Interview mit Sebastian Seitz, CEO von Eplan & Cideon „Wir schaffen die Grundlage für Mehrwerte“

Sebastian Seitz, CEO von Eplan & Cideon: „Wir stellen sicher, dass unsere Lösungen nahtlos mit den Partner-Ökosystemen zusammenarbeiten.“

Bild: Eplan
30.10.2023

Die digitale Transformation gelingt nur mit vernetzten Systemen, durchgängigen Daten und enger Kooperation der Hersteller untereinander. Und alles beginnt beim Engineering, weil hier die Grundlage geschaffen wird. Dieser Verantwortung stellt sich Sebastian Seitz, CEO von Eplan & Cideon, gerne, wie er im Gespräch mit A&D verrät. Denn Kunden brauchen Transparenz über die komplette Wertschöpfungskette für mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Fühlen Sie sich durch Ihre bereits 2015 gestartete Initiative „Smart Engineering and Production“ – kurz SEAP, als Vorreiter, Datendurchgängigkeit über die ganze Wertschöpfungskette zu generieren?

Wir wollten zusammen mit unseren SEAP-Partnern Rittal und Phoenix Contact damals einfach loslegen, weil wir frühzeitig wussten, wie wichtig eine durchgängige Digitalisierung von Engineering und Produktionsprozessen im Steuerungs- und Schaltanlagenbau ist. Die ursprüngliche Vision hat sich inzwischen in bewährte Lösungen verwandelt, die täglich zum Einsatz kommen und einen effizienten Wertschöpfungsprozess, der sich von der Planung über die Produktion bis hin zu Betrieb und Service erstreckt, ermöglicht. Ein Schlüsselelement dabei ist die uneingeschränkte Konsistenz der Daten, die auf einer einzigen verlässlichen Quelle basiert. Und das beginnt eben beim Engineering mit standardisierten, qualifizierte Artikeldaten und Schnittstellen-Standards. Unser Ziel war es immer, Standards zu definieren und sicherzustellen, dass sie pragmatisch und schnell umgesetzt werden. Wir möchten keine abgeschlossene Lösung für uns behalten, sondern Standards schaffen und Kunden Mehrwerte bieten.

Eine Aussage von Ihnen ist: „Wir benötigen standardisierte Datenbeschreibungsmodelle schon früher als in der Phase des Engineerings.“ Was stellen Sie sich hier vor?

Schon in den frühen Phasen, bevor das eigentliche Detail-Engineering beginnt, sind standardisierte Datenbeschreibungsmodelle entscheidend. Wenn Unternehmen Konzepte für neue Anlagen erstellen und mit ihren Auftraggebern verhandeln, müssen sie detaillierte Informationen austauschen. Je mehr Informationen in dieser Phase verfügbar sind, desto effektiver kann dieser Austausch stattfinden. Wir möchten dabei helfen, diese Informationen bereits in dieser Phase, der Vorplanung, zu standardisieren und für spätere Phasen wie dem Engineering direkt nutzbar zu machen. Das erleichtert nicht nur die Dokumentation, sondern auch die Effizienz bei der Umsetzung und Wartung von Anlagen.

Ist ein zentrales und wichtiges Ergebnis aus SEAP und Ihren Lösungen, den Digitalen Zwilling zu ermöglichen – dessen Wichtigkeit unumstritten ist?

Ja, definitiv. Der Digitale Zwilling ist ein zentrales Ergebnis unserer Arbeit in der SEAP-Initiative. Unsere Aufgabe ist es, diese Modelle nicht nur konzeptionell zu entwickeln, sondern auch praktisch umzusetzen. Denn es gibt nicht nur einen Digitalen Zwilling, sondern verschiedene Ausprägungen, die unterschiedlichen Zwecken dienen. Ein Digitaler Zwilling kann beispielsweise aus einem Schaltplan bestehen, der die Automatisierungstechnik und Verdrahtung einer Anlage beschreibt. Ein anderer Digitaler Zwilling kann ein 3D-Modell eines Schaltschranks sein, das verwendet wird, um seinen physischen Herstellungsprozess zu automatisieren. Wir helfen unseren Kunden bei der Verwaltung des Digitalen Zwillings mit der Eplan Plattform. Sie bietet Software für vielfältige Engineering-Disziplinen aus einer Hand und dient als zentrale Basis, an der Informationen aus verschiedenen Tools und Engineering-Prozessen zusammenlaufen und koordiniert werden. Dies ermöglicht eine effiziente Verwaltung und Nutzung des Digitalen Zwillings. Über die Eplan Plattform können wir auch bestimmte Teilmodelle daraus wieder ableiten und anderen Engineering-Tools, wie beispielsweise ClipX Engineer von Phoenix Contact, zur Verfügung stellen. Und das geht auch wieder zurück in die andere Richtung. Wichtig dabei ist immer die Datendurchgängigkeit. Der Digitale Zwilling ist auch nie vollständig oder „fertig“, denn er wird über die Lebensdauer seines physischen Pendants immer weiter mit Informationen angereichert.

