Der demografische Wandel stellt die Industrie vor eine doppelte Herausforderung: Einerseits müssen Unternehmen offene Stellen besetzen, andererseits müssen sie das Erfahrungswissen langjähriger Mitarbeitender bewahren. Denn mit jeder Verrentung droht Wissen verloren zu gehen, das für Qualität, Produktivität und Prozesssicherheit von entscheidender Bedeutung ist. Michael Kunze, Geschäftsführer von MKey Solution und Experte für die Digitalisierung der Industrie, erläutert, warum Unternehmen die Erfahrung ihrer Mitarbeitenden jetzt systematisch sichern müssen und welche Rolle Werkerassistenzsysteme dabei spielen.
Der Fachkräftemangel beschäftigt die Industrie bereits seit Jahren. Meist geht es dabei um offene Stellen, fehlende Bewerber und Bewerberinnen oder den Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Dabei gerät ein anderer Aspekt oft in den Hintergrund: Mit dem Renteneintritt der Babyboomer verlassen nicht nur Arbeitskräfte die Unternehmen, sondern auch jahrzehntelang aufgebautes Erfahrungswissen. Gerade in der Produktion ist dieses Wissen häufig entscheidend für Qualität, Produktivität und Prozesssicherheit – und es lässt sich nur schwer ersetzen.
Erfahrung verschwindet nicht auf Knopfdruck
Die Dimension dieser Entwicklung ist erheblich. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes werden bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Renteneintrittsalter erreichen. Das entspricht knapp einem Drittel aller heutigen Erwerbspersonen. Gleichzeitig sind die nachrückenden Jahrgänge zahlenmäßig deutlich kleiner. Der Arbeitsmarkt wird diese Lücke deshalb auf absehbare Zeit nicht schließen können. Diese Entwicklung trifft die Industrie besonders stark. Zwar verschwindet mit jedem Renteneintritt zunächst nur eine einzelne Person. Tatsächlich geht jedoch weit mehr verloren als eine besetzte Stelle.
Langjährige Mitarbeitende kennen unzählige Besonderheiten einer Fertigung: Sie wissen beispielsweise, welche Reihenfolge bei einem komplexen Montageprozess zuverlässig funktioniert, wie sich Materialchargen unterschiedlich verhalten oder welche Anzeichen auf einen entstehenden Fehler hindeuten. Dieses Erfahrungswissen wurde jedoch selten vollständig dokumentiert. Es entsteht über Jahre hinweg im täglichen Umgang mit Maschinen, Produkten und Prozessen. Gerade dort, wo Variantenvielfalt zunimmt und Losgrößen kleiner werden, gewinnt dieses implizite Wissen zusätzlich an Bedeutung. Produktionsabläufe werden komplexer, Produktwechsel erfolgen häufiger und die Qualitätsanforderungen werden höher. Gleichzeitig verkürzt sich die Zeit, in der neue Mitarbeitende eingearbeitet werden können. Unternehmen stehen somit vor der Herausforderung, Wissen schneller weiterzugeben, als es verloren geht.
Viele Betriebe reagieren auf dieses Problem mit Prozessbeschreibungen, Arbeitsanweisungen oder Wissensdatenbanken. Das ist zwar sinnvoll, löst das eigentliche Problem aber nur teilweise. Denn Informationen entfalten ihren Wert erst, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind. Ein mehrseitiges PDF kann eine Unterstützung direkt am Arbeitsplatz nicht ersetzen. Beschäftigte müssen Informationen suchen, interpretieren und auf ihre konkrete Arbeitssituation übertragen. Unter Zeitdruck steigt dabei die Gefahr von Missverständnissen oder Prozessabweichungen. Besonders neue Mitarbeitende oder Springer profitieren deshalb nur begrenzt von klassischen Dokumentationen. Hinzu kommt, dass Produktionsprozesse kontinuierlich angepasst werden. Arbeitsanweisungen veralten schnell, wenn Änderungen nicht konsequent nachgeführt werden. Das erschwert einen standardisierten Wissenstransfer zusätzlich.
Werkerassistenz: Digitale Anleitungen für komplexe Abläufe
Genau an dieser Stelle können moderne Werkerassistenzsysteme einen entscheidenden Beitrag leisten. Ihr eigentlicher Mehrwert besteht nicht darin, Mitarbeitende zu kontrollieren oder ihre Arbeit zu ersetzen. Vielmehr machen sie vorhandenes Unternehmenswissen jederzeit verfügbar. Digitale Schritt-für-Schritt-Anleitungen führen Beschäftigte sicher durch komplexe Arbeitsabläufe. Bilder, Videos oder Augmented-Reality-Anwendungen vermitteln Informationen dort, wo sie benötigt werden – unmittelbar am Arbeitsplatz.
Prozessänderungen lassen sich zentral aktualisieren und stehen anschließend allen Mitarbeitenden sofort zur Verfügung. Dadurch wird der Aufwand für Schulungen reduziert und die Abhängigkeit von einzelnen Wissensträgern verringert. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Qualitätssicherung. Arbeitsschritte werden nachvollziehbar dokumentiert, Prüfungen lassen sich gezielt integrieren und Fehler können frühzeitig vermieden werden. Das verbessert die Produktqualität und entlastet erfahrene Fachkräfte. Anstatt immer wieder dieselben Fragen zu beantworten oder neue Kolleginnen und Kollegen dauerhaft zu begleiten, können sie ihre Expertise gezielt dort einsetzen, wo sie tatsächlich benötigt wird.
Wissen als Teil des Prozesses
Gesellschaftliche Veränderungen wie der demografische Wandel lassen sich nicht aufhalten. Unternehmen können jedoch entscheiden, wie sie damit umgehen. Wer Erfahrungswissen ausschließlich an einzelne Personen bindet, macht seine Produktion zunehmend verwundbar. Wer Wissen dagegen systematisch digitalisiert und direkt in den Arbeitsprozess integriert, schafft die Grundlage für stabile Abläufe – unabhängig davon, wer gerade an der Linie steht. Die eigentliche Stärke moderner Werkerassistenz liegt deshalb weniger in der Digitalisierung von Arbeitsanweisungen als in der Sicherung unternehmenskritischen Wissens. Erfahrung wird nicht ersetzt, sondern bewahrt und für alle Beschäftigten nutzbar gemacht. Angesichts der bevorstehenden Verrentungswelle könnte dies zu einem der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren der industriellen Produktion werden.