Wenn KI industrielle Anlagen steuert

Agentic AI: Wendepunkt für die Produktivität?

KI-Agenten bedienen Unternehmenssoftware und übernehmen bei Zugriff auf die Steuerungssoftware die Steuerung industrieller Anlagen. Wer setzt die Grenzen?

Bild: iStock, MF3d
18.09.2026

KI-Agenten versprechen mehr Produktivität und ihre Nutzung in Unternehmen wächst kontinuierlich. Gleichzeitig bringen sie auch neue Risiken mit sich. Laut Gartner werden bis Ende dieses Jahres rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische Agenten enthalten. Doch wer kontrolliert diese Systeme?

In der Fachwelt ist schon seit Längerem von „Agentic AI“, also „KI-Agenten“, die Rede. Mit dem neuen KI-System „Grok Bot“ von SpaceXAI wird dieser abstrakte Begriff nun erstmals für einen breiten Nutzerkreis praktisch erlebbar, so die Einschätzung der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA). „Grok Bot wird für Agentic AI die Rolle übernehmen, die ChatGPT Ende 2022 für die breite Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz gespielt hat. Aus einem Schlagwort wird eine persönliche Erfahrung“, so BWA-Geschäftsführer Harald Müller.

Automatisierte Abläufe statt einzelner KI-Antworten

Der BWA-Chef spricht von einem „Wendepunkt für die Produktivität“, dessen Ausmaße die meisten Menschen noch gar nicht begreifen würden. Müller weiter: „Das System kann praktisch jede Anwendung und jede Website automatisiert bedienen, und zwar in jedweder Kombination. Man beschreibt ein Ziel, und die KI-Agenten übernehmen alle Schritte auf dem Weg zum Ergebnis.“

Als Beispiel dafür, wie greifbar dieser Wandel ist, nennt die BWA die Erstellung einer Website. Menschen ohne Programmierkenntnisse können einem Agenten wie Grok Bot beschreiben, wie ein Internetauftritt aussehen und welche Funktionen er bieten soll. Ein denkbarer Auftrag lautet: „Erstelle eine Website für meinen Handwerksbetrieb mit Leistungsübersicht und Kontaktformular.“ Der Agent übernimmt die technische Umsetzung; der Auftraggeber beurteilt das Ergebnis und beschreibt Änderungen.

Als Beispiel dafür, wie greifbar dieser Wandel ist, nennt die BWA die Erstellung einer Website. Menschen ohne Programmierkenntnisse können einem Agenten wie Grok Bot beschreiben, wie ein Internetauftritt aussehen und welche Funktionen er bieten soll. Ein denkbarer Auftrag lautet: „Erstelle eine Website für meinen Handwerksbetrieb mit Leistungsübersicht und Kontaktformular.“ Der Agent übernimmt die technische Umsetzung; der Auftraggeber beurteilt das Ergebnis und beschreibt Änderungen.

KI-Agenten ziehen in den Berufsalltag

Im Berufsalltag reichen die Einsatzmöglichkeiten weit darüber hinaus, so die Bonner Wirtschafts-Akademie. Im Vertrieb kann ein Agent potenzielle Kunden recherchieren und Entwürfe für die Ansprache vorbereiten. Im Kundendienst kann er Anfragen sichten und Antwortvorschläge ausarbeiten. Die Vorbereitung eines Kundentermins lässt sich mit Kalenderdaten und aktuellen Unternehmensnachrichten verbinden. Aus einer Wettbewerbsanalyse kann unmittelbar eine Präsentation entstehen. „Über einzelne KI-Antworten hinausgehend, wie sie längst im Alltag üblich sind, absolviert Grok Bot komplette Abläufe und liefert zusammenhängende Arbeitsergebnisse.“

Die BWA erwartet in den kommenden Monaten eine rasche Zunahme der Nutzung. Geschäftsführer Harald Müller verweist auf eine Marktprognose von Gartner, der zufolge schon bis Ende dieses Jahres rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten sollen. Zum Vergleich: Mitte 2025 hatte der Anteil noch bei weniger als fünf Prozent gelegen. „Mit Grok Bot kann tatsächlich jeder für wenige Euro im Monat KI-Agenten für sich arbeiten lassen, ohne sich mit IT oder KI auszukennen“, verdeutlicht der BWA-Chef das Potenzial.

Wettbewerb um KI-Agenten

Das prognostizierte Wachstum wird nicht nur von Grok Bot herrühren, stellen die Bonner klar. Wettbewerber wie OpenAI und Anthropic setzen ebenfalls auf KI-Agenten. So könne das jüngste KI-Modell Astra von OpenAI ebenfalls die komplette Steuerung eines PC übernehmen – und damit alle Aufgaben genau wie ein Mensch erledigen. Harald Müller verdeutlicht beispielhaft: „An einem Office-PC funktioniert Astra so gut wie ein Mensch, der sagen wir Word, Excel, PowerPoint, Illustrator, Photoshop, Canva, Slack, Teams und Zoom perfekt beherrscht. Nur, in der Realität kann kein Mensch mit allen diesen Programmen perfekt umgehen, aber Astra eben schon.“

Grok Bot geht laut Müller noch einen entscheidenden Schritt darüber hinaus: „Das Programm kann auch komplexe Unter­nehmens­software bedienen, mit der viele Beschäftigte nur in Ausschnitten vertraut sind – etwa ein ERP-System wie SAP oder Lexware, ein CRM wie Salesforce, HubSpot oder Microsoft Dynamics, Buchhaltungs- und Warenwirtschaftsprogramme wie DATEV oder Sage, Ticketsysteme wie Zendesk oder ServiceNow oder das Backend eines Online-Shops.“

Harald Müller analysiert: „Unternehmen, die es verstehen, das enorme Produktivitätspotenzial von Agentic AI zügig auszunutzen, werden davon massiv profitieren. Ein Mitarbeiter kann damit beispielsweise, sofern er den Zugang dazu erhält, binnen Minuten eine Kundenanfrage mit dem Datenbestand im Vertrieb abgleichen, Produktinformationen heranziehen und ein Angebot erstellen. Und es lassen sich unzählige derartige Beispiele anführen.“

Governance und Security als Chefsache

Als die größten Hürden hat der BWA-Geschäftsführer Governance und Security ausgemacht. „Der KI-Agent kann zwar das Angebot erstellen, aber ob er es auch automatisch an den Kunden schicken darf, muss in den Betriebsregeln festgelegt werden“, so Harald Müller. „Richtig wirksam können die KI-Agenten natürlich nur agieren, wenn man ihnen Zugang zu den Kernsystemen einer Firma gewährt, von ERP über CRM und DMS bis hin zu PPS und SCM. Aber die Entscheidung, ob und in welchem Umfang man einer KI erlaubt, am digitalen Herzen eines Unternehmens zu operieren, ist keine IT-Frage, sondern Chefsache. Diese Abwägung zwischen Produktivität und Kontrollsicherheit gehört in den Führungsgremien der Wirtschaft aktuell sicherlich zu den wichtigsten Aufgaben.“

Warnungen vor zu mächtigen KI-Systemen

Diese Entscheidungen müssen auch vor dem Hintergrund getroffen werden, dass KI-Unternehmenslenker wie Dario Amodei (Anthropic), Sam Altman (OpenAI), Demis Hassabis (Google DeepMind) und Elon Musk (SpaceXAI) unisono vor möglichen katastrophalen Folgen warnen, sollten die KI-Systeme zu mächtig werden. „Wenn die KI-Elite befürchtet, dass Künstliche Intelligenz die Welt oder jedenfalls das Internet an sich reißen könnte, dann sind die Führungsgremien der Wirtschaft ebenfalls aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass die KI nicht ihre Unternehmen von innen heraus erobert“, zieht BWA-Chef Harald Müller eine Parallele zwischen der globalen Entwicklung und dem betrieblichen Einsatz.

Pseudo-Entscheidungen und schleichende Abhängigkeit

Zudem könnten sich Abhängigkeit und Transparenz zu Problemfeldern entwickeln, gibt Müller zu bedenken, wenn Entscheidungen und Prozesse zunehmend durch KI vorbereitet oder sogar automatisiert werden. Er sagt: „Die Gefahr liegt bei Pseudo-Entscheidungen. Wenn wir privat oder beruflich immer stärker davon ausgehen, dass die Vorschläge der KI schon richtig sein werden und wir sie nur noch pro forma abnicken, übernimmt die KI faktisch schleichend die Entscheidungsgewalt.“

Gefahr durch KI-Schattenagenten

Der BWA-Chef warnt außerdem vor „KI-Schattenagenten“. Damit sind Mitarbeitende gemeint, die unabhängig von der betrieblichen IT eigenständig Grok Bot oder ähnliche Agentensysteme einsetzen, um ihre persönliche Produktivität zu erhöhen. „Zwar speichert Grok Bot zumindest nach heutigem Kenntnisstand keine Logins oder ähnlich vertrauliche Daten bei sich ab, aber letztlich erhält die KI Zugang zu den Kernsystemen eines Unternehmens, wenn man beispielsweise die Bildschirm­masken von der KI ausfüllen und dazu Daten zwischen verschiedenen Anwendungen übertragen lässt, was ohne weiteres möglich ist.“

Produktivität und mögliche Massenarbeitslosigkeit

Der BWA-Chef sieht die Entwicklung der Agentic AI aus anderen Gründen ebenfalls zwiespältig. „Konsequent zu Ende gedacht, kann eine einzige Person eine ganze Abteilung ersetzen. Das stärkt die Produktivität und senkt die Kosten, führt aber auch direkt in die Massenarbeitslosigkeit.“ Er verweist auf das Phänomen des Solopreneurships, das in den USA immer stärker um sich greift. Der Begriff beschreibt, dass eine einzige Person mithilfe von KI eine komplette Firma aufbaut und steuert, ohne Angestellte zu benötigen. Die KI fungiert dabei als Programmierer, um Apps oder eine Website aufzubauen, als Vertriebsteam, für die Kundenberatung und als Buchhalter. Harald Müller sagt: „In den USA ist das Rennen um das erste One-Person Unicorn bereits in vollem Gange, also das erste Ein-Personen-Startup mit einer Marktbewertung von über 1 Milliarde Dollar. Nach meinem Wissen hat Deutschland dieses Rennen noch gar nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn sich daran beteiligt.“

Von digitalen zu physischen Agenten

Während der Zugang von KI-Agenten zu IT-Systemen in den meisten Firmen noch in den Kinderschuhen steckt, sieht BWA-Geschäftsführer Harald Müller die zweite Welle bereits in wenigen Jahren auf die Wirtschaft zurollen. „Heute reden wir von ‚digitalen Agenten‘, künftig werden es ‚physische Agenten‘ sein, sprich humanoide Roboter“, verdeutlicht er seine Prognose.

KI in industriellen Steuerungssystemen

Im Smart Home sei bereits heute die Steuerung der physischen Umgebung über Grok Bot und ähnliche Agentensysteme möglich. Der Schritt in die industrielle Welt könnte zügig erfolgen, schon bevor Humanoide zur Realität werden, gibt Müller zu bedenken. Er erläutert: „Alle industriellen Steuerungs­systeme arbeiten mit Software, die Maschinen kontrollieren. Kommt die KI an diese Software heran, kann sie letztendlich die Steuerung der Anlagen übernehmen.“ Das gelte analog für Smart Buildings, die ebenfalls weitgehend durch Software gesteuert werden.

Nach Einschätzung der BWA braucht es für Eingriffe in Gebäude oder Maschinen klar begrenzte Berechtigungen, überprüfbare Abläufe und technische Schutzmechanismen. „Mit dem Übergang der KI in die reale Welt wächst die Verantwortung“, sagt Harald Müller. Unternehmen sollten seiner Meinung nach zunächst mit überschaubaren Aufgaben beginnen und ihre Beschäftigten befähigen, KI-Agenten kompetent anzuleiten. Wer diese Zusammenarbeit beherrscht, kann die neue Technik gezielt für bessere Arbeit einsetzen.“

Maßnahmen gegen unkontrollierte Agenten

Parallel dazu sollten Unternehmen umgehend Maßnahmen ergreifen, um der unkontrollierten Ausbreitung von KI-Agenten im Betrieb vorzubeugen. „Mit Grok Bot und Konsorten wächst die Verantwortung der unternehmerischen Führung enorm“, erklärt BWA-Chef Harald Müller.

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