Die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg zeigt die Notwendigkeit der Unabhängigkeit von russischem Erdgas. Die Folgen eines Embargos wären besonders für die Industrie schwer zu tragen.

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Neue BDEW-Analyse Wie viel Erdgas aus Russland kann kurzfristig ersetzt werden?

24.03.2022

Die Abhängigkeit von russischem Erdgas ist zur Zeit in aller Munde und die Folgen eines Embargos nur schwer abzuschätzen. Die Energiewirtschaft arbeitet mit Hochdruck daran, Alternativen zu finden. Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, erklärt die aktuelle Lage.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat eine Analyse zur Frage vorgelegt, wie viel Erdgas kurzfristig, also bei einem unmittelbaren Ausfall aller Erdgaslieferungen aus Russland, in den Bereichen Wärme, Stromerzeugung, Industrie und Verkehr in Deutschland durch den Einsatz anderer Energieträger oder durch Einsparungen ersetzt werden könnte.

Hierzu Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung: „Stand heute lassen sich rund 50 Prozent des russischen Erdgases kurzfristig ersetzen oder substituieren. Das entspricht etwa 20 Prozent des Jahresgasbedarfs in Deutschland. Im Wissen, das ein Embargo nur mit erheblichen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft einhergeht, arbeitet die Energiewirtschaft mit Hochdruck daran, mittel- bis langfristig unabhängig von fossilen Rohstoffen und damit auch von russischen Importen zu werden.“

Der Anteil russischen Erdgases an allen Erdgaseinfuhren nach Deutschland liegt in den Monaten Januar bis März 2022 bei schätzungsweise 40 Prozent (aufgrund höherer Lieferungen aus anderen Lieferländern). Bliebe es bei diesem Anteil, könnte – bezogen auf das ermittelte Gesamtreduktionpotenzial – laut BDEW-Analyse etwa die Hälfte der russischen Gaslieferungen nach Deutschland kurzfristig ersetzt oder eingespart werden.

Embargo trifft Industrie am härtesten

Die Erdgasersatz- oder Einsparpotenziale – bezogen auf den jeweiligen gesamten Gasbedarf – lassen sich für die einzelnen Bereiche wie folgt aufschlüsseln:

Kurzfristige Substitutions- und Reduktionspotenziale sind bei Haushalten, in der Industrie und bei Gewerbe, bei Handel und Dienstleistungen (GHD) vorhanden, aber begrenzt: Bezogen auf den gesamten jeweiligen Gasbedarf liegen diese Potenziale im Bereich der Haushalte bei 15 Prozent, in GHD-Bereich bei zehn Prozent und in der Industrie bei acht Prozent. Mittel- bis langfristig sind beispielsweise durch Umrüstungen, Energieträgerwechsel oder Effizienzmaßnahmen weitere Potenziale erschließbar.

Im Bereich der Stromerzeugung beträgt das kurzfristige Substitutions- und Reduktionspotenzial 36 Prozent des Erdgasverbrauchs der Kraftwerke der öffentlichen Versorgung und in der Industrie. Auf den Einsatz von Gaskraftwerken kann nicht vollständig verzichtet werden, da sonst die Wärmeversorgung von Haushalten (Fernwärme) und Betrieben (Prozesswärme) gefährdet wäre. Ein großer Teil der Erdgaskraftwerke muss daher weiter betrieben werden. Die wegfallende Stromerzeugung aus Gaskraftwerken ließe sich durch die Stromerzeugung aus bestehenden andere Kraftwerkkapazitäten ersetzen, in einzelnen Stunden (wenig Wind, Spitzenlastzeiten) wären dennoch Gaskraftwerke zur Spitzenlastdeckung erforderlich.

Insbesondere in der Industrie ist das kurz- bis mittelfristige Substitutionspotenzial für Erdgasanwendungen mit 8 Prozent des gesamten industriellen Erdgasverbrauchs gering. Die Industrie würde damit von einem Embargo voll getroffen werden, ohne dass realistische kurzfristige Optionen einer Energieträgersubstitution bestehen (Haushaltskunden und soziale Einrichtungen werden im Fall einer Liefereinschränkung grundsätzlich vorrangig beliefert). Ein Embargo würde auch das Ziel voller Gasspeicher zu Beginn des nächsten Winters in Frage stellen.

Russisches Erdgas nur zum Teil ersetzbar

Kerstin Andreae zur Situation:

„Wir können den Import russischen Erdgases Stand heute nur zum Teil ersetzen. Alternativen wie Flüssigerdgas können helfen, fehlende Mengen auszugleichen. Eine Ausweitung der inländischen Förderung ist begrenzt beziehungsweise unsicher. Auch Optionen wie zum Beispiel Biogas stehen insbesondere kurzfristig nur begrenzt zur Verfügung. Hier müssen mit Blick auf den Anbau von Energiepflanzen auch ökologische Aspekte und mögliche negative Folgen für die Wasserressourcen bedacht werden.

Angesichts der Ergebnisse unserer Analyse ist für uns klar: Die Energiewirtschaft arbeitet mit Hochdruck daran, kurzfristig Energiemengen aus Russland zu substituieren und einzusparen und mittel- bis langfristig unabhängig von fossilen Rohstoffen und damit auch von russischen Importen zu werden. Der Aufbau von zwei LNG-Terminals, die Erhöhung der Importmenge aus anderen Ländern und eine nachhaltige Sicherung der Füllstände in den Gasspeichern sind unabdingbar.

Dauerhaft unabhängiger zu werden, heißt aber auch, jetzt sämtliche Weichen in Richtung Ausbau der Erneuerbaren zu legen. Es muss so schnell wie möglich mehr Fläche für Erneuerbare-Energien-Anlagen ausgewiesen werden. Und es muss sichergestellt sein, dass das Ziel, zwei Prozent der Flächen in Deutschland für regenerative Energieerzeugung bereitzustellen, auch wirklich vollständig geschafft wird und nicht im Verfahrensweg schrumpft.

Im Wärmesektor wird eine beschleunigte Altbausanierung und die Ablösung fossiler Technologien durch klimaneutrale Systeme jetzt noch wichtiger. Zudem müssen die Bedingungen für Netzausbau und Wasserstoff-Hochlauf schnellstens verbessert werden. Das Motto kann jetzt nur noch heißen: Beschleunigung jetzt!“

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