Deutschland nutzt das Potenzial von Forschung und Entwicklung kaum, um die eigene Sicherheit zu stärken. Es mangelt an Steuerung und Strukturen, die zivile Neuentwicklungen für die Verteidigungsfähigkeit nutzbar machen und umgekehrt militärtechnische Fortschritte für zivile Zwecke einsetzen. Das zeigt eine Studie von Acatec – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Diese enthält Vorschläge zur Verzahnung ziviler und militärischer Neuentwicklungen, beispielsweise durchgängige und ressortübergreifende Innovations- und Beschaffungspfade.
Dual-Use-Potenzial bleibt ungenutzt
Das Hauptproblem, so die Studienautoren, ist, dass trotz der veränderten sicherheitspolitischen Lage die zivilen und militärischen Innovationssysteme in Deutschland entkoppelt bleiben. „Innovationen in Künstlicher Intelligenz, Raumfahrt, Sensorik, Cybersicherheit oder High-Tech-Materialien sind für zivile und militärische Anwendungen gleichermaßen wichtig“, erklärt Christoph M. Schmidt, Acatech Vizepräsident, Mitherausgeber und wissenschaftlicher Co-Leiter der Studie. „Dennoch behandeln wir solche vielseitig einsetzbaren Technologien strukturell getrennt: mit separierter Forschung, getrennten Förderprogrammen und unterschiedlichen Finanzinstrumenten“, so Schmidt.
Innovationsverlust im Übergang zur Praxis
Die Studie zeigt, dass diese Entkopplung es Neueinsteigern besonders erschwert, neue Ansätze für sicherheitsrelevante Lösungen einzubringen. Während traditionelle Rüstungsunternehmen durch Kapitalreserven und langfristige staatliche Beschaffungsaufträge abgesichert sind, fehlen solche Sicherheiten bei Start-ups, mittelständischen Unternehmen und anwendungsnaher Forschung. Hinzu kommt, dass der militärische Nutzen neuer Technologien in frühen Entwicklungsphasen oft nicht absehbar ist. „Zwischen Forschung, Praxistransfer und wirtschaftlicher Skalierung gehen Deutschland zu viele Innovationen verloren. Das ist die Folge eines Systems, dessen Teile noch nicht hinreichend aufeinander abgestimmt sind“, sagt Schmidt.
Die Studie empfiehlt durchgängige Innovations- und Beschaffungspfade sowie ressortübergreifende Förderprogramme der zuständigen Ministerien, um sicherheitsrelevante und multiple-use-fähige Forschung frühzeitig zu erkennen und zu unterstützen. Sie identifiziert bereits verfügbare Ansätze, die jedoch noch nicht ausreichend zusammenwirken: Brückeneinrichtungen wie der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr, die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND oder regionale Defence-Cluster bringen Start-ups, Wissenschaft und Truppe zusammen. Entscheidend sei es, diese Ansätze so zu verankern, dass erfolgreichen Pilotvorhaben verlässliche Übergänge in die reguläre Beschaffung gelingen.
Beschaffungslogik blockiert Innovationskraft
In der staatlichen Beschaffung sehen die Autorinnen und Autoren einen entscheidenden Hebel für Synergien zwischen zivilen und militärischen Innovationen: Wenn sich militärische Beschaffung auf schnell verfügbare Lösungen beschränkt, geht dies zulasten innovativer, aber noch nicht vollständig ausgereifter Ansätze, warnen sie. Dieser Pragmatismus schwächt langfristig die Fähigkeit Deutschlands, sicherheitsrelevante Technologien selbst zu entwickeln und strategische Abhängigkeiten zu verringern.
Die Studie verweist auf Instrumente, die genau das leisten könnten, bislang aber zu wenig genutzt werden: vorkommerzielle Auftragsvergabe, frühe Testmöglichkeiten in realitätsnahen Umgebungen und ein kontinuierlicher Marktdialog. Wenn die Bundeswehr als Bedarfsträger früh eingebunden wird und Innovationen iterativ statt nach starrer Vorabspezifikation entwickelt werden, sinken die Hürden für Start-ups und mittelständische Unternehmen, so die Empfehlung der Studie. „Die Beschaffung sollte sich als starke Schnittstelle zwischen Bedarf, Erprobung, Skalierung und Markteintritt militärischer wie ziviler Innovationen verstehen“, sagt Schmidt.
Anforderung an Forschungssicherheit schreckt zivile Akteure ab
Eine weitere Eintrittsbarriere für zivile Akteure sieht die Studie in der unausweichlichen Anforderung, Forschungssicherheit zu gewährleisten. Diese soll sicherheitsrelevantes Wissen vor Spionage und Missbrauch schützen. Forschende im zivilen Bereich fürchten jedoch Nachteile für ihre Karriere: durch Geheimhaltungsvorschriften, Publikationsbeschränkungen und Auflagen für die Kooperation mit Forschenden aus dem Ausland. Forschungssicherheit wird vielfach als bürokratische Zusatzlast empfunden, weil differenzierte, risikobasierte Orientierungsrahmen fehlen.
„Ein offenes Wissenschaftssystem ist auch bei stärkerer Verzahnung militärischer und ziviler Forschung keine Gefahr, sondern unsere größte strategische Ressource“, sagt Claudia Eckert, Acatech Präsidentin und Mitherausgeberin der Studie. „Offenheit und Sicherheit können in Zielkonflikt geraten, deshalb brauchen sie eine Governance, die beides institutionell abbildet und Orientierung bietet.“
Breite Zustimmung, doch fehlende Strukturen
Die Bevölkerung sieht politischen Handlungsbedarf in Sicherheitsfragen, wie das repräsentative TechnikRadar 2026 von Acatech zeigt: 78 Prozent der Deutschen halten die Sicherung der Verteidigungsfähigkeit für wichtig und 74 Prozent befürworten die Förderung von Technologien zur Abwehr von Cyberangriffen. Die Mehrheit (51 Prozent) spricht sich dabei für Hochschulforschung aus, die zur militärischen Verteidigung nutzbar ist.
Claudia Eckert betont, dass die gesellschaftliche Bereitschaft vorhanden sei, aber die strukturellen Voraussetzungen, sie zu nutzen, fehlten. „Wir brauchen durchgängige, klare Strukturen für sicherheitsrelevante und multiple-use-fähige Forschung, für ihre Förderung und für ihre Anwendungen in der zivilen Wirtschaft und im Verteidigungsbereich.“