Das Paradox der neuen Arbeitszeitpolitik

Das Burnout-Gesetz: Wird Flexibilität zur Falle?

43 Prozent der Beschäftigten arbeiten laut DGB-Index „Gute Arbeit 2025“ bereits heute regelmäßig länger als acht Stunden täglich und das oft unfreiwillig. Trotzdem plant die Bundesregierung, die tägliche Höchstarbeitszeit abzuschaffen.

Bild: Gemini, publish-industry
15.06.2026

Ein Drittel der Beschäftigten kann nach der Arbeit nicht mehr abschalten. Fast die Hälfte fühlt sich regelmäßig ausgebrannt. Die Antwort der Politik sind längere Arbeitszeiten. WSI-Forscherin Dr. Elke Ahlers erklärt, warum dies der falsche Ansatz ist.

Die Bundesregierung will die tägliche Höchstarbeitszeit abschaffen, um Arbeitszeiten weiter zu flexibilisieren und zeitweilig noch längere Arbeitstage zu ermöglichen als bisher. Ein erklärtes Ziel ist es, dadurch trotz des demografischen Wandels ein hohes Arbeitsvolumen zu erhalten. Doch die Deregulierung könnte kontraproduktiv wirken – sowohl mit Blick auf die wachsende Zahl älterer Beschäftigter als auch auf jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Familienphase.

Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt

Vor den Folgen dieser Entwicklung warnt Dr. Elke Ahlers, Expertin für Arbeit und Gesundheit im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Dabei sind beide Gruppen auf dem alternden und gleichzeitig zunehmend digitalisierten deutschen Arbeitsmarkt sehr wichtig. „In einer Gesellschaft, in der viele Menschen schon heute kaum noch abschalten können, wird das Recht auf Erholung zu einer zentralen sozialen Ressource“, betont die Forscherin in einer neuen Analyse. Diese Ressource zu nutzen, ist ihrer Meinung nach eine Voraussetzung, um Produktivität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu stärken. „Genau deshalb ist das Arbeitszeitgesetz heute wichtiger denn je“, schreibt Ahlers. „Zukunftsfähige Arbeitszeitpolitik muss Produktivität, Gesundheit, Fachkräftesicherung und Lebensqualität gemeinsam denken. Andernfalls droht die paradoxe Situation, dass ausgerechnet jene Beschäftigten, die länger arbeiten sollen, unter Bedingungen arbeiten, die eine längere Erwerbstätigkeit gesundheitlich erschweren.“

Daueranspannung durch den Arbeitsalltag

Ahlers schreibt, dass viele Menschen ihren Alltag inzwischen als Daueranspannung erleben – zwischen Arbeit, Krisennachrichten, familiären Anforderungen und permanenter Erreichbarkeit. Laut Umfragen habe jede und jeder dritte Beschäftigte inzwischen das Gefühl, nach der Arbeit nicht mehr richtig abschalten zu können. Die meisten Menschen brauchen keine wissenschaftlichen Studien, um zu wissen, dass sie erschöpft sind. Sie merken es morgens beim Blick aufs Handy, abends beim Gefühl, nie wirklich fertig zu sein, oder an dem schlechten Gewissen, selbst die freie Zeit noch „effizient“ nutzen zu müssen.

Der Index „Gute Arbeit 2025“, eine repräsentative Befragung im Auftrag des DGB, zeigt, dass bereits heute 43 Prozent der Beschäftigten häufig länger als acht Stunden pro Tag arbeiten. „Meistens tun sie das nicht freiwillig, sondern weil die Arbeitsmenge sonst nicht zu bewältigen wäre“, unterstreicht WSI-Expertin Ahlers. Fast die Hälfte dieser Beschäftigten fühlt sich nach der Arbeit regelmäßig leer oder ausgebrannt. Besonders problematisch sind zudem verkürzte Ruhezeiten. Wer häufig weniger als die gesetzlich vorgesehenen elf Stunden Erholung zwischen zwei Arbeitstagen hat, berichtet deutlich häufiger von Erschöpfung und Überlastung.

Dass die Debatte um längere Arbeitszeiten an der Lebensrealität vieler Beschäftigter vorbeigeht, zeigen laut Ahlers auch Befunde aus der WSI-Erwerbspersonenbefragung von 2024. Über die Hälfte der befragten abhängig Beschäftigten berichtet in ihrem Tätigkeitsfeld von Arbeitskräfteengpässen. Besonders hoch ist der Anteil im Gesundheits- und Sozialwesen, im Baugewerbe, in Bildungseinrichtungen und im Gastgewerbe. Personalengpässe sorgen dort bereits seit Längerem dafür, dass Überstunden, Mehrarbeit und Arbeitsverdichtung zur Normalität geworden sind. Viele Beschäftigte berichten zugleich, dass nicht nur ihre eigene Belastung steigt, sondern auch die Qualität der Arbeit und das Betriebsklima leiden. Die Folge sind sinkende Arbeitszufriedenheit, emotionale Erschöpfung und eine zunehmende innere Distanz zur Arbeit.

Krankheit als Leistungsverweigerung?

„Damit zeigt sich ein zentraler Widerspruch der aktuellen Arbeitszeitdebatte: Während viele Beschäftigte bereits heute an Belastungsgrenzen arbeiten, wird politisch gleichzeitig über längere und flexiblere Arbeitszeiten diskutiert“, analysiert die Gesundheitsexpertin. Auch die parallel geführte Debatte über Fehlzeiten durch Krankheit greift deshalb häufig zu kurz. „Erschöpfung und gesundheitliche Ausfälle sind nicht Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern oft die Folge dauerhaft belastender Arbeitsbedingungen.“

Mittlerweile ist fast ein Viertel aller Erwerbstätigen in Deutschland zwischen 55 und 64 Jahre alt. Sie sollen nach politischen Vorstellungen möglichst lange im Erwerbsleben bleiben. Andere Befunde der WSI-Erwerbspersonenbefragung zeigen, dass ältere Beschäftigte unter Umständen durchaus bereit wären, länger zu arbeiten – allerdings unter anderen Bedingungen. In der Befragungswelle 2025 erklärten fast die Hälfte derjenigen mit Ruhestandsplänen, sie könnten sich einen späteren Ausstieg vorstellen, wenn sie mehr Zeit für sich hätten und vor allem auch mehr Einfluss auf Arbeitsbedingungen, Arbeitsinhalte und Arbeitszeiten hätten.

„Die Arbeitswelt altert massiv. Gerade deshalb kann eine älter werdende Erwerbsbevölkerung nicht dauerhaft über Arbeitsverdichtung, längere Arbeitszeiten und permanente Erreichbarkeit stabilisiert werden. Vielmehr gewinnen gesundheitsförderliche, planbare und selbstbestimmte Arbeitszeiten zunehmend an Bedeutung“, betont Ahlers.

Zeitsouveränität: Die zentrale soziale Frage der kommenden Jahre

Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei sehr wichtig, insbesondere für die Erwerbstätigkeit von Frauen. In einer alternden Gesellschaft geht es aber zunehmend auch um die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit Pflegeaufgaben, gesundheitlicher Regeneration, Weiterbildung oder gesellschaftlicher Teilhabe. Viele Beschäftigte wünschten sich nicht einfach „weniger Arbeit“, sondern mehr Einfluss auf ihre Arbeitszeiten und verlässlichere Zeitstrukturen im Lebensverlauf, so die WSI-Forscherin. „Genau darin liegt eine der zentralen sozialen Fragen der kommenden Jahre: die Frage nach Zeitsouveränität.“

Gerade in dieser Situation sei das Arbeitszeitgesetz wichtiger denn je, betont die Expertin. Denn es sichert etwas, das in modernen Arbeitsgesellschaften immer knapper wird: echte Erholung. Mit seinen täglichen Höchstarbeitszeiten schützt es Beschäftigte gerade unter den Bedingungen digitaler und hochverdichteter Arbeitszeiten vor dauerhafter Überlastung und Entgrenzung. Und es verbindet diesen Schutz zugleich mit erheblichen betrieblichen Gestaltungsspielräumen und regelbasierter Flexibilität. Forschung und praktische Erfahrung zeigen auch, dass gute Arbeitszeitlösungen meist dort entstehen, wo Mitbestimmung, Tarifverträge und kollektive Aushandlungsprozesse stark sind.

Aus der gesellschaftlichen Perspektive des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sei das Gesetz ebenso wichtig wie ökonomisch sinnvoll. Denn wer bereits dauerhaft unter hoher mentaler Belastung steht, wird durch zusätzliche Arbeitszeit kaum leistungsfähiger oder motivierter, betont Ahlers. Im Gegenteil: Arbeitswissenschaftlich ist seit langem gut belegt, dass lange und atypische Arbeitszeiten erhebliche gesundheitliche Folgen haben können, wie beispielsweise höhere Unfallrisiken, Schlafprobleme, psychische Erschöpfung und frühere Erwerbsausstiege. Außerdem entstehe Produktivität nicht allein durch längere Anwesenheit oder höhere zeitliche Verfügbarkeit, sondern ebenso durch Regeneration, Konzentrationsfähigkeit und gesundheitliche Stabilität.

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