Immer mehr hört man auch vom Digitalen Typenschild. Ist das ein wieder ein Teilaspekt vom Digitalen Zwilling, angereichert mit Informationen wie Reparierbarkeit und Entsorgungsanweisungen?

Ja, das „Digitale Typenschild“ ist in der Tat ein wichtiger Teil des Digitalen Zwillings. Es enthält nicht nur grundlegende Informationen, sondern im Idealfall auch zusätzliche Daten zur Reparierbarkeit, Entsorgung und anderen nachhaltigen Aspekten. Dies macht künftig den Digitalen Zwilling zu einer wertvollen Informationsquelle für alle Phasen des Lebenszyklus eines Produkts oder einer Anlage. In der Praxis bietet meist ein integrierter QR-Code auf dem Produkt Zugang zum Digitalen Typenschild. Darin finden sich nutzergerecht und rechtssicher die grundlegenden Produktinformationen gemäß der globalen Kennzeichnungsanforderungen. Dies erleichtert die effiziente Nutzung und Weiterverarbeitung von Informationen in Systemen und durch Menschen.

Trotzdem reden wir über die Verwaltungsschale, den Digitalen Zwilling, das Digitale Typenschild etc... Statt einfacher, wird es gefühlt komplexer, allein schon von den Begrifflichkeiten her…

Leider fühlt sich die Terminologie in diesem Bereich mitunter kompliziert an, sie ist gespickt mit Buzzwords. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Komplexität zu vereinfachen und in die Praxis umzusetzen. Letztendlich interessiert es niemanden, wie etwas genau benannt wird. Es geht darum, einen bestimmten Nutzen zu realisieren. Wenn wir unseren Kunden zeigen können, dass etwas jetzt besser funktioniert als zuvor, unabhängig davon, ob es nach Standard A oder Standard B benannt ist, dann ist das letztendlich das, was zählt. Am Ende geht es darum, wie diese Technologien dazu beitragen, reale Probleme zu lösen und Prozesse zu verbessern. Aber ja, manche Begriffe werden zu inflationär verwendet.

Ist die SEAP-Initiative auch Grundlagenarbeit für Ihr Eplan Partner Network gewesen?

Tatsächlich war die Partnerschaft mit Phoenix Contact und Rittal ein wichtiger Ausgangspunkt für unsere Bemühungen, durchgängige Prozessketten zu schaffen. Und ja, sie dient als Grundlage. Wir haben allerdings schon immer mit verschiedenen Partnern zusammengearbeitet, aber das Eplan Partner Network hat diese Zusammenarbeit formalisiert und strukturiert. Wir haben klare Ziele und Vereinbarungen mit unseren Partnern getroffen, um gemeinsam die Durchgängigkeit und Integration verschiedener Applikationen und Plattformen voranzutreiben. Ziel ist immer ein möglichst einfacher bidirektionaler Datenaustausch. Und die Anzahl der Partnerschaften wächst und wächst, von kleinen Unternehmen bis hin zu den großen Playern der Industrie. Wir sind sehr glücklich darüber, weil wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, nämlich diese Datendurchgängigkeit herzustellen – und das auf einem hohen und nachhaltigen Qualitätsniveau.

Jetzt ist Eplan selbst ein Teil der Friedhelm Loh Group. Ist also auch Rittal ein integraler Bestandteil des Partner Networks?

Inzwischen sehen wir die Notwendigkeit für Partnerschaften innerhalb der Friedhelm Loh Group – auch gemeinsam mit Rittal. Das ist eine großartige Möglichkeit, die nahtlose Integration vom Engineering bis hin zur Maschinenautomatisierung und Anlagenbau in der Praxis, z.B. in den nun global entstehenden Rittal Application Centern zu erleben. Es ist wichtig zu betonen, dass all unsere Partner strategisch ausgewählte Unternehmen sind, die unsere Vision und Werte der Transparenz und Datendurchgängigkeit teilen.

Welche Erkenntnisse oder Lösungen ergeben sich aus dem Know-how Ihres Partner Networks?

Unser Eplan Partner Network bietet tiefe Einblicke in verschiedene Lösungen. Unser Ziel ist jedoch nicht, Wissen zu extrahieren. Stattdessen arbeiten wir daran, unsere Plattform und APIs für Partner möglichst einfach zugänglich zu machen. Unsere Absicht besteht darin, eine stabile und umfangreiche Basis zu schaffen, die eine breite Palette von Anwendungsfällen abdecken kann. Unser Ziel ist immer, die Ergebnisse und Erkenntnisse aus unseren Partnerschaften zu synchronisieren, um möglichst übergreifende Standards zu schaffen. Wir möchten sicherstellen, dass unsere Lösungen nahtlos mit den Partner-Ökosystemen zusammenarbeiten. Dabei berücksichtigen wir die vielfältigen Anforderungen unserer Partner und deren Kunden, um unsere Lösungen kontinuierlich zu optimieren.

Wenn wir über die Energiewende sprechen, dann muss hier ebenfalls das Engineering dringend beschleunigt werden. Haben Sie deshalb zusammen mit Rittal die „Base Solutions“ für Energieprojekte umgesetzt?

Ja, denn hier sind wir beim entscheidenden Punkt – wir müssen alle schneller werden für die Energiewende. Bei den „Base Solutions“ für Energieprojekte handelt es sich um fertige Best-Practice-Projekte von der Engineering-Phase bis zur Hardware-Auswahl. Diese Templates sollen unseren Kunden helfen, effizienter zu arbeiten und den Weg zur Produktivität zu verkürzen. Die Base Solutions sind auch eine Antwort auf die Vielzahl lokaler Vorschriften im Bereich der Energieverteilung. Jeder Energieversorger hat seine eigenen Anforderungen, was die Gestaltung der Verteileranlagen betrifft. Um die Transformation schnell und hochwertig umzusetzen, sind vorgefertigte Templates unerlässlich. In der Vergangenheit haben wir es dem Kunden überlassen, mit unseren Werkzeugen zu starten. Jetzt konzentrieren wir uns auf spezifische Segmente und bieten maßgeschneiderte Industriebeispiele an. Wir möchten unseren Kunden den Einstieg so einfach wie möglich machen, damit sie schneller wirtschaftlichen Nutzen aus unseren Lösungen ziehen können. Wir übernehmen mehr Verantwortung und geben klare Empfehlungen, ohne sie zu bevormunden.

Zum Abschluss: Wenn es um das Engineering geht, warum kommt ein Kunde dann nicht an Eplan vorbei?

Natürlich kommt ein Kunde an uns vorbei. Eplan ist ein wichtiger Akteur im Bereich Engineering von Automatisierungsprojekten, aber wir sind uns bewusst, dass Kunden auch andere Optionen haben. Unser Fokus liegt deshalb darauf, unseren Kunden die Möglichkeit zu bieten, im elektrotechnischen Engineering Spitzenleistungen zu erbringen – und das so einfach, schnell und effizient wie möglich. Wir verstehen, dass jeder Kunde individuelle Anforderungen hat, und wir stellen ihnen möglichst standardisierte Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sie die besten Ergebnisse erzielen können. Wir arbeiten ständig an Innovationen, um die Prozesse zu verbessern und unseren Kunden einen nachhaltigen Mehrwert zu bieten.

Und welche Ziele haben Sie sich persönlich für die nächsten Jahre gesteckt?

Mein persönliches Ziel ist es, unsere Mehrwerte noch globaler verfügbar zu machen. Wir sind bereits in Europa und ausgewählten Ländern führend, aber wir möchten die Marktführerschaft in allen relevanten Regionen erreichen. Unser Fokus liegt auf der Durchgängigkeit der Prozesse und der Vermittlung dieses Mehrwerts für unsere Kunden. Die Welt bietet noch viele Märkte, die wir erschließen können, und ich sehe die Reise noch lange nicht am Ende.

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