußgelder, sondern im schlimmsten Fall den Ausschluss vom EU-Binnenmarkt.
Es ist deshalb sinnvoll, den Produktpass nicht als reine Last, sondern als Chance zu begreifen: Lieferketten können effizienter gestaltet und das Vertrauen der Kunden durch nachweisbare Nachhaltigkeit gestärkt werden. Die Vorbereitung braucht allerdings Zeit, denn Daten aus oft fragmentierten globalen Lieferketten müssen zunächst zusammengeführt und standardisiert werden. Genau hier entscheidet sich, ob aus der Pflicht ein Wettbewerbsvorteil wird.
Kein Produktpass ohne saubere Datenbasis
Die eigentliche Herausforderung liegt weniger im Pass selbst als in den dahinterstehenden Daten. Materialstämme, Stücklisten, Lieferanten- und Chargeninformationen, Zertifikate oder Nachhaltigkeitskennzahlen entstehen verteilt über viele Systeme und Abteilungen hinweg. Damit ein Produktpass verlässlich, prüfbar und aktuell bleibt, müssen diese Informationen zentral zusammengeführt und durchgängig gepflegt werden.
Hier kommt das ERP-System ins Spiel. Als zentrale Steuerungsplattform bündelt es genau die kaufmännischen und produktbezogenen Daten, die der digitale Produktpass benötigt, und kann sie standardisiert und interoperabel bereitstellen. Dies ist besonders relevant für den industriellen Mittelstand mit vielen Lieferanten, Varianten und Produkten. Unternehmen, die ihre Stamm- und Bewegungsdaten ohnehin im ERP konsolidieren, verfügen über die beste Ausgangsbasis, um regulatorische Anforderungen effizient zu erfüllen und Produktdaten zugleich für Auswertungen und neue Geschäftsmodelle zu nutzen. Damit wird das ERP-System vom Verwaltungswerkzeug zum Datenrückgrat einer kreislauffähigen Wertschöpfung. Anbieter wie Proalpha setzen genau an diesem Punkt an. Ihre ERP-Lösungen sind auf die Anforderungen des industriellen Mittelstands zugeschnitten und führen Material-, Lieferanten- und Nachhaltigkeitsdaten so zusammen, dass sie sich standardisiert und interoperabel für den digitalen Produktpass bereitstellen lassen.
KI trifft Kreislaufwirtschaft: Der Pass denkt mit
Die aktuelle Forschung zeigt, wie weit das Potenzial reicht. Im Projekt iPassPro arbeitet ein Konsortium aus Wissenschaft und Industrie am Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn an einem intelligenten Produktpass. Dieser erweitert bestehende DPP-Konzepte um semantische, dynamische und KI-gestützte Funktionen. Kernstück ist der sogenannte Circular Intelligence Hub, eine Engineering-Plattform, die heterogene Datenquellen integriert, verknüpft und mithilfe von KI-Methoden zu entscheidungsrelevantem Wissen aufbereitet.
Der Ansatz setzt bewusst früh an. Bereits in der Produktentwicklung werden die wesentlichen Entscheidungen über Reparierbarkeit, Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit getroffen. Werden diese Aspekte von Anfang an berücksichtigt und datenbasiert unterstützt, lässt sich Kreislaufwirtschaft systematisch in die Entwicklung integrieren. Das öffentlich geförderte Projekt läuft bis 2029 und verdeutlicht diese Richtung. Der Produktpass entwickelt sich vom statischen Nachweis zum intelligenten Werkzeug, das produktbezogenes Wissen über den gesamten Lebenszyklus nutzbar macht.
Der Produktpass ist ein Startpunkt, kein Selbstzweck
Noch wird der digitale Produktpass vielerorts als regulatorische Belastung diskutiert. Tatsächlich markiert er jedoch den Einstieg in eine datengetriebene und kreislauforientierte Wertschöpfung. Denn er standardisiert nicht nur Produktinformationen, sondern schafft auch eine durchgängige Datenbasis für mehr Transparenz, effizientere Prozesse und nachhaltigere Geschäftsmodelle.
Für Unternehmen lautet die strategische Frage daher nicht mehr, ob der Produktpass umgesetzt wird, sondern wie: Als isoliertes Compliance-Projekt oder als Grundlage einer modernen, vernetzten Datenarchitektur. Wer jetzt die richtigen Weichen stellt und sein ERP-System als zentrale Datenquelle versteht, schafft die Voraussetzungen für effizientere Abläufe, bessere Entscheidungen und mehr Resilienz – gerade im industriellen Mittelstand